Ein bisschen mulmig wird mir ja schon, als Blau die Wohnungstür hinter mir wieder ab- und mich somit einschließt.
Hätte bei mir der einfache Verstand Vorfahrt, würde ich sofort erkennen, dass dieses Abschließen unverkennbar die tiefen Spurrillen einer stinknormalen Gewohnheit aufweist. Der einfache Verstand aber HAT bei mir keine Vorfahrt. Vorfahrt haben bei mir grundsätzlich meine neurotischen klaustrophobischophilen Veranlagungen.
Als ich dann im Wohnzimmer die geschlossenen Rolläden vor den Fenstern sehe, (Erdgeschoß), und Blau, unter hakenschlagenden Erklärungen, warum sein Kühlschrank nicht funktioniert, den Schlüssel auch noch ABZIEHT und damit das MaisonetteTreppchen nach oben verschwindet, wird mir mein Nervenkostüm dann doch eine Nummer zu klein.
Ich habe so eine Ahnung, dass ausgerechnet heute mein Handy, statt im Kaffeekorb, zu Hause auf dem Küchentisch liegt. Mir schießt schmerzlich durch den Kopf, wie sehr ich meinen Mann liebe – eine schöne Erkenntnis, nur leider zu spät, denn jetzt bin ich hier und werde meine Keiferei von vorhin nie mehr wieder gut machen können. Mir fröstelt. Was sicher nicht nur daran liegt, dass die Wohnung ungeheizt ist, (irgendwie ist der Boiler kaputt, sagt Blau um Schal), und selbst die übereinander liegenden Teppiche auf dem blanken Estrich die kriechende Kühlschrankkälte nicht aufhalten können.
Ich sitze also etwas verspannt mit aufgestelltem Rückenhaar auf einem der vielen Klappstühle, mit denen Blau das Wohnzimmer für das morgige Konzert zugestellt hat, und betrachte, während Blau irgendwo oben klappert und mit Wasser hantiert: den Flügel, einen seltsam mit roter Farbe verschmierten Mantel, das Fahrrad, kleine Ziergeigen, die an der Wand hängen, die kleinste von ihnen von einem Nagel aufgespießt, unter einer Regenplane (oh meine Phantasie)… das Schlagzeug. Teile einer Ritterrüstung, die über und unter einem Keyboard liegen. Punktgenau, als Blau oben unter Gemurmel hörbar irgendeine Kammer aufsperrt, fällt mein Blick auf ein Ritter Blaubart Plakat.
Blau kommt wieder nach unten, statt mit Tee, der noch ziehen muss, mit einem Messer. (Kreisch). Und mit Sprühsahne. (Grins). Armer Blau, ich tu ihm so unrecht. Er ahnt sicher nicht eine Sekunde, dass ich ihn, als er sich genießerisch seine Sprühsahne auf meinen Käsekuchen spritzt, verstohlen auf geeignete Körperzuschlagstellen hin begutachte. Für den Fall der Fälle.
Er ahnt auch nicht, dass er in mir eine (weitere) mittlere Panik auslöst, als er hingebungsvoll meinen Tee umrührt, bevor er ihn mir reicht. Auch das hingebungsvolle Umrühren ist sicher nur der Reflex eines MitHonigTrinkers, ich aber denke: was rührt er denn da hinein – und bringe keinen Schluck runter. Es ist lächerlich, ich weiß, aber ich erwäge tatsächlich, den Tee heimlich in meinen Kaffeekorb zu gießen.
Die ganzen zweieinhalb Stunden, während derer Blau von seinem abenteuerlichen Musiker – Performer – Schauspieler Dasein erzählt, das er seit 84 hier in Berlin führt, läuft parallel dazu in meinem alarmierten Hirn eine selbstzündende Rasterfahndung nach verdächtigen Bewegungen und Sätzen und Handlungen ab. Und alles wegen dieser blöden abgeschlossenen Tür. Aber ein bisschen was krieg ich noch zusammen.
Blau heißt eigentlich Bernd, aber dann auch wieder eigentlich Blau – wenn er nicht als Bert Brechts unbekannter Sohn auftritt.
Zu Brechts 100. Geburtstag malte Bernd das Brecht Denkmal flammend rot an. (Der rot angemalte Mantel ist ein Relikt). Das war eben seine Auseinandersetzung mit dem Vater. Leider aber habe das Berliner Ensemble dann nicht hinter dieser Aktion gestanden.
„Wenn es Schlingensief gewesen wäre, der es angemalt hätte, dann wäre es schon wieder anders gewesen, der musste schließlich ab einem bestimmten Zeitpunkt seine Prozesse auch nicht mehr selber führen. Aber ich war noch nicht so populär. Und an den finanziellen Folgen hab ich heute noch zu knabbern“, sagt Blau, dem ein Gerichtsverfahren wegen Denkmalschändung an den Hals gehangen wurde.
Aber Blau bezeichnet sich nicht umsonst als „Universalkünstler“. Er hat sich einfach eine neue Kunstfigur erschaffen: den Ritterhutmann. Als solcher tritt er in Ritterrüstung auf, beziehungsweise mittlerweile nur noch mit Ritterhut. Ab und an kann man ihn vor seinem Haus auf der Straße sitzen und in ein selbstgebasteltes AbflussrohrDidgeridoo blasen sehen. Dann nämlich, wenn er wieder zum Wohnzimmerkonzert zu sich ins Hinterhaus einlädt.
Seine Musik bezeichnet Blau als Eulenspiegelei auf all die Unterhaltungsmusik, als Burlesque, als experimentelle Avantgarde, als Antikunst. Er spielt sie mir vor. Klingt spannend. Und abgefahren. Nächste Woche wird sein erstes Album veröffentlicht, von da ab rechnet er mit einem ordentlichen Aufwind. Für den steht Blau dann auch schon mit einer umfangreichen Materialmappe für seine Biografie in den Startlöchern. Er zeigt mir Fotos und Zeitungsausschnitte. „Das wird das Buch, und dann kommt der Film. Das soll ein kleiner, feiner Kinofilm werden.“
Für die „CD VÖ“ hat sich Blau zusammen mit seinem Produzenten noch einen weiteren Kunstkniff ausgedacht: der Ritterhutmann ist eigentlich Außerirdischer, der auf seiner Zeitreise auf die Erde geworfen wird. „So wird dann der Bogen wieder geschlossen“, sagt Blau, aber woher und wohin der Bogen geht, weiß ich wirklich nicht mehr. Ich schließe den Bogen zur verschlossenen Tür, die Blau mir natürlich und absolut selbstverständlich öffnet, als ich mich auf den Weg mache. Natürlich. Ich und mein Film. Blau umarmt mich zum Abschied. “Komm doch zum Wohnzimmerkonzert”, lädt er mich ein. Oh ja, darauf hätt ich schon Lust – aber morgen gehts zu den Schwiegereltern.
“Ach, und übrigens”, schiebt Blau noch hinterher, “früher war das viel üblicher, mal zu schwoofen, wie der Berliner sagt, sich im Hinterhof zu treffen, der eine brachte Kartoffelsalat, der andere Buletten, der nächste Spreewaldgurken, jeder brachte was. Und dann saß man zusammen und schwoofte. So viel noch zu dem, wie sich das hier verändert hat. Da kommt keiner mehr mal eben so vorbei, wie du.”

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Ein Zauberblog ist das – ständig ändern sich Namen, oder ist mein Gedächtnis ein so schlechtes?
Ich konnte noch nichts verwerfliches finden am Inhalt – also wie kommt’s?
NIchts desto trotz – ich freue mich über jeden neuen Eintrag!
Gruß
N. (aber eine andere)
Liebe aufmerksame N. -
da bin ich beruhigt, dass du nichts Verwerfliches finden konntest. Über Nacht, so im Schlaf, kommen mir manchmal Zweifel, ob sich nicht jemand doch auf den Schlips getreten fühlen könnte. Oder ob es ihm schade. Und dann ändere ich den Namen – und schlafe besser.
Ich finde es manchmal doch ziemlich heikel, mit all meinem persönlichen Empfinden eine Person möglichst unbehelligt und dennoch erlebbar beschreiben zu wollen.
Noch dazu, weil ich mir keine Notizen mache, sondern alles aus dem (recht schäbigen) Gedächtnis wiedergebe.
Was da in Worten manchmal an Skelettiertem übrig bleibt, liest sich, verglichen mit dem Erlebten, dann doch irgendwie seltsam…
Und deswegen gibt es auch ein paar Hausbesuchte, die, nachdem sie sich so im Internet gelesen haben, dann doch lieber ein Pseudonym wollen. Einfach, weil es schützt.
So. Das war der Trick an der ganzen Zauberei…
Das “eben mal so vorbei kommen” hat seine Vor- und Nachteile. Natürlich haben wir das früher machen müssen, weil keiner ein Telefon hatte und man sich nicht verabreden konnte. Entweder es war jemand da oder man ist wieder gegangen. Wir hatten alle an unseren Türen Zettel und Stift hängen, damit ein Besucher während unserer Abwesenheit eine Nachricht hinterlassen konnte.
Andererseits hast du keinen Spontanbesuch weggeschickt, weil der sich ja auf den weiten Weg gemacht hatte. Auch wenn du gar keine Zeit oder Lust hattest.
Selbst waren wir natürlich auch oft umsanst unterwegs. Was wir so für Zeit in öffentlichen Verkehrsmitteln zugebracht haben – kann man gar nicht mehr glauben.
Ich finde es heute schöner. Ich kann mich als Gastgeber vorbereiten und der Gast läuft nicht ins Leere (oder eben andersrum).
Grüße! N.
Liebe N. –
das ist natürlich eine andere Sichtweise.
Als Gastgeber hab ich es natürlich auch lieber, wenn ich mich (und vor allem: die Wohnung!) vorbereiten kann…
Andererseits: ich bin ein Vorzeigekandidat für “keine Zeit” oder “keine Lust”. Oder für “Wichtigeres”.
Dabei ist es so wohltuend, wenn der oh so geplante Tag unerwartet von außen einen anderen Impuls bekommt!
Gestern, zum Beispiel, stand auf einmal Schwarz vor der Tür, Schwarz, bei dem ich ganz zu Anfang der Wette einmal Kaffee trinken war.
Das war großartig – obwohl ich überhaupt keine Zeit hatte! Aber ohne dieses SpontanVorDerTür wäre es wohl nie dazu gekommen!
Vielleicht also, wie so oft: ein bisschen davon und ein bisschen davon?
Liebe Grüße!