Noch 126 Tage und schon 63 Kaffees: Nicole und Stefanie.

Ein Lob auf das dichte Haubitzentum. Nur schade, dass ich mich gestern Nacht, als es sich zu mir gesellte, vor lauter Euphorie ins Bett, statt an das Schreiben stürzte! Ausnützen hätt ich das Wolkenloch müssen! Aber nein, im puren Vertrauen auf Haubitzens Treue und all die vielen schönen Tage, die ihrer da noch kommen würden, legte ich (naiv, wie ich bin) mich selig schlafen und um das bereits schnarchende Haubitzerl meinen Arm. Auf gute Freundschaft, dacht’ ich noch, kurz vorm Wegdämmern.

Heut morgen war es natürlich weg, das Haubitzerl – und hat als Abschiedszetterl nur einen Kater hinterlassen. Ach weh, oh ach, hätt ich doch nur ein kleines bisschen länger durchgehalten! Dann säß ich jetzt nicht haubitzenseelenallein mit einem Brummschädel hier und wär so klug als wie zuvor, sondern statt dessen vielleicht schon das ein oder andere Artikelchen weiter.

(Aber so verlockend der Gedanke auch ist – mich auf die Suche nach einer neuen Haubitze zu machen, jetzt, am späten Nachmittag, scheint mir auch nicht gerade die sozial erwünschte Herangehensweise zu sein… Oder?)

Räusper. Versuch ich’s halt so. Schädel brumm. Nochmals RÄUSPER. Vorhang auf.

„War die Frau mit dem Kuchen denn schon bei dir?“ wurde Nicole von einer Kollegin gefragt, „du wohnst doch schließlich auch im Prenzlauer Berg?“ – „Kuchen? Wo?“ hat Nicole zurück gefragt, meinen Blog gelesen und mich kurzerhand eingeladen: „wir sind eine SchonImmerBerliner – Zugereiste – Kombi und freuen uns auf dich!“

Die Tür steht schon auf, Nicole ruft fröhlich aus der Küche: „Komm rein, komm rein!“ In der Küche ein liebevoll gedeckter Frühstückstisch, mit frischem Obst und Orangensaft – und ein Überraschungsgast (anstelle des SchonImmerBerliners): Stefanie. „Die, die gefragt hat, ob die mit dem Kuchen schon da war“, stellt sie sich vor. Wow, was für ein Kompliment, freu ich mich, denn Stefanie ist extra aus Friedrichshain gekommen.

Nicole und Stefanie teilen nicht nur eine Bürogemeinschaft in Neukölln, sie sind auch beide Blogger. Nicole als freie Journalistin schreibt diesen interessanten BerlinBlog Bier statt Blumen, Motto: Asphalt statt Kaviar, der ursprünglich ein Magazin werden sollte und wollte. „Die ersten Ausgaben waren auch tatsächlich als Print am Kiosk, aber dann wurde das ganze Drumherum so aufwendig, man hätte so viel mehr machen müssen, als nur schreiben, wofür einige verständlicherweise nicht angetreten und also wieder abgesprungen sind.“ Vielleicht wird es ja wieder ein Magazin, ermuntere ich Nicole, und auch Stefanie meint: „oh ja, so viel Energie, wie du da reingesteckt hast!“ Jedenfalls sind die Artikel von Bier statt Blumen allesamt standesgemäße Reportagen – und Nicole legt wahre Trüffelschweinqualitäten an den Tag, was das Aufstöbern gesellschaftstektonischer Aktivitäten von Kiez und Stadt bis in die abgelegensten Nischen hinein betrifft.

Stefanie ist ein noch exotischeres Exemplar (in meinen Augen, versteht sich), freie Lektorin, pott’sche Frohnatur und blogt über – Fußball. Fußball? Stefanie war früher Sportjournalistin und hat aus dieser Zeit ihre Leidenschaft für dieses Ding mit den zwei Hörnern (Fußball.) mitgenommen – und derer sie auf ihrem herrlich humorvoll geschriebenen Blog unrund frönt.

„Ich hab zwischendurch den Blog eine Zeit lang ruhen lassen und gemerkt, wie erholsam es ist, ein Spiel gucken zu können, ohne sich alle Sekunde zu denken, was davon kann ich wie verwerten…“ Ah, wie Kaffeetrinken ohne währenddessen versuchen, sich die Highlights einzuprägen, versteh ich. Und seltsam, ich hab mit Fußball gar nichts am Hut, also WIRKLICH GAR NICHTS, aber Stefanies Beobachtungen, Gedanken, Glossen zu lesen, macht einfach Laune! Und es geht um weit mehr als nur Fußball, da oben, auf der Metaebene. (wink).

Wir trinken Kaffee, mampfen Rosinenbrötchen und unterhalten uns über alles Mögliche, zum Beispiel und vor allem auch (natürlich) über: die Gentrifizierung. (Heuballen über die menschenleere Straße weh, roll).

Nicole hat vor einiger Zeit über Gentrifizierung recherchiert – und wer sich mal einen Überblick über das Phänomen Gentrifizierung in Berlin verschaffen will, möge das hier lesen. Und das.

„Ich bin ja selbst Gentrifizierer“, sagt Nicole, die ursprünglich aus dem Hessischen kommt, „aber irgendwie kann die erste Gentrifizierungsgeneration die zweite nicht ertragen. Die wollen die Stadt, aber ab zehn Uhr dann auch ihre Ruhe.“

„Weil wir keinen Balkon haben, verbringen wir die Sommerabende meistens draußen in der Kneipe – und es ist so eine Milieubildung, die, so meine ich, für andere Städte untypisch ist: die, die nur ins “Übereck” gehen, würden nie zum Italiener eins weiter gehen und umgekehrt. Jedes Lokal steht so ein bisschen für den Typ Mensch: die einen, die es laut, chaotisch und quirlig mögen, die anderen, die es geordnet und ruhig bevorzugen.“

Dadurch, dass Nicole schon so lange hier wohnt, „kennt man dann auch den ein oder anderen Typ, der hier dazu gehört. Das ist schön.“ Wie den MilkyMan, der so heißt, weil er mal mit einer Kilopackung MilkywayEis gesichtet wurde, oder den „TazUnioner“, der so heißt, wer er aus Leidenschaft entweder gerade die Taz verkauft, oder Uniontrikots trägt.

Trotz solcher Bekanntschaften und dem Schwätzchen mit ihnen ist das Lebensgefühl auf der prenzlauerbergischen Straße an sich in den letzten Jahren ziemlich abgekühlt, findet Nicole, vor allem, weil sie KEINE Mutter ist.

„Wenn ich nach Friedrichshain komme“, dahin also, wo Nicoles und Stefanies Bürogemeinschaft sitzt, „dann spüre ich richtig, wie ich aufatme, weil mir der Kiez hier manchmal die Luft nimmt, so kommt es mir vor. Die Menschen im Friedrichshain sind wesentlich entspannter. Und da sieht man zum Beispiel auch Graffiti und Street Art, das NICHT gleich entfernt wird, sondern auch am nächsten Tag noch da ist und einfach gut aussieht.“

Stefanie findet, dass die Kiezwahl für die persönliche Niederlassung mit einem Egoismus zu tun. „Man definiert sich so sehr darüber, in welchem Kiez man wohnt – aber dabei müssen vor allem die jeweils anderen Kieze schlecht gemacht werden. Ich wohne im Friedrichshain und alles andere „geht GAR nicht, Charlottenburg geht GAR nicht, Mitte geht GAR nicht, und so weiter, das jeweils andere ‚geht GAR nicht’, das ist doch absurd“.

 

Über rotkapi

hinterhausbewohnende, kuchenbackende und neugierige prenzlauerbergerin mit süddeutschem migrationshintergrund
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4 Antworten zu Noch 126 Tage und schon 63 Kaffees: Nicole und Stefanie.

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