Noch 109 Tage und schon 74 Kaffee: Peter (und Konstanze)

„Ich hab grad Besuch“, sagt Peter über die Gegensprechanlage, „den müsste ich erst fragen… Ach was, komm einfach schon mal hoch.“ Peter wohnt mit einem phänomenalen Ausblick auf den Fernsehturm im obersten Stock. „Wenn wir gerade intime Themen besprochen hätten, hätte ich dich natürlich nicht hereingebeten“, stellt Peter mir Konstanze vor, „aber wir haben uns gerade sowieso über den Prenzlauer Berg unterhalten.“ Konstanze rückt zur Seite, um mir neben sich eine Sofahälfte Platz zu machen, „Herzlich Willkommen“ sagt sie und strahlt mich so offen an, dass ich es mir sofort im Schneidersitz bequem mache. Konstanze ist Tanztherapeutin und gibt außerdem Kurse im Fitnesscenter. „Daher kennen wir uns“, erklärt Peter.

Peter kam vor über zwanzig Jahren, “Schlag seit der Wende”, aus dem Badischen zum Germanistikstudium nach Berlin. Und zog gleich in den Prenzlauer Berg. „Ich weiß noch: Rathaus Steglitz Umsteigen, und dann, an der Uni, schnurstracks und als erstes hinein, aufs Klo. Weil ich ja schon so viel Kaffee getrunken hatte… Aber die anderthalb Stunden zur Uni waren es mir wert, ich als Westsozialisierter wollte einfach unbedingt ein bisschen Ostleben mitbekommen.“

Peter arbeitet beim RBB. Ich glaube, man könnte und sollte ihn kennen. Oh, sage ich, tut mir richtig leid, aber ich hab keinen Fernseher. „Und das, wo ich eben noch einen zu verschenken hatte“, ruft Peter, „auf dem hab ich sogar noch den Fall der Mauer gesehen.“

Ach, DU bist das! ruf ich begeistert. Vor ein paar Tagen stand nämlich ein uraltes Fernsehgerät auf der Straße mit einem Zettel: „Darauf hab ich noch den Mauerfall und den Tod von Lady Di gesehen. Zu verschenken.“ Als ich den Zettel gelesen hab, hatte ich richtig gute Laune. „Ja, der Zettel war auch ganz schnell weg“, lacht Peter, „aber den Fernseher wollte keiner. Jetzt hab ich ihn grade erst in die Tonne gekloppt.“ Schade ums Fossil, sag ich, aber dass wir keinen Fernseher haben, ist sowieso Konzept, nicht Fernsehermangel.

„Ah, und à propos Festung“, plaudert Peter, als ich von meiner Wette berichte, davon, dass die Festung (das am geschmacklosesten, dafür aber am tiptoppesten sanierte Haus der Straße) eines der drei Häuser der Straße ist, in die mich NIEMAND reinlässt, „mal abgesehen davon, dass die eine Tiefgarageneinfahrt haben, die zur Straße hin deltaförmig so auseinander geht, dass mindestens zwei Parkplätze dabei verschwendet werden, und das trotz des hiesigen Parkplatzmangels: da hab ich mal eine Gewissensfrage an euch. Ab und zu parke ich da mein Auto, mag sein, ein bisschen nah an der Ausfahrt. Und da hab ich schon tausend Zettel an der Windschutzscheibe gefunden von wegen, wenn Sie noch einmal, dann ruf ich die Polizei, dann lass ich Ihren Wagen abschleppen, das machen Sie nicht nochmal, und so weiter. Wohl gemerkt, ich parke immer so, dass man ohne Weiteres noch immer bequem rein und rausfahren kann. Und letztens hat einer seinen Zettel namentlich unterschrieben. Seither klingle ich da immer mal wieder, wenn ich nach Hause komme, oder bevor ich zur Arbeit fahre… Einfach so, als Gruß.”

“Und jetzt meine Frage: ist das schändlich, weil er doch der einzige ist, der sich mit Namen zu erkennen gibt, und aber diese Ehrlichkeit ausbaden muss? Müssten nicht die anderen, die nur so anonym vor sich hin drohen, es nicht eher abkriegen? Was soll ich tun?“ Hm. Konstanze und ich sind amüsiert. Gar kein Auto haben!, schlagen wir vor. „Naja, aber ich muss nach Potsdam. Und das in der Früh. Also mitten in der Nacht. Und auch bei Schnee und Kälte.“ Na gut. Dann bei allen anderen auch klingeln.

Und über was im Prenzlauer Berg genau habt ihr euch unterhalten, als ich kam, frag ich. Konstanze zieht die Mundwinkel nach unten, ich ahne das Thema. „Bist du auch eine von den Müttern, die mit ihrem Kinderwagen gnadenlos den Gehweg lang brettern“, fragt mich Peter schelmisch. Ich winde mich. Seit ich selbst weiß, wie anstrengend auch schon ohne Gegenverkehr das Lavieren eines nicht geländetauglichen Kinderwagens auf den Berliner Gehwegen ist, urteile ich wesentlich milder über all die berüchtigten PrenzlauerBergIchWeichNichtAusMütter.

„Und die Homogenität hier geht mir natürlich ein bisschen auf die Nerven“, gibt Peter zu, „ich hätte gerne mehr… Reibungspunkte will ich jetzt gar nicht sagen, aber durchaus mehr Herausforderungen.“

„Und obwohl ich nun wirklich schon so lange hier lebe, muss ich immer noch täglich beweisen, dass ich als Wessi doch ganz okay bin. So viele Ossis sind dann doch erstaunt, dass man nicht arrogant ist, obwohl ich Wessi bin. Zum Beispiel gehe ich seit Jahr und Tag in diese eine Kneipe da oben auf der Prenzlauer Allee, um Fußball zu gucken. Und je-des-mal muss ich mir von einem Gast dort wieder einen Spruch anhören. Dieser Spießrutenlauf nervt.“ Der Spießrutenlauf wäre für ihn dann letztendlich auch ein Grund, dann doch wieder wegzuziehen aus dem Prenzlauer Berg, dann doch letztendlich zu kapitulieren vor dem Ossitum.

Über rotkapi

hinterhausbewohnende, kuchenbackende und neugierige prenzlauerbergerin mit süddeutschem migrationshintergrund
Dieser Beitrag wurde unter Berlin, Gesellschaft, Menschen abgelegt und mit , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Noch 109 Tage und schon 74 Kaffee: Peter (und Konstanze)

  1. Pingback: Ihr ward wunderbar. (das offizielle Ende). | hausbesuchwins

Kommentieren

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Log Out / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Log Out / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Log Out / Ändern )

Verbinde mit %s