Elisabeth hat mich eingeladen, nachdem sie über Okka von meiner Wette erfahren hatte. Oh Mann, ich freue mich jedes Mal und bin aufgeregt, wenn mich jemand einfach so, von sich aus, weil ihn das Projekt interessiert, zu sich zum Kaffee einlädt. Sie wohne zwar in einer ganz anderen Ecke Prenzlauer Berg, sagte Elisabeth, aber vielleicht hätte ich ja trotzdem Lust…? Oh und wie!
Elisabeth hat mich schon erwartet, ich bin nämlich ein bisschen zu spät. Hektik, weil ich doch weiß, dass sie ziemlich beschäftigt ist, so als Journalistin. Sie führt mich in ihre große Wohnküche, warmfarbene Dielen und ein herrlicher großer Holztisch in der Mitte. „Ich fühl mich ganz komisch“, sagt Elisabeth, „wenn ich mir vorstelle, dass die über mir mit zwei Kindern auf dem gleichen Raum wohnen, den ich bewohne. Das ist dann doch schon sehr eng.“ Vor allem, weil es eine Durchgangszimmerwohnung ist. Wunderschön hast du’s hier, sag ich, vor allem diese Aussicht auf den Fernsehturm…
„Ja, die mag ich auch sehr“, sagt Elisabeth, „aber es ist mir hier zu laut, leider hocke ich nämlich in einem Bermudadreieck von Youth Hostels, das ist nachts ein fürchterliches Gegröle. Es ist wirklich nicht schön, nachts aufzuwachen, weil unter deinem Fenster jemand Heil Hitler schreit. Es scheint, als würde das dazugehören zu einem ordentlichen Berlinbesuch. Das sind Gruppen, die sich überhaupt nicht für Berlin interessieren, die kommen allein zum Komasaufen her.“
Elisabeth ist Journalistin und hat lange Zeit in Paris gelebt. Vielleicht ist deswegen ihr Milchkaffee so lecker. Wir diskutieren ziemlich bald über den Prenzlauer Berg und seine Klischées.
„Es IST einfach nicht so“, betont Elisabeth, „von wegen das ganze Gerede vom Prenzlauer Berg, und dass hier nur Reiche… Das stimmt überhaupt nicht. Ich finde es ehrlich gesagt ziemlich schäbig hier. Wo sind denn die ganzen Bioläden hier? Oder wo bekommt man denn sein veganes Essen? Nun wirklich nicht an jeder Ecke. Und Kinder gibt es hier auch keine. Natürlich ist das hier eine andere Ecke als am Kollwitzplatz, aber das ist doch schließlich auch Prenzlauer Berg hier.“
„Wenn jetzt in Stuttgart jemand den Müttern vorhalten würde, dass sie nur BioSachen kaufen würden und spießig und konservativ wären, dann mag das ja vielleicht so sein und seine Berechtigung haben. Aber hier klaffen Fremdwahrnehmung und Realität aber so was von auseinander! Ich finde, man sieht den Menschen auf der Straße hier an, dass sie alle nur von 1500 Euro im Monat leben. Hier IST einfach nicht das große Geld.“
„In Hamburg“, wo Elisabeth gelebt hat, bevor sie nach Berlin kam, „ist es etwas anderes, da kann man sich gewisse Viertel einfach nicht leisten. Wenn man in Eppendorf wohnt, heißt das tatsächlich automatisch, dass du viel Geld hast, denn dort GIBT es einfach keine günstigen Wohnungen, und an die Wohnungen, die es gibt, kommst du auch nur mit viel Geld. Aber hier in Berlin ist es was anderes, du kannst eben nicht Rückschlüsse auf die Finanzlage von jemandem ziehen, nur weil er in diesem oder jenem Viertel wohnt.“
„Aber Entschuldige, ich kann auch diesen Ossis hier keinen Charme abgewinnen, wie andere das tun, ich finde das nicht süß oder irgendwie romantisch. Ich finde, das war ein schreckliches Regime und eine schreckliche Zeit, und irgendwie hab ich… ich weiß nicht. Ich werde mit ihnen nicht warm.“
Und ob ich vielleicht auf meinen Hausbesuchen zufällig eine Hausfrau getroffen hätte? Sie suche eine jüngere, für eine Reportage. Nein, sag ich, viele Frauen, aber keine einzige Hausfrau. In Elternzeit zu Hause, vielleicht, ja, aber an sich arbeiten alle. Wir kommen auf Prenzlauer Berg Mütter zu sprechen, und aufs Muttersein an sich.
„Freundinnen von mir haben fast gleichzeitig alle Kinder bekommen, nur ich nicht. Und da saß ich und dachte, hm. Es gibt nur ein bestimmtes Zeitfenster, in dem es passieren kann. Oder eben nicht. Das sind Überlegungen, über die ich mir früher nie Gedanken gemacht habe. Und dann kann es sein, dass die Umstände momentan nicht die Richtigen sind, dass man keinen Mann hat, dass es dann nicht klappt – und dann war es das.“
„Aber dass Frauen, die Kinder haben, anderen Frauen, die keine Kinder haben, vorwerfen, sie wären egoistisch – man ist doch nie egoistisch. Man kümmert sich doch auch um seine Familie, um seine Freunde, um seine Kollegen. Aber ich bemerke, dass bei mir gerade in der Zeit, in der jetzt die anderen ihre Kinder bekommen haben, ich tatsächlich so was wie eine Karriere gemacht habe. Gerade, wenn man eben erst anfängt im Beruf, kann man sich mit Kindern natürlich nicht so sehr reinhängen, wie es von einem erwartet wird. Anfangs hätte noch niemand auf mich gewartet und gesagt, ja klar, mach doch erstmal Teilzeit. Da heißt es „heute nach Paris“ und „morgen nach Los Angeles“. Wie will man das denn machen, mit Kind.“ Ja, sag ich, das ist noch ziemlich weit hin, zum Kind und Karriere. „Zumindest in diesen freien Berufen.“
„Du solltest doch Fotos in deinen Blog stellen“, sagt sie zum Abschied, „zumindest vielleicht von den Kaffeetassen. Wenn du jetzt meine Tassen fotografieren würdest, dann könnte jeder sehen: aha, Typ Manufactum.“ Sie lacht.

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Ob man mit Ossis kann oder nicht, ist Geschmackssache. Vielleicht Ausdruck der eigenen Inflexibilität, aber dies ist eine freie Wahl. Die Absurdität dieser Aussage kann man überprüfen, wenn man das Wort „Ossi“ durch Schwarzer oder Jude oder Ausländer ersetzt. Auweia, ist ja diskriminierend, verletzend vielleicht. Zumal man es sich in deren angestammten Gebiet gemütlich gemacht hat – mit all seinen mitgebrachten und oft unhinterfragten Normen davon, wie richtiges Leben geht. Naja, sei’s drum.
Was mich aber veranlasst dies hier zu kommentieren: Man muss aushalten können, dass es auch in Diktaturen ein Leben gab, das Menschen bisweilen als schön und lebenswert empfunden haben. Und diese Biographien und Lebenserinnerungen dadurch als wertlos wegzuwischen ist -mit verlaub- arrogant. Oder ist der Westen Hort faschistoider Gedanken und Strukturen, weil die halbe Verwaltung und Regierung nach dem Krieg von SS Schergen besetzt war? Pauschalisierungen sind 1. gedankenfaul sprich dumm und 2.verletzend.
Komisch ich fühl mich so gut wie nie als Ossi. Aber diese Zuschreibungen von außen schaffen was ich sonst für überflüssig hielt.
Ansonsten finde ich Elisabeth garnicht undifferenziert und unsympatisch (zumal von Okka empfohlen). Tausch mich auch gerne mit Ihr über das Thema weiter aus- bei Kaffee und Kuchen
Von “diesen Ossis” reden und dann verlangen, der Prenzlauer Berg nicht verallgemeinert wird?
Das widerspricht sich doch!
Liebe Anne –
da muss ich klarstellen, dass Elisabeth nicht verlangt hat, dass der Prenzlauer Berg bitte nicht verallgemeinert werden solle, sondern dass sie sagte, dass eben diese Verallgemeinerungen gar nicht stimmten, von wegen BioBioBio an jeder Ecke oder alle so Superreich oder überall nur noch Kinder und so weiter…
Liebe Grüße!