Mein Langzeitgedächtnis ist dahin. Nur mit äußerster Kraftanstrengung und auch nur unter höchstmöglicher Reizisolation gelingt es mir, vom Gestern einen groben Tagesablauf wieder herzustellen, der dann, äh, aber folgendermaßen, äh, klingt: „Hm. Aufstehen. Dann hab ich was gemacht. WAS, weiß ich nicht mehr, aber ich HAB was gemacht. Dann bin ich ins Bett.“ Ursprünglich dachte ich ja mal, der KönnteMehrLeistenZustand meines Hirns würde, bedingt durch die Zeitnähe der beiden Erscheinungen, an der Schwangerschaft liegen, man hört ja so das ein oder andere, über Schwangerschaftsdemenz und ähnliche… Veränderungen. Aber die Schwangerschaft ist, jedenfalls soweit ich das mitbekommen habe, nun wirklich schon vorbei. Und auch am Stillen etwa kann es nicht mehr liegen.
Letztens wollte mich jemand TRÖSTEN, indem er behauptete, jedwedes Gefasel von der Reversibilität einer hormonell bedingten Bräsigkeit wäre nur systematisches Vorenthalten nackter Tatsachen, denn es läge am Muttersein an sich. Und ginge NIE wieder weg. Ich solle mich einfach und endlich damit abfinden.
Gut. Mach ich das. Wird schon seinen Zweck haben! Und wenn es nur der ist, dass ich nochmal bei Astrid klingelte. Denn würde mein Langzeitgedächtnis nur halbwegs funktionieren, hätte ich das wohl nicht noch ein zweites Mal getan.
So aber wundere ich mich vorerst nur, dass mich Astrid, als ich vor ihrer Wohnungstür stehe, OHNE MICH ZU KENNEN und OHNE, DASS ICH AUCH NUR DAZU KÄME, DEN MUND AUFZUMACHEN und WÄHREND SIE NOCH TELEFONIERT schon mal in ihr Wohnzimmer lässt – wo ich dann auf einer halben Pobacke am Sesselrand sitze und mich nicht traue, einen Mucks von mir zu geben, geschweige denn, das zappelige Baby auszupacken. Schließlich rechne ich damit, unverrichteter Dinge wieder gehen zu müssen, sobald das Telefonat beendet ist und die wahre Absicht hinter meinem spontanen Besuch auffliegt. Wow, begnüge ich mich bis dahin zu denken, DIE (also Astrid) ist vielleicht angstfrei. Als Astrid aber, nachdem sie aufgelegt hat, mich einfach anlächelt und sagt: „also mach ich uns mal Kaffee“, bin ich dann doch etwas von der Rolle. Wollen Sie denn gar nicht wissen, wer ich so bin, frag ich. „Aber ich kenn Sie doch“, sagt Astrid darauf, „Sie haben bei mir schon mal geklingelt.“ Ach so? (?) „Ja, und damals haben Sie mich ziemlich auf dem falschen Fuß erwischt.“ (?) „Aber jetzt sind Ferien und ich hab den Kopf wieder frei.“ Ich hab auch den Kopf frei. Völlig frei.
Und das ist gut so. Denn so gehen wir in Astrids Küche, trinken Kaffee, ich packe das Baby doch noch aus, und Astrid erzählt davon, wie sie zur DDR Zeit immer wieder losgerannt ist, um eine Wohnung zu beantragen. „Wir lebten zu dritt in einer kleinen Wohnung, das zweite Kind war geplant. Es war soo schwer, an eine Wohnung ranzukommen. Und dann haben wir die hier bekommen. Und hier leb ich jetzt seit 25 Jahren.“
Aus einem Zimmer wummern E-Bässe. „Das ist mein Mitbewohner. Seit mein Sohn ausgezogen ist, steht ein Zimmer leer. Und ich brauch neue Fenster…“ Sie lacht.
„Und ja“, erzählt sie, „der Menschenschlag hier hat sich verändert, das bekomm ich ziemlich gut mit, ich bin Lehrerin. Also, nicht die Kinder haben sich geändert, schlaue und dumme, brave und freche Kinder gab es schon immer. Aber die Eltern, DIE haben sich geändert in den letzten paar Jahren.“
„Die begleiten ihre Kinder noch bis ins Klassenzimmer hinein. Und packen ihren Kindern auch noch die Brotbox aus. In der vierten Klasse! Und allesamt sind sie der Überzeugung, dass ausgerechnet IHR Kind ganz besonders intelligent und begabt wäre. Aber das sind sie nicht. Es sind ganz gewöhnliche Kinder, die vielleicht irgendwann mit einem ganz gewöhnlichen Realschulabschluss ihre schulische Laufbahn beenden werden. Aber das ist für einen Papa Herrn Professor natürlich nur schwer zu vermitteln. Und das ist dann das Anstrengende.“
„Aber es scheint sich gerade eine neue Elterngeneration zu formieren, die Eltern der jetzigen Erstklässer tun sich offenbar nicht mehr so schwer mit dem Loslassen…“

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Gut, dass Du nochmal geklingelt hast, die finde ich nämlich sehr nett, die Astrid!
Und hoffentlich behält sie recht mit der neuen Elterngeneration!!!
Bin auch froh, nochmal geklingelt zu haben!
Liebe Grüße!
Ach wie schön dass nicht nur ich manchmal ein grauenhaftes Gedächtnis habe. Ich kann allerdings keine Schwangerschaft als Schuldigen anführen.
Trotzdem hoffe ich, Deine Gedächtnislücken sind reversibel und ich darf mich weiter auf die Berichte Deiner Begegnungen freuen!
Ah, eine Verbündete! Wie beruhigend…
Grüße also vergesslich, aber hoch erfreut!