Noch 124 Tage und schon 65 Kaffees: Katrin mit Christian, Helene, Lukas und Leonhard

Katrin legt mir einen Moment ihre Hand auf den Rücken, um mir in ihrer Wohnung den Weg Richtung Küche zu weisen (was notwendig war, denn die Wohnung ist offen und groß und Katrin sagte: „Gehen wir am besten an den Tisch“, aber da waren gleich zwei Tische, die es hätten sein können…). Und ich MAG diese Berührung. Warm ist sie, diese Berührung, ein kurzes AnDieHandNehmen, fürsorglich, zugewandt und herzlich und so nebenbei und selbstverständlich, dass mir ganz wohlig ums Brusterl wird.

In der Küche, oder vielmehr: im Küchenbereich, stehen ein prächtiger antiker Eckschrank, der wunderschön geschnitzt ist und bis fast unter die Decke reicht, und am Tisch drei höhenverstellbare Kinderstühle. Die Zwillinge Helene und Lukas (6) und Leonhard (8) unterbrechen ihre Spiele und kommen, um mich zu begrüßen. „Das sind meine jüngsten drei“, stellt Katrin mir ihre Kinder vor. Die „Jüngsten“? Wo sind die anderen? Katrin lacht, „meine beiden Älteren sind erwachsen, die sind schon ausgezogen.“ Fünf Kinder, denke ich und beobachte verstohlen Katrin, die den Kaffee aufsetzt und so energiegeladen, fröhlich und – unglaublich jung wirkt. Wow, denke ich.

Jetzt hab ich leider vergessen, seit wie vielen Jahren Katrin und ihre Familie schon in Berlin beziehungsweise in ihrer Wohnung leben, weil ich es mit den Zahlen auch immer durcheinander bringe, seien es also 10, 15, oder 20 Jahre, „erst letztens haben wir überlegt, wie doch die Zeit vergeht“, sagt Katrin. (Das hab ich mir merken können).

Ihren Mann kennt Katrin noch von der Schule. „Um studieren zu können, musste er sich für drei Jahre zur NVA verpflichten. Die schlimmsten Tage waren die Sonntage, wenn er wieder in die U-Schule fuhr, und ich nach Dresden“, wo Katrin erst Lehramt studierte und dann an der Schule arbeitete. „Und ich LIEBE meine Arbeit, ich bin mit Leib und Seele Lehrer“. Man sieht es, ihre Augen strahlen und funkeln. So richtig glücklich wirkt sie, mir wird ganz froh.

Kathrin ist jahrelang zwischen Dresden und Berlin gependelt, als ihr Mann dann Arbeit in Berlin bekommen hat. „Jedes Jahr habe ich mich um einen Lehrstellentausch beworben. Aber es wurde einfach keine Stelle frei, mit meiner Fächerkombi, Deutsch und Geschichte. Ich habe dann neben der Arbeit nochmal studiert, um mich weiter zu qualifizieren, Sonderschulpädagogik für Sprachbehinderte und geistig Behinderte. Weil ich dachte, damit bekomme ich doch sicher etwas.“ Das Studium hat Katrin dann so viel Spaß gemacht, dass sie die Kündigung eingereicht hat, um Vollzeit studieren zu können.

„Aber dann hat mich eine befreundete Kollegin gebeten, bei einem Gespräch dabei zu sein, das sie mit der Leitung führen musste – und nach einiger Überredung („da kannst du dich doch auch über den „goldenen Handschlag“ informieren“, hat die Kollegin gesagt) bin ich dann doch mitgekommen. Und dann saß ich da mit in dem Gespräch, und die Leiterin sagte zu mir: „Sie haben dieses Jahr zum ersten Mal keine Bewerbung für Berlin eingereicht – und gerade dieses Jahr suchen wir dringend Leute! Wenn Sie jetzt sagen, dass Sie gehen wollen, dann werfe ich Ihre Kündigung auf der Stelle hier in den Papierkorb.“ Und am nächsten Tag war Stichtag, da hab ich sofort meine Unterlagen fertig gemacht. Was für ein glücklicher Umstand, da erst gar nicht mitgehen zu wollen, und dann passt alles so zusammen – das musste ich einfach machen.“

„Die Kinder mussten sich erstmal wieder umgewöhnen, dass die Mama jetzt wieder zu Hause war. Natürlich hatte ich ihnen morgens immer die Sachen rausgelegt, aber ob die dann auch wirklich so angezogen wurden, wie ich mir das vorgestellt hatte, hab ich ja gar nicht mitbekommen. Ich saß dann ja schon im Zug.“ Überhaupt, das Pendeln im Zug.

„Es ist so schön, mit welchen Menschen man da ins Gespräch kommt. Ich mag es, mich auf die kleinen Begegnungen des Alltag einzulassen, es ist so schön und bereichernd.“ Mit der Zeit lernte Katrin andere Pendler kennen, und Leute, die zwar nicht täglich, aber trotzdem regelmäßig fahren, „und nach einer Weile hat man auch im vollen Zug einen Sitzplatz, weil einem jemand, den man gar nicht gut kennt, aber der weiß, dass man auch diesen Zug nimmt, den Platz frei gehalten hat.“

Katrin hat unter anderem auch in der Diagnostik gearbeitet, ging in Kindergärten. Wenn ein Kind Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben hat, zum Beispiel, oder damit, sich Wörter zu merken, dann sollte es als erstes zum HNO Arzt gehen, der kann feststellen, ob eine auditive Störung vorliegt. Und dann empfiehlt sie Logopädie. „Bloß keine Nachhilfe! Wichtig ist, dass alles druckfrei passiert, und das Kind so langsam sein darf, wie es ist – da kann es zum Beispiel auch sehr heilsam sein, die Noten auszusetzen.“

Ansonsten: Vorlesen, vorlesen, vorlesen, und dabei auch die Begriffe erklären, denn Worte wie „Stecken“, „Förderkorb“, „Findling“ kommen im alltäglichen Sprachgebrauch ja nicht mehr so häufig vor. „Und ich lasse mir ganz viel die Bilder erklären.“

„In den Pausen habe ich es mir jetzt angewöhnt, den Kindern vorzulesen. Sonst rennen sie eh durch die Gegend und schmieren ihre Pausenbrote hierhin und dorthin, oder vergessen vor lauter Spielen, sie überhaupt zu essen. Und beim Vorlesen hören alle ruhig zu, essen nebenher ihre Brote – und manchmal bleibt einem vor Spannung mundoffen das Pausenbrot auf halbem Wege stehen. Wenn ich das beobachte, dann geht mir immer das Herz auf.“

„Die Bücher von Ottfried Preussler sind toll zum Vorlesen und EntdeckenLassen.“ Oh ja, Ottfried Preussler, schwärme ich auch. „Der hat mit seiner Tochter eine Fortsetzung vom Kleinen Wassermann herausgebracht, warte“, sagt Katrin, „ich hol das mal eben.“

Es klingelt. Die Großeltern stehen vor der Tür. Wieder einmal bin ich heimlich beeindruckt von Katrin. Die Großeltern kommen zu Besuch, und sie lässt mich aber trotzdem noch schnell vorher zum Spontankaffee herein!? „Du kannst ja nochmal wieder kommen“, sagt sie, und legt mir, als sie mich zur Tür bringt, noch einmal kurz die Hand als Orientierungshilfe auf den Rücken.

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hinterhausbewohnende, kuchenbackende und neugierige prenzlauerbergerin mit süddeutschem migrationshintergrund
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