Noch 117 Tage und schon 70 Kaffees: Al.

Al hat mich schon vor Wo-chen zu sich zum Kaffee eingeladen, eigentlich sogar gleich zu Wettbeginn (Wahnsinn, wie die Zeit vergeht, das ist ja schon bald 100 Tage her!). “Kuchen brauchst du nicht mitbringen”, schrieb Al, “und Kaffee koch ich auch selber”. Bis zum ersten Treffen mussten wir allerdings ein paar Termine schieben, erst musste Al (“Notfall”) zu seinem Enkel reisen, bei der Fertigstellung der Diplomarbeit helfen. Als die in Sack und Tüten war, bekam am Morgen des verabredeten Kaffeebesuchstag mein Baby Fieber. Dann war Al im schwarzwäldlerischen Urlaub, auf Erholung. Aber vergessen hat er mich nicht. “Ich bin zurück”, schrieb er, pünktlich zum Urlaubsende, “wie wär’s?”

Also hab ich mich heute kiezfern auf den Weg nach Mitte gemacht, Al wohnt in der Leipziger Straße in einem der Bienenstöcke aus der DDR Zeit. Auch ein spannender Ort, denke ich, als ich im Gang vor lauter gleichen Wohnungstüren stehe, hier könnte man sich auch mal auf die Suche nach den Parallelwelten machen.

Al begrüßt mich mit dem kräftigsten Händedruck, dem ich bisher standhalten musste. “Komm herein, komm herein.”Gemütliches Zimmer, gemütshebend gelb gestrichen, selbstgeschossene Reisefotos, Kochnische, Arbeitsecke, die auch wirklich nach Arbeit aussieht, mit Schreibtisch und diversen Lexika, Fernseher mit Fernsehsesseln (Rückenlehne verstellbar) und Tischchen. Darauf, schon angerichtet, das Kaffeeservice mit Milch im Kännchen, und konditörlichem Kuchen.

Dazu: eine fabelhafte Aussicht. Oh, das muss ich sehen, sage ich, darf ich? Und trete auf den Balkon. Was für ein herrlicher Blick über Berlin. “Ja, das ist auch der einzige Grund, warum ich hier nicht ausziehen will: jeden Tag bietet sich mir ein neues Bild”, sagt Al und zeigt mir, wo die Sonne am 21. Dezember und wo am 21. Juni untergeht. Das sind fast 100°. “So weit wandert die Sonne, ist das nicht unglaublich?”

“Aber laut ist es”, sagt er, und meint das dumpfe Rauschen, das, wie von einem Wasserfall, vom LeipzigerStraßeVerkehr heraufweht. Ach, wink ich ab, das ist doch ein gleichmäßiges Geräusch, daran gewöhnt man sich, bei DER Aussicht sowieso.

Al berichtet von seinem Besuch bei der Tochter im Schwarzwald. Schön war es, interessant auch, vor allem die Museen über die Schwarzwälder Uhren – aber so konservativ sei der Landstrich dort! “Als ich 16 war, bin ich mal mit dem Fahrrad von Berlin nach Bayern gefahren, und da war mir damals schon klar, dass ich dort niemals leben könnte! Mittlerweile sind zwar nicht mehr ganz so viele Kruzifixe überall an den Wegkreuzungen, aber sonntags geht noch immer das ganze Dorf selbstverständlich in die Kirche. Und absolut keinen Bezug zu modernen Errungenschaften wie WLAN oder UKW Radio!” Oh, das kann doch auch mal ganz schön sein, sag ich, oder, so ein bisschen Ruhe? “Ja”, gibt er mir recht, “aber doch nur für zwei Wochen! Für die ist das aber eine Lebenseinstellung!”

Al ist Blogger, und dass er ohne WLAN oder UKW Radio überhaupt nicht auskommen kann, wird jedem klar, der seinen Blog besucht: vom Berlin Marathon über Israels Siedlungspolitik bis hin zu Apollo-Verschwörungstheoretikern schreibt Al über wirklich alles, so scheint es, was sich an Tagesaktuellem gerade durch Welt und News bewegt. Außerdem, darüber hinaus und nebenbei schreibt er noch Reiseberichte und Alltagsgeschichten von Buchumfang – und zwar seit 1993.

“Ich wollte das mal verlegen lassen – aber dafür interessiert sich niemand, hieß es. Da habe ich einfach selbst einen Verlag gegründet – den Story Verlag Berlin – und diese Bücher hier veröffentlicht. Eigenverlag. Es geht ganz einfach!” Er schenkt mir ein Buch über die DDR. “Und meinen Reisebericht über Australien zum Beispiel haben schon 50.000 Leser runtergeladen. Damit verdien ich zwar nichts – aber es wird gelesen!”

“Meine Motivation zu schreiben ist es, den Alltag festzuhalten”, erzählt er, “denn das ist es, wie man später den Enkeln und Urenkeln erklären kann, was so los war, in der Welt. Ich bedaure, dass ich mit den Aufzeichnungen nicht früher angefangen habe, schon während der DDR zum Beispiel. Denn Erinnerungen aufzuschreiben, ist nicht das Gleiche, man neigt dann nur zur Schönschreiberei, oder zur Legendenbildung, das ist doch nicht authentisch.” Authentisch zu sein, das ist ihm das Wichtigste. Deswegen bemüht sich Al auch, möglichst wenig eigene Meinung in seine Artikel einfließen zu lassen.

Mitten in der Freude, den Menschen hinter seinem Blog endlich kennen zu lernen, ruft der Mann an. Er ist auf dem Weg ins Krankenhaus, mit dem Baby, denn das Baby spuckt und hat Fieber. Mir wird flau, weil ich an vorgestern denke, an die zwei Zentimeter. “Ich muss los”, sage ich und Al, Vater von drei Kindern, versteht natürlich sofort.

Über rotkapi

hinterhausbewohnende, kuchenbackende und neugierige prenzlauerbergerin mit süddeutschem migrationshintergrund
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