„Tolle Idee – lass uns in den Garten gehen“, schlägt mir Meike an ihrer Wohnungstür vor. Garten, sag ich, hm, grundsätzlich ja, aber es geht mir um die Wohnung, meine Wette heißt doch 200 fremde Wohnungen in 200 Tagen. „Aber ist doch so schönes Wetter“, feilscht Meike. Schönes Wetter, in der Tat, sag ich, jetzt auch feilschend, wenn ich vorher oder nachher in die Wohnung darf, können wir natürlich in den Garten gehen. Meike windet sich, „ich lass wirklich nur sehr ungern Menschen in meine Wohnung“.
Was für eine Zwickmühle, diese Wette. Einerseits würd ich gern Meike kennen lernen, andererseits bin ich doch JägerUndSammler von Parallelwelten. (Und außerdem: ohne Küchentisch will ich nicht mehr. Die Alltagsdistanz kann mir niemand so zuverlässig und schnell knacken, wie ein Küchentisch). „Schau doch erst mal, ob du vielleicht jemand anderen hier findest, der dich rein lässt“, schlägt Meike vor, „zur Not kannst du ja wieder kommen…“ Mach ich, sag ich und wende mich zum Gehen. „Du wirst sicher jemanden finden, das ist hier ein sehr nettes Haus!“ ermuntert sie mich. Ja, ich weiß, sag ich, ich war hier schon bei zweien. „Ach, bei wem?“ Jetzt spitzt sie die Ohren. Ich nenne Namen. „Ach, weißt du was, komm rein“, sagt sie und macht mir die Tür auf.
Ein Zimmer, schlicht elegant. Weiße Gladiolen in einer güldenen Schale auf dem Holztisch, eine ChromLederliege, ein Schlafsofa, über die ganze hintere Wand des Zimmers ein Bücherregal (skandinavisch).
„Dieses Projekt schreit nach einem Straßenfest!“ jubelt Meike, als sie das Wasser aufsetzt, „wir sollten da was organisieren.“ Der und der, die wären auch immer für so was zu haben. Ja, freu ich mich über so viel Enthusiasmus, ich wollte eh bei den ersten 100 als Zwischenstand ein kleines Fest machen, und nach den 200 muss natürlich auch was passieren – nur blöderweise fällt das Wettende ja mitten in den Januar, vielleicht etwas ungünstig für ein Straßenfest – ach, obwohl, warum eigentlich nicht, ältliche Weihnachtsrestkekse essen im Schneematsch… „Hier leben so wunderbare Leute und ich bin so froh, wieder in Berlin zu sein, ich hätte nie weggehen sollen! Ich liebe diese Stadt und ich liebe diese Straße! Warte mal, das ist doch… Du, S.!“ ruft sie einem Nachbarn zu, der gerade durch den Hof spaziert, „hast du heute irgendwann Zeit? Ich hab hier Besuch, von einer, die ein Projekt über die Immanuelkirchstraße macht und die die Leute hier kennen lernen will… Aha, aha… Aber vielleicht später? Weißt du, ich finde, das muss man unterstützen. Ja? Wann also kann sie kommen?“ Schon hab ich einen Kaffeetermin.
Meike hat 38 Jahre lang im Nordrheinwestfälischen verbracht (unter anderem als Außenstellenmitarbeiterin. Ah, Kollege, sag ich, und wir unterhalten uns über fehlende dicke Felle und das Unangenehme am UngelegenKommen).
Bis, ja bis Meike eines Wochenendes wieder mal eine Freundin in Berlin besuchte. Am Hauptbahnhof angekommen, stellte Meike ihren Koffer auf den Bahnsteig und stieß einen Stoßseufzer aus: „Endlich zuhause.“ Daraufhin hat sie sich an diesem einen Wochenende eine Wohnung gesucht, endgültig ihren Mann verlassen, ihren Job gekündigt und in Berlin das gemacht, was sie schon immer machen wollte: studiert.
Nach dem Studium bekam sie einen Job in einer, nun ja, kleineren Stadt, als Berlin es ist. „Diese Stadt wirkte wie tot. Mir fehlte Berlin so sehr, die jungen Leute, der Zusammenhalt, die vielen Zugezogenen, die das Flair hier ausmachen, dass die Leute hier individualistischer sind… Ich mag an Berlin, dass man hier so sein kann, wie man will. Jeder hat irgendwie einen Tick – und jeder kann ihn ausleben – sofern er denn einen hat. Und ohne, dass sich jemand daran stört.“
Also hat Meike ihren Job in der kleinen Stadt gekündigt, und ist wieder zurück nach Berlin gezogen, in ihre alte Wohnung. „Jetzt bewerb ich mich und ich werde schon was finden!“

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