Martina ist hier im prenzlauerbergischen Straßenbild wohl der einzig wahrhaftige Paradiesvogel. Ich weiß nicht, wie oft sie auf ihren bunten Plateaus, in ihren bunten Strickjacken, mit dieser Sonnenbrille, auf deren Gläser weit aufgerissene Klimperaugen aufgemalt sind, an mir vorbeigestakst ist, und ich mir auf die Zunge beißen musste, um sie NICHT anzusprechen. Von wegen, dass ich ein Projekt und so, ob sie vielleicht hier in der Gegend, vielleicht sogar in der Immanuelkirchstraße und so.
Mensch, DIE würd ich zu gern kennen lernen, dachte ich, und starrte ihr mehrmals hinterher, mauloffen meistens, wenn ich es nicht schaffte, zur Tarnung wenigstens das Handy zu zücken oder meinen FlipFlops die Schnürsenkel zu binden. Reiß dich zusammen, Rotkapi, dachte ich, nur weil du eine Wette am Laufen hast, heißt das noch lange nicht, dass du jetzt einfach fröhlich vor dich hinstalken kannst. Seufz. Aber vielleicht, tröstete ich mich, vielleicht hast du ja Glück.
Und dann MACHT MIR TATSÄCHLICH MARTINA DIE TÜR AUF! (Ich: Pokerface.)
Und natürlich lacht Martina und findet in bester Berliner Schnauze (schon mal einen Paradiesvogel berlinern gehört?!), dass SichBeiWildfremdenLeutenSpontanZumKaffeeklatschEinladen ein großartiges Projekt ist, und schon sitz ich in ihrer kleinen Küche und Martina schleppt noch zwei Stühle an, einen für sich und einen für David, „mein Freund aus Schweden“, und wir verfallen auf Englisch und dann wieder auf Deutsch und dann wieder auf Englisch, Martina bietet französischen Kaffee an, den David von seiner letzten Tour mitgebracht hat, denn David ist Musiker, Punk Richtung Trash Richtung Noise, und so sieht er auch aus mit seinen Chaoshaaren (früher, als ich klein war und noch lange Haare hatte, hab ich mir die auch ab und zu spaßeshalber ins Gesicht gekämmt, dass es aussah, mein Vorne wär’ mein Hinten), und er erzählt ruhig und mit sanfter Stimme von den zwei Wochen Frankreich, Tingel mit seiner Band, Übernachten mit 15 Leuten in einem Raum in besetzten Häusern, wie es halt so üblich ist, und ich freue mich wie ein Schnitzelkönig, bei den beiden zu sitzen und sie zu beobachten, wie…hm, ist das Respekt?… liebevoll sie miteinander umgehen.
„Natürlich kracht es manchmal“, sagt Martina, „schließlich wohnen wir hier zu zweit in dieser Einzimmerwohnung. Aber dafür zahlen wir auch nur 150 Euro Miete, das sind 75 für jeden.“ Klo ist eine halbe Etage höher im Treppenhaus, unsaniert noch, eben – und jetzt im Nachhinein fällt mir erst auf, dass in der Küche noch nicht mal eine Dusche stand. Wie auch. Ist gar kein Platz. Aber Platz für Herzlichkeit ist. Viel Platz.
„Oh, ich wünsch dir dafür alles, alles Gute und dass es klappt“, sagt Martina, nachdem ich mein Projekt vorgestellt habe, und drückt mir dabei beide Daumen – und sie sagt das so brusttontief und wohlgesonnen, (nix Höflichkeit oder soziale Erwünschtheit), dass mir seltsam weihnachtlich zumute wird.
Martina sagt aber noch mehr: „es ist so wichtig, dass Frauen was auf die Beine stellen und ihr eigenes Ding machen und nicht nur hinterm Herd verschwinden. Oder hinter einem Baby.“ Aber, wenn man keine Lust auf Karriere, sondern eher auf Babyspaß hat? Wider FrauenMüssenKarriereMachen, wider MütterBashing? „Ja, klar“, gibt Martina mir recht, „jeder nach seiner Façon, aber was ich meine, ist, dass man sich als Frau so oder so bitteschön mit gesellschaftlichen und politischen Themen auseinandersetzen und nicht nur „Zwei Rechts, zwei Links“ oder die Körbchengröße diskutieren soll!“
Martina selbst hat in Hamburg und London Freie Kunst studiert und macht jetzt, bevor es in Weißensee weiter geht, ein Päuschen, weil sie gerade bis über beide Ohren im Aufbau ihres eigenen „Labels“ steckt. Aha, sag ich, Klamotten, oder was? Martina schüttelt den Kopf und bringt mir einen Lipgloss, darin geschichtet: die Farben schwarz, rot, gold. „Das ist der Prototyp, den lasse ich gerade in China massenproduzieren.“ Aha? sag ich wieder und staune über diese tolle Frau. „Hast du was von „Kunst der Aufklärung“ gehört, dieser DeutschlandKampagne in China?“ fragt sie mich und ich, äh, hab keinen Schimmer. (aber von zwei rechts, zwei links auch nicht! Von was HAB ich denn Schimmer?)
„Das ist eine von Deutschland finanzierte Ausstellung von knapp 600 europäischen Kunstwerken, in denen die zentralen Ideen der Aufklärung sichtbar werden. Und diese Ausstellung wird in Peking gezeigt, um den Chinesen mal ein bisschen was über Aufklärung und Menschenrechte beizubringen. Das ist so ein unfassbarer Chauvinismus! Mit der gleichen Arroganz wurde dort dann auch ein Diskussionsforum abgesagt. An wahrem Gedankenaustausch scheint es der Deutschen Seite nicht unbedingt gelegen zu sein. Nein, „wir“ zeigen „denen“, wie’s geht. Na, und da dachte ich, antworte ich mit diesem Lipgloss, der, wenn man ihn benutzt, eine einzige braune Pampe wird.“ Klar, schwarz, rot, gold gibt Braun.
„Es gibt ein paar, die dazu sagen: „das ist soo Schlingensief“. Und ich weiß noch nicht, was ich davon halten soll. Natürlich will man nicht gerne mit jemandem verglichen werden, denn das bedeutet, dass es das so oder so ähnlich ja schon gegeben hat. Offensichtlich. Andererseits war Schlingensief großartig und es ist ein Kompliment, wenn mir jemand sagt, dass meine Arbeit ihn an Schlingensief erinnert…“
Jedenfalls hat Martina gerade ein Video zum „Produkt“ gedreht, „ziemlich trashig, in dem ich zu wummernden Beats diese Farben zu braunem Matsch zerstampfe.“ Jetzt ist es nur noch eine Frage des Geldes, wie hoch die Produktcharge ausfallen wird.
Das mit dem Geld aber ist so eine Sache. Gerade ist der Computer kaputt gegangen, und Martina bekommt keine Finanzierung, weil sie ja kein festes Einkommen hat. Also computerloses Sparen. Martina setzt nochmal Kaffee auf. „Wo du dich doch für Veränderungen hier im Kiez interessierst: – ach, obwohl, so kiezgebunden wird das kaum sein: Die Unterscheidung in Mit oder Ohne Geld wird immer wichtiger. Und dementsprechend in Schubladen sortiert wird man auch behandelt.
Ich habe das Gefühl, es muss eine Gesetzesänderung gegeben haben, die es „denen da oben“ leichter macht, „die da unten“ zu verklagen, zum Beispiel.“ Sie berichtet von einer Autoverleihfirma, die sie aus heiterem Himmel verklagen, weil sie ein Auto, dass sie reserviert hatte, aber wegen der Kaution nicht abholen konnte, angeblich nicht storniert hat. „Hab ich aber. Ich hab denen ja auch gesagt, dass ich die Kaution nicht zahlen kann. Und dass die auf der Homepage nicht angegeben war, bei der Reservierung. Jetzt soll ich auf einmal so und so viel Hundert Euro zahlen! Aber einer MIT Geld, der ein Auto nicht abholt, würde NIE verklagt werden!“
„Ach“, seufzt Martina, „dieses Geld, das macht mich wahnsinnig! Und das in einem Kiez, in dem der wahrscheinlich einzige Altglascontainer steht, der immer, wirklich immer, bis oben hin voll leerer Cremantflaschen ist.“

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Jetzt bin ich auch mal mutig und schreibe den ersten Blog-Kommentar meines Lebens^^
Ich mag dein Projekt soooo gerne, und gleich nach dem ersten Lesen hab ich dich abonniert,
und immer wenn ich einen neuen Beitrag von dir sehe freue ich mich, das, was du da machst und wie du schreibst ist herzerwärmend im besten Sinn.
LG
Christiane
Liebe Christiane –
was für eine Hammerfrau du bist! Beim Lesen Deines Blogs und vor allem dieses Artikels hat es mir gerade die Schuhe ausgezogen!
Und DU widmest MIR deinen ersten Blog Kommentar!?
herzerwärmt: ein Fan.
Huch! Das hab ich ja eben erst gelesen, vielen, vielen lieben Dank!
das mit dem Fan: ebenso. Wenn ich nicht so weit weg in der bayrischen Provinz vor mich hin sauern würde, ich würd dich glatt mal auf `nen Kaffee einladen^^
Na, vielleicht ergibt sich dann ja doch mal ein Kaffee, aus der bayrischen Provinz komm ich nämlich – und bin da hin und wieder…
Das würde mir ja gefallen
) Hier ist zwar nicht Prenzlauer Berg, aber es gibt auch einen Mikrokosmos zu bestaunen…
Liebe Rotkapi,
da bist du ja wieder. War schon besorgt: Du wirst dich doch an keinem Wort verschluckt haben? Oder noch immer das Baby durch die Wohnung tragen? “Prenzlauerbergisch” ist eine ganz wunderbare Kreation: Dieser Hauch von Bergischem zeigt das Provinzielle auf, das sich eben auch dort in manchem (Klein-)Geist versteckt. Und das mit dem Crémant liegt nur am Disco-Kaiser. Ich erinnere mich genau.
Worterfrischte Grüße
Kerstin
Ach, liebe Kerstin,
vor dem KleinGeist scheint man nirgendwo gefeit, da hast Du recht…
Und aber sag mal – ob Du wohl mit dem Almabtrieb noch ab und zu mal in die Nähe eines DiscoKaisers kommst?
Dein Blog macht mich jedesmal so neugierig auf dich…
Und: Danke für den Backhenderlfriedhof.
Die Neugier, meine Liebe, ist ganz auf meiner Seite. Das kriegen wir bestimmt mal hin. Bin leider viel zu selten in Disco-Kaiser-Nähe, aber ab und an klappt es dann doch mal. Vielleicht sogar im November. Nur ist die Zeit dann natürlich immer zu kurz für all die offiziellen Meetings, die Einkaufsliste, die Freunde, die dringend mal wieder geknutscht, die Restaurants, die leer gegessen werden müssen. Ich halte dich auf dem Laufenden. Und wenn es dich mal Richtung Süden zieht, rufst du bitte auch ganz laut HIER. Würde mich soooo freuen!
Na klar, so eine Liste will abgearbeitet sein! Falls aber zwischendrin ein schmales Lücklein sich ergäbe…
Bis dahin winke ich Richtung Süden!