Noch 118 Tage und schon 69 Kaffees: Hanna

Ein sehr kurzer Kaffee war das. Vielleicht sogar der Kürzeste bisher. Hanna warnt mich schon, als sie mich in die Wohnung lässt, vor, dass, falls der Freund anriefe, sie los müsse, denn sie sei verabredet. Ist gut, ist gut, sag ich, ein Häkchen mehr, das ich machen kann – denn für die Wette zählt ja nur die Wohnung – trinken wir einen schnellen Kaffee!

Im Wohnzimmer hängt eine riesige Papierblumenlampe. “Von Ikea”, sagt Hanna, und da fällt mir erst auf, dass die ganze Wohnung “Ikea” ist, bis hin zum Geschirr. Natürlich. Hanna ist Schwedin.

Hanna kam vor fünf Jahren nach Berlin und studiert hier Medizin. Ihr Schnitt war zu schlecht, um einen Studienplatz in Schweden zu bekommen, erzählt sie, Wartesemester gibt es keine, wie in Deutschland zum Beispiel, und selbst mit einem 1,0er Notenschnitt muss man Glück haben, denn die rar gesäten Studienplätze Schwedens werden verlost. “Das ist der Grund, warum viele Schweden ins Ausland zum Studieren gehen.”

Und ich dachte, in Schweden wäre alles so einfach, mit dem Studieren, der Gleichberechtigung, den Kindergartenplätzen. “Ja, die Gleichberechtigung bei uns ist wirklich super – aber was den Rest betrifft, finde ich, dass sich Schweden ein bisschen auf seinem guten Ruf ausruht, immer heißt es: oh, das ist so toll und das ist so toll – und dann kommt man hierher und denkt sich, Moment mal, das hier ist viel besser!”

“Zum Beispiel gibt es in Kopenhagen eine breite Masse, einen Mainstream, die nehmen sooo viel Raum ein, und dann gibt es am Rande noch ein bisschen Raum für andere Gruppierungen, die “Anderen”. In Berlin, habe ich das Gefühl, gibt es für alle gleich viel Raum, nebeneinander.”

Ursprünglich sollte Hanna in Dänemark studieren – da kam einen Tag vor der Abreise die Zusage aus Berlin. “Da hab ich natürlich alles abgesagt und bin hierher.” Seit zwei Jahren wohnt sie jetzt mit ihrem Freund hier in der Wohnung. “Ich kenne viele Schweden, die im Prenzlauer Berg ihre Wohnung suchen – und auch explizit hier in der Immanuelkirchstraße. Ich kannte die Straße schon vom HörenSagen, als ich nach Berlin kam. Sie hat die richtige Mischung aus Cafès, Leben und gleichzeitig aber Ruhe.”

Wir unterhalten uns ein bisschen über Berlin und Kopenhagen, wie individuell Berlin doch sei, und dass im Gegensatz dazu die Kopenhagener alle demselben Stil frönten. Oh, wirklich, sage ich, mein Bild von Kopenhagen war immer ein ganz besonders… modisches, trendiges, stylisches… “Ah ja?” fragt Hanna, “was denn?” Nun, sag ich, allein schon diese blauen Hosen, alle Freunde, sag ich, die in Kopenhagen waren, kommen mit einer blauen Hose zurück. Und in Berlin trägt man einfach keine blauen Hosen. Nur eben die, die in Kopenhagen waren, kurz: sieht man eine blaue Hose, weiß man, der Träger war als Tourist in Kopenhagen. Hanna schmunzelt. Ihr Freund hat sich von seinem Schwedenbesuch auch eine blaue Hose mitgebracht.

“Ja”, sagt sie, “in Kopenhagen tragen ALLE diese blauen Hosen, also nicht nur in blau, die gibt es in allen Farben, aber ALLE tragen diese Hosen – so viel zum Individualismus. Aber wir sind auch berüchtigt dafür, modisch zu sein. Ich habe sogar gehört, dass Modefirmen, bevor sie einen neuen Trend auf den Markt bringen, einen Testlauf in Schweden machen: funktioniert der Trend in Schweden, funktioniert er auch auf dem internationalen Markt.”

Über rotkapi

hinterhausbewohnende, kuchenbackende und neugierige prenzlauerbergerin mit süddeutschem migrationshintergrund
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