Noch 111 Tage und schon 73 Kaffees: Ivan.

Ich: Mund an Gegensprechanlage, wieder mal. Möglichst beschwingt und doch seriös, überzeugend, ohne aufdringlich zu sein, das Sätzlein abspulen, ohne ein Sätzlein abzuspulen, was man halt so macht, an einem schönen Herbstnachmittag: Klingeln putzen. Und nach wie vor hoffen, dass mich während dieser peinlichen Minuten der DarfIchReinKommenBalz niemand beobachtet, vor allem niemand Bekanntes.

„Über dich hab ich schon was gehört“, unterbricht mich da eine Stimme, gleich nach dem ersten Halbsatz. Äh. Perplex, ich. Über mich? Fühle mich ertappt. Äh. Um mich blick. Äh. Was Gutes oder was Schlechtes? frag ich vorsichtig, weil die Stimme jetzt bedenklich schweigt. Betreten, wie ich meine. „Na, Gutes natürlich!“ ruft die Stimme (ach, wenn’s nur so natürlich wäre!), „ich find dein Projekt Klasse – warte mal, willst du hoch kommen?“ Klar, deswegen bin ich ja hier! Und steige hinan. (Mein Projekt hat sich also schon rumgesprochen, wie aufregend.)

Ivan empfängt mich herzlich, wie eine alte Bekannte. Was für eine hervorragende Erfindung ist doch so ein Küchentisch! Wird man an solchen (auch ungebeten!) gebeten, befindet man sich schon so gut wie im Auge des Sturms, hinter den sieben Zwiebelhäuten. Ivans Küchentisch ist zwar kein Küchentisch im eigentlichen Sinne, sondern ein ArbeitsSchreibUndEsstisch, wirkt aber trotzdem zuverlässig als GrundvertrauensStifter. Außerdem in Ivans Zimmer: die Matratze auf dem Boden, ein Keyboard, ein, zwei Staffleien mit Ölgemaltem, Fotos und Muscheln zu Studienzwecken. Antike Stühle, antikes Kommödchen, Kunstbände (aus der Bibliothek) stapeln sich. Im Flur Bücher bis unter die Decke. Meinen Kaffee bekomm ich türkisch in einer Weihnachtsmarkttasse.

Ivan heißt eigentlich Stephan und nannte sich irgendwann im Laufe seines Studiums der Freien Kunst in Weimar Ivan. „Die fühlten sich dadurch richtig provoziert, dass da ein Ossi kommt und unter einem russischen Namen auftritt.“

Ivan ist auf Rügen aufgewachsen, gerade kommt er von einem Urlaub dort zurück. Er zeigt mir die Fotos, die er dort gemacht hat. „Ich wandelte sozusagen ein bisschen auf den Spuren Caspar David Friedrichs, von dem ich großer Fan bin.“ Er zeigt wunderbizarr verästelte Bäume und alle möglichen Blaus und Graus von Wasser und Himmel. „Das ist mein Lieblingsstrand, die Natur ist einfach einmalig. Und da, auf diesem Felsen haben wir gelegen und Sterne geguckt. Was für ein Sternenhimmel, wenn man mal aus der Stadt raus ist!“ Er lacht. „Ich bin eher der Typ, der sich sein Auto mit Matratzen vollpackt und im Kofferraum schläft.“

Bevor es Ivan vor nicht ganz einem Jahr in den Prenzlauer Berg verschlagen hat, hauste er in einer Kellerwohnung in Charlottenburg, „ein herrliches Haus mit Deckenmalerei und italienischen Fliesen im Treppenhaus. Und die Kellerwohnung für 150 Euro WARM. Da musste ich hinten, über den Hof, durch die Kohlenluken reinschlüpfen in die Wohnung. Und es gab auch keine Heizung, ich hab gefroren wie ein Schneiderlein, da liefen ja nur die Rohre über mir an der Decke, sonst nichts. Aber irgendwie hab ich mich da sehr wohl gefühlt, so… sicher.“

„Ich hab nur drauf geachtet, am Tag meine sechs Stunden nach draußen an die Sonne zu kommen… Aber das bin ich von Weimar her sowieso gewohnt, nach draußen zu gehen, in die Natur, um den Blick zu schulen. Deswegen würde ich eigentlich auch nicht mehr in den Prenzlauer Berg ziehen, sondern irgendwohin mit mehr Weite.“

„Ich überlege auch, wieder zurück zu gehen nach Weimar. In Berlin konnte ich noch nicht richtig Fuß fassen, ich scheine der Typ zu sein, der immer aneckt. Außerdem hab ich hier einfach nicht die Ruhe, um mich ganz auf die Malerei konzentrieren zu können, Künstler wie Neo Rauch stehen 12 Stunden am Tag an ihren Bildern, die haben dafür die Ruhe, ich aber hab hier ein Berlin, das irgendwie abgearbeitet werden muss, geht man raus, hat man gleich so viele Eindrücke, da ist man schon fertig, wenn man nach dem Spazieren wieder nach Hause kommt.“

Um sich über Wasser zu halten, arbeitet Ivan bei Media Markt, in der Fotoabteilung. Er zeigt mir ein Foto, das ihn als Verkäufer zeigt. Wahnsinn. So viel zu „Kontext macht Leute“. Das ist ein ganz anderer Ivan. Ein Ivan, der… Deutschlands bester Promoter ist! Also, im Media Markt. Wow, sag ich, bekommst du dafür was? Also, für’s bester Promotersein? Nein? Vielleicht wenigstens eine Schärpe? Ivan lacht. „Nix. Aber es macht mir ja auch Spaß. Ich hab kein Problem damit, mich mit Hinz und Kunz über Kameras zu unterhalten. Ich würde auch Fotokurse im Altersheim geben, das ist doch lustig alles. Aber irgendwann würde ich natürlich gern einfach nur noch malen können. Die von der Leipziger Schule beschweren sich alle wer weiß wie, dass ihnen die Bilder unter den Fingern weggekauft werden, noch ehe sie drei Striche malen können. Die haben Probleme.“

„Ich überlege, vielleicht den Dachboden zeitweise als Galerie zu nutzen. Aber erst muss ich die Sache mit der Mieterhöhung klären. Bis dahin brauch ich ihnen wohl kaum mit Extrawünschen zu kommen. Dabei wäre ihnen das sicher egal, der Hausverwaltung zumindest, das würde ja niemand mitbekommen. Aber die hängen ja an dieser Aktiengesellschaft dran. Naja, vielleicht mach ich es auch einfach so, ohne etwas anzumelden. Eine Freundin – die ist Schwäbin“, fügt er schelmisch hinzu – „sagt: unbedingt anmelden! Wenn einer hinfällt, oder sonst was passiert… Aber ich finde, es kann ruhig ein bisschen improvisierter sein.“

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hinterhausbewohnende, kuchenbackende und neugierige prenzlauerbergerin mit süddeutschem migrationshintergrund
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