„Oh, ich lieeebe Interviews!“ ruft Iris aus und tauscht den Kinderstuhl in ihrer kleinen Küche gegen einen großen für mich. (Joaquin, 3, schläft nebenan einen verspäteten Mittagsschlaf). Also bist du es gewohnt, interviewt zu werden, schlussfolgere ich, scharfsinnig, wie ich nun mal bin. Iris kommt aus Maastricht, ist Singersongwriter, gibt nebenbei Gesangsunterricht, (hey, ich wollte doch SCHON IMMER mal singen lernen), singt 50er Jahre Chansons und Country, aber am liebsten 50er Jahre, und trägt knallroten Lippenstift.
Sie zeigt mir ein paar Fotos von sich mit ihren verschiedenen Bands. Du erinnerst mich an June Carter, sag ich (an eine June Carter ohne Kontrabass), und June, äh, Iris freut sich. Später entdecke ich ein paar Johnny Cash und June Carter Alben auf dem Fensterbrett (ja, ich bin wirklich scharfsinnig).
„Ich bin auch einmal geflogen“, erzählt Iris, als es an den Austausch der Lebensläufe geht, „und die offizielle Erklärung dazu lautete: zu lebenslustig“, sie gluckst vor Freude, „ist das nicht toll? Und zwar hab ich da in einem Café gearbeitet und war mit einem Kellner zusammen, den hab ich immer in die Küche gezogen… Ja, und dann brauchte ich mit meinen Tellern zu lang, weil ich immer Karottenherzchen geschnitzt habe. Es sah herrlich aus, aber, naja, es dauerte einfach viel zu lang.“ Ich muss losprusten. Iris, die sich einen livrierten Kellner schnappt (Schwingtür) und hinterher Liedchen trällernd Karottengarnituren schnitzt?! Mit verrutschtem Häubchen, denn Iris IST 50er Jahre!? „Radieschen lassen sich auch gut schnitzen…“, sagt sie noch und lacht verschmitzt.
Als Iris vor sechs Jahren nach Berlin kam, trat sie mit einer eigenen Band in Clärchens Ballhaus in Mitte auf. „Wir sollten Schlager spielen. Ich, als Niederländerin, kannte keinen deutschen Schlager, die musste ich mir erst alle drauf schaffen. Aber es hat Laune gemacht!“
„Jedenfalls war im Ballhaus der Kulturenclash richtig spürbar, als es übernommen wurde. Das Ballhaus war ja seit den 30ern lange Zeit bis in die DDR Zeit hinein gar nicht in Betrieb gewesen, und als es übernommen wurde, gab es noch kein Lametta, sondern statt dessen ein Loch im Dach, durch das konnte man bis auf die Tanzfläche sehen. Und da tanzten also angestaubte Ostpärchen ihren Schwoof, wie sie ihn schon seit Jahrzehnten tanzten und wollten auch nichts anderes, als ihren Schwoof tanzen, wie sie ihn eben schon seit Jahrzehnten tanzten. Und da kamen also die jüngeren und sagten: wow, was für ein toller Ort, juchhu, Party, und hatten Lust auf Neues. Diese zwei Welten prallten aufeinander, dass die Luft brizzelte, es gab Abende, da fragte ich mich sogar, ob das gut gehen würde. Wirklich! Und dann gab es auch noch anderes Bier von einem neuen Anbieter zu anderen Preisen – und da regten sich auch einige auf. Aber die neuen Betreiber haben auch ein paar Angestellte aus der alten Ära übernommen, den Türsteher zum Beispiel, der schon siebzig sein muss, und der die Leute noch mit einem Diener hereinbittet und so eine Brücke schlägt von dem Früher zum Jetzt.“
Seit einiger Zeit singt Iris aber wieder allein, ohne Band, höchstens mit Gästen. Und sie ist eine der vier Runaway Brides, (also der „türmenden Bräute“), mit denen sie oft im White Trash auftritt. „Unsere Songs basieren alle auf Erfahrung, die heißen dann „you only love me, when you’re drunk“, zum Beispiel.“ Iris hat als Runaway Bride Joaquin allein aufgezogen. „Ich hab ihn viel mitgenommen, es gibt eine Menge Backstagefotos von ihm. Und ich hatte und habe ganz großartige Freunde, die sich um ihn wie eine Familie kümmern.“
„Ich finde es ein bisschen schade“, sagt Iris über den Prenzlauer Berg, „dass die Leute hier nicht mehr miteinander flirten, auf der Straße. Manchmal passiert es doch, dass man etwas gemeinsam beobachtet – warum kann man sich denn da nicht mit einem Blick ein bisschen zu Komplizen machen? Weißt du, was ich meine?“ Ich weiß es. „Das fehlt mir hier total. Oder ja, auch und besonders die Mütter: warum kann man sich denn nicht ansehen und grüßen auf der Straße, wenn man aneinander vorbei geht, mit seinem Kind – wir haben doch schließlich ein gemeinsames Hobby! Naja“, sie lacht, „oder ein Pflichthobby. Aber egal! Man kann sich doch verbrüdern!“
Sie nimmt’s mit Humor. „Eine Freundin von mir hat ihr Kind in der gleichen Kita, wie ich, und wir haben jetzt auch schon beschlossen, dass wir uns nicht mehr grüßen, wenn wir uns vor der Kita sehen. Denn offentsichtlich macht man das so: man grüßt sich nicht, wenn die Kinder in die gleiche Kindergartengruppe gehen.“
„Ich finde, die Seele des Prenzlauer Bergs ist verloren gegangen. Die meisten, die hier leben, sind nur auf Durchreise hier, oder allenfalls für ein paar Jährchen, aber keiner hat mehr Bezug zur Geschichte der Straße“, bedauert sie. Andererseits will Iris auf Dauer auch nicht in Berlin wohnen bleiben. Wo wird es dich hinziehen, frag ich. „Irgendwohin mit Palmen… Aber erst muss noch das Album fertig werden, das ich grade aufnehme.“

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Das hört sich ja unterkühlt an :- (muss schlimm sein für “lebenslustige” Menschen). Da hab ichs in meinem Charlottenburger Kiez netter: man grüßt sich oder winkt von Weitem.
Vor & in der Kita wird geplaudert & Freundinnen drücken sich & tauschen Küsschen – warum wollt Ihr denn diesem “man grüßt sich nicht” folgen? da müsste ich ja stattdessen immer kichern *-*
Und die ganzen Hundchenbesitzer? Oder gibt es in Prenzelberg etwa keine?
Das mit dem Flirten finde ich zauberhaft ausgedrückt!
Es grüßt euch beide ganz herzlich und schwesterlich, Penelope