Sybille führt mich durch ihr Schlafzimmer auf ihren wunderschön zugewachsenen Balkon und mitten hinein in Erinnerungen an das Leben zur Zeit der DDR. Was für ein interessanter Kaffee! So viele Einblicke, Eindrücke, Erfahrungen. Wie so oft bedaure ich, dass ich nur einen kleinen Teil dessen, wessen ich lauschen darf, wiedergeben, geschweige denn, ebenso erlebbar machen kann. Und wie so oft will ich rufen: Los! Geht auch raus und klingelt!
„Wohnungen gab es in der DDR in erster Linie für Mütter“, erzählt Sybille. „Das war der Grund, warum in der DDR die Mütter alle so jung waren. Als ich mit 30 meinen Sohn bekam, wurde das schon als Risikoschwangerschaft eingestuft. Im Krankenhaus lag ich mit sechs anderen auf einem Zimmer, von denen war die Älteste 23 Jahre alt. Die hat da aber schon ihr drittes Kind bekommen.“
„Da drüben“, nickt sie über die Straße, „da war eine Polizeistation im Erdgeschoß. Und als die Demonstrationen waren, um den 7. Oktober 89 rum, denn das war ja der Tag der Staatsgründung – oder: „Geburtstag der Republik“, wie es genannt wurde, damit es für die Bevölkerung lieblicher klang – da kamen LKW Ladungen mit Demonstranten angefahren, die Polizisten zerrten die Leute an den Haaren von der Ladefläche und stellten sie in einer Reihe auf. Und dann gingen die Polizisten mit Knüppeln auf die sie los. Wir standen wie so viele auf dem Balkon hier und haben zugesehen. Aber man hat nichts dagegen machen oder sagen können. Sonst wären die Polizisten zwei Minuten später bei einem selbst vor der Tür gestanden. Wir stellten dafür, wie alle, Kerzen in die Fenster.“
„Später haben sie die Demonstranten dann in die Wache gebracht. Da gab es auch einen Keller, in dem sicher so einiges passiert ist. Am nächsten Morgen stand da“ – sie deutet auf eine Stelle – „ein Polizist und hat mit einem Wasserschlauch das Blut von der Straße gespritzt. Das war ein Erlebnis, das viele hier beschäftigt und bewegt hat. Ich habe mir schon lange keine Gedanken mehr darüber gemacht, komisch, dass ich das jetzt erzähle. Aber das sind so Dinge, die vergisst man nie. Aber die muss und soll man auch nicht vergessen.“
„In der Gethsemane Kirche – weißt du, wo die ist“, unterbricht sie sich. Ich nicke. „…da konnte man in eine Liste Menschen, die nach einer Demonstration nicht mehr aufgetaucht waren, als vermisst melden und die Kirche hat sich dann darum gekümmert. Und dieser Tage stand um die Kirche herum Polizei, dicht an dicht, und haben nur einen einMannbreiten Durchgang zur Kirche gelassen, so dass man nur hintereinander, im Gänsemarsch, an einer Stelle zwischen den Polizisten durch zur Kirche kam. Weiter ab stand auch ein Wasserwerfer, unter einem Netz, damit man ihn nicht sofort erkennt…”
“Und rund um die Kirche, auf den Zaunpfosten, waren Kerzen aufgestellt, große Altarkerzen, und kleine Kerzen, überall brannten Kerzen, und mein Sohn, den wir mitgenommen hatten, und der damals noch klein war, sagte zu mir: „Mama, schau, die Polizisten passen auf, dass niemand die Kerzen ausbläst.“ Sybille bekommt für einen Moment feuchte Augen.
„Ja, so war das. Wenn man auf eine Demo ging, dann immer nur ein Elternteil, der andere blieb bei den Kindern. Weil man nicht wusste, ob einem was passieren, ob man zurück kommen würde.“
„Dass man Kinder spät abends noch ins Restaurant mitgenommen hat, das gab es gar nicht. Die hat man zuhause gelassen und den Nachbarn den Schlüssel gegeben, damit die alle Stunde mal nach dem Kind schauen konnten. Aber so häufig im Restaurant war man gar nicht. Erstens gab es gar nicht so viele Restaurants, sondern eher Kneipen, und außerdem musste man einen Tisch vorbestellen, denn die Plätze waren sehr begehrt.“
„Und kleinere Vergehen wurden sofort geahndet, auch Rowdytum. Weil nur wenige Personen ein Telefon hatten – und wenn man eins hatte, musste man davon ausgehen, dass andere auch mithören – gab es diese öffentlichen Münzfernsprecher. Und es kam schon vor, dass ein Hörer rausgerissen wurde, oder der Apparat aufgebrochen, um an das Münzgeld zu kommen. Solche Delikte und ähnliche wurden innerhalb einer Woche zur Anklage gebracht. Neun Monate oder ein halbes Jahr Gefängnis gab es dafür. So kam es, dass viele vorbestraft waren. (Und daher kommt es auch, dass viele mit Unverständnis reagieren, wenn heute nach drei Jahren mal ein Gerichtsverfahren eröffnet wird.)”
“Jedenfalls waren durch die schnelle Ahndung auch viele vorbestraft. Und zu bestimmten Staatsanlässen (wie zum Beispiel dem „Geburtstag der Republik“, wie der Tag der Staatsgründung genannt wurde, damit es der Bevölkerung lieblicher in den Ohren klang) wurde dann oft eine umfassende Amnestie erlassen. Natürlich auch, weil gar nicht so viel Platz in den Gefängnissen war. Jedenfalls waren an solchen Tagen die Kneipen immer voll. Und in die Kneipe ging JEDER. Da war der Kohlehändler genauso wie die beiden Männer aus dem Fischgeschäft, die zusammen lebten, (auch schon zur damaligen Zeit) – und da war es so voll, dass man nur schwer einen Stehplatz bekam. Und irgendwann im Lauf des Abends wurden ein, zwei Tische zur Seite geräumt und man tanzte.“
„Ja, der Zusammenhalt war eben ein anderer, so was, wie beispielsweise die Schlüssel beim Nachbarn zu lassen… Wir durften nicht reisen und mussten mit unserer Meinung vorsichtig sein, aber wir hatten diesen Zusammenhalt.“

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