Als ich bei Christoph und Caroline klingle, sind die beiden gerade dabei, Playmobil auszusortieren, der lange Küchentisch ist bergeweise voll davon. Im Flur stapeln sich schulterhoch Pakete und Päckchen und warten auf ihre Ebay Verschickung. „Es gibt so viele Dinge in der Wohnung, du glaubst es nicht“, sagt Caroline und räumt flugs den Tisch leer, während Christoph schon mal das Wasser aufsetzt, „das muss jetzt mal raus.“
Das Ausmisten ist die Vorstufe zum Wohnungswechsel, der früher oder später anstehen wird. „Hier ist es nicht mehr erträglich“, erzähltChristoph und meint die Veränderungen, die der Prenzlauer Berg durchgemacht hat, „zum Beispiel: unser Haus hat jetzt den Besitzer gewechselt, das ist jetzt eine dänische Immobilien AG, die sich Griffin nennt, also „der Greif“. Und der Name ist Programm. Die haben sofort und centgenau die Mieten um die gesetzlich erlaubten 20% angehoben. Die sagen auch ganz offen, dass sie nicht vorhaben, irgendwas zu sanieren, die wollen nur mit einer möglichst hohen Rendite möglichst bald wieder weiterverkaufen. Und der Verkaufspreis der Immobilie richtet sich eben nach ihren Nettomieten.“
Christoph erzählt, während Caroline Kuchen verteilt, Tim seine Hausaufgaben macht und Leon immer neue Spielsachen für mein Baby anschleppt – das aber lieber auf dem Boden Teebeutel zerpflückt und eine passable Sauerei anrichtet. Caroline nimmt’s gelassen und ich, ich fühle mich, als gehörte ich zur Familie.
„Weiterverkauft wird an eine der vielen Tochterfirmen“, erklärt Christoph weiter, „und so schaukelt sich das immer weiter hoch. Dass aber die alleinerziehende Mutter, die hier drunter eine Wohnung hat, mit einem Schlag eine Mieterhöhung um 104,26 Euro bekommt, das interessiert niemanden. Das interessiert den Greif nicht und auch die Politik nicht, offensichtlich. Und die, die neu hierherziehen, auch nicht. Eine Mutter von einem Freund möchte jetzt auch in den Prenzlauer Berg ziehen, um in der Nähe ihrer Enkel zu sein. Kaufpreis: egal. KAUFPREIS: EGAL. Wegen solcher Leute kann der Greif überhaupt hier leben.“
Wir reden über die Supergentrifizierung. Über politischen Handlungsbedarf. Über die Politik. Über die Grünen. Und landen auf einmal bei der Unwählbarkeit der Grünen, weil sie für den deutschen Einsatz in Afghanistan gestimmt haben.
„In Afghanistan sind bereits über 100 deutsche Soldaten ums Leben gekommen“, sagt Christoph, „das sind schon genauso viele, wie an der innerdeutschen Grenze. Irgendwann wird das aufgearbeitet werden müssen. Und irgendwann wird sich auch Joschka Fischer dafür verantworten müssen.“
Christoph ist Stabsoffizier und leidet seit seiner Rückkehr aus Afghanistan an einer posttraumatische Belastungsstörung. „Was wir der afghanischen Bevölkerung angetan haben“, sagt er mit leiser Stimme, „kann man nie wieder gut machen.“
„Ich kann keinen mehr in Uniform sehen. In der Militärklapse erkennt man die mit einer posttraumatischen Belastungsstörung daran, dass sie keine Uniform mehr tragen. Wenn ein Soldat mit Uniform reinkommt, weiß man sofort, ah, der hat Liebeskummer oder sonst ein anderes Problem, aber er hat keine posttraumatische Belastungsstörung.“
„Und alle, die aus Afghanistan nach Hause kommen, haben einen an der Klatsche“, setzt er hinzu. Caroline nickt. „Und wir sind die einzigen, die noch nicht geschieden sind“, sagt sie und ballt die Fäuste zum WirSchaffenDas.
Neulich hatten die beiden Besuch von einem, der in einer großen deutschen Presseagentur arbeitet. Christoph schüttelt den Kopf. „Der hat mir erzählt, dass er Meldungen über tote deutsche Soldaten in Afghanistan gar nicht nach draußen weitergibt. Was er weitergibt, sind Meldungen wie „Mann beißt Hund“, weil das so kurios ist, dass das die Leute lesen wollen. Aber tote deutsche Soldaten würden niemanden vom Hocker reißen.“
Christoph redet leise. Sanft. Um aus dem Militärdienst ausscheiden zu dürfen, muss er einen detaillierten Bericht vorlegen über die Ereignisse, die bei ihm zur Belastungsstörung geführt haben. „Kennst du das Schloß von Kafka? So fühle ich mich.“ Seine Beweisführung ist mittlerweile schon über 1000 Seiten stark, denn jedes Mal soll er wieder einen anderen Punkt noch detaillierter ausführen.
„Das ist denen natürlich nicht recht, dass ihnen jetzt einer ihrer höchstdekorierten Offiziere schlapp macht“, sagt Christoph. „Am liebsten würden die wohl jemanden mit zwei Giftpillen schicken. Aber das können sie natürlich nicht.“ „Nein, am liebsten wäre es ihnen, du hättest einen Autounfall. Dann müssten sie nichts zahlen“, antwortet Caroline sarkastisch, „das Auto stellen sie dann der Ehefrau in Rechnung. Und die Kosten für die Überführung auch.“ Ich schaue Caroline fragend an. „Alles schon vorgekommen“, sagt sie dazu nur trocken.
„Ein Kamerad, der auch mit in Afghanistan war“, erzählt Christoph in harmlosem Ton und bezieht sich wieder auf den Greif und Sauna-Aufzug-Südterrasse, „macht das mit Esbitwürfeln, das sind so Grillanzünder bei der Bundeswehr. Die kann man leicht anzünden und dann brennen die. Und der zündet die an und legt sie im Vorbeigehen einem dicken Auto auf den Vorderreifen. Und bis das brennt, hat er noch genug Zeit zum Davongehen…“
„Hier ist auch Krieg“, sagt er. „Hast du schon mal nachts die Helikopter fliegen hören?“ Oh ja. „Die patrouillieren mit Infrarotkameras, also mit Kameras, wo die Menschen dann als rote Flecken durch die Gegend laufen, ob irgendwo Autos angezündet werden. Und dann schicken die da die Streife hin. Das ist nichts anderes, als Krieg.“

Pingback: Ihr ward wunderbar. (das offizielle Ende). | hausbesuchwins
Sind alles so Sachen, die sagt keiner laut (Max ja auch nicht).
Ich hatte einen Patienten – der hats auch nicht laut gesagt, mir manchmal in Andeutungen ganz leise wenn wir wirklich alleine waren. Ja, hatte. Der hatte einen Verkehrsunfall, allerdings wurde er von einem unaufmerksamen Autofahrer touchiert und ist dabei lebensbedrohlich verletzt worden und ein Jahr später an den Folgen verstorben. Da hat dann die gegnerische Versicherung gezahlt… Aber das ist eine ganz andere Geschichte.
Und der Sohn hat eine Freundin, die eine Beziehung mit einem Rückkehrer hat. Der leidet sehr darunter, dass er als außenstehender Freund so hilflos daneben steht und für die beiden gar nichts tun kann außer zuhören und die Klappe halten – also wieder nichts mit laut sagen.
Irgendwie kennt jeder einen, der einen kennt. Das Problem ist also überall angekommen und trotzdem bleibt alles still.
Puh. Das ist das Tolle an Menschen, die einen ein bisschen “reinlassen”. Man sieht Dinge, die man nicht zu träumen wagen würde. Du gewinnst wirklich mit deinen Hausbesuchen. Und ich darf, viele dürfen ein bischen mitgewinnen hier, das ist schön.
Das alles macht sehr nachdenklich!