„Warte“, unterbricht mich Ulf schon nach dem ersten halben Satz, „ich als Kettenraucher muss da erst das Fenster aufmachen.“ Ach, ich bin da nicht so, sag ich. „Ja, du vielleicht nicht, aber für das Kleine da“, auf das Baby vor meinem Bauch deut, „ist das vielleicht nicht so optimal.“ Oh, stimmt, da war ja noch was. Ähem. (Armes Kind.) Danke.
Ulf geht also vor, setzt auch schon gleich Wasser auf, und Doro grüßt und winkt ein IchKommAuchGleich aus ihrem Arbeitszimmer. Ach, was heißt Arbeitszimmer, das kann kein schnödes Arbeitszimmer nicht sein, denke ich heimlich im Seitenblick, das hier ist: CIA – Filme aus den 50ern, der Clou, das hier ist: die Zentrale.
Im Wohnzimmer Couch, Bourbonenlilientapete und eine Schauvitrine voller… Pinguine. In allen Formen, Größen, Materialien. (Ja, in ALLEN). Außerdem: ein riesiges Bild mit geometrischen Formen. Auf den zweiten Blick erkenne ich: die geometrischen Formen sind: Pinguine. In Reih und Glied und grün und gelb. Wer von euch ist denn hier der Pinguin Fan, frage ich. „Wir beide“, sagt Ulf und lacht, „komischerweise. Wir haben extra ne Jahreskarte für den Zoo.“ Wegen… wegen der Pinguine? frag ich. „Nur wegen der Pinguine.“
Ulf und Doro wohnen schon seit einiger Zeit hier in der Wohnung. („seit einiger Zeit“, ich weiß. Aber es ist doch schon so lange her und mit Zahlen hab ich’s einfach nicht so. Mist. Aber es sind mindestens sechs bei Doro, das weiß ich noch, und sie ist zu Ulf dazugezogen. Und Ulf wohnte schon in einer WG im gleichen Haus, wahrscheinlich also schon nach der Hausbesetzung, der Wende-nahen. Bis dann diese Wohnung frei wurde. Ach, aber ist doch egal, im Endeffekt! Sie wohnen hier, punktendeaus! Schluß mit diesem ständigen AlteingesessenenGegenNeuzugezogeneUndIchWohnAberSchonVielLängerHierAlsDuQuatsch!) (Dann muss man auch nicht mehr wissen, dass Ulf ein BeiBerliner und Doro eine Wessi ist.)
Wissen hingegen sollte man unbedingt, dass Ulf und Doro Wahlparties besuchen. Und zwar als Sport. „Wir suchen uns nach dem Zufallsprinzip eine der Parteien aus, und da schlagen wir dann einfach auf der Wahlparty auf. Ja, und das wird dann eigentlich auch immer recht lustig“, erzählt Doro vergnügt. Irgendeine Partei? Das heißt ja auch…? „Naja“, schränkt Ulf ein, „sie sollte nicht grundsätzlich und komplett GEGEN die eigene politische Überzeugung gerichtet sein. Obwohl… wir hatten dieses Jahr tatsächlich überlegt, auf die Wahlparty der FDP zu gehen.“ (Es wurde dann aber doch die Piratenpartei.) “Aber würde mich mal interessieren”, sagt Ulf in Hinblick auf meine Hausbesucherei, “wer die zwei waren, die hier in unserm Wahlkreis für die NPD gestimmt haben.”
Wissen kann man auch, dass die beiden Krankenpfleger sind, zusammen auf einer Station arbeiten, obwohl jetzt seltener, seit Doro in der Mitarbeitervertretung ist und sich in Paragraphen und Bestimmungen einfuchst, da, in ihrer Zentrale. Was ihr übrigens unheimlich Spaß macht. Auch wenn das Paragraphenfuchsdasein ein einsames ist, einsamer zumindest, als das Stationsleben zuvor. „Ich gebe jeden Brief einzeln auf, möglichst jeweils in einer anderen Station. Damit ich ein paar Leute treffe. Ich will ja schließlich auf dem Laufenden bleiben!” – „Sei froh, dass du Raucher bist!“ sagt Ulf. „Ja“, pflichtet Doro ihm bei, „in der Raucherecke erfahr ich tatsächlich immer am Meisten.“
Wissen sollte man vielleicht auch noch, dass Doro die Bilder, die in ihrem Wohnzimmer hängen, (fast) alle selbst gemalt hat. Die Pinguinarmada auch. Wow, sag ich, („naja, zu lang kannste da aber nicht hinschauen, das ist so psychedelisch, da wird einem ja sonst schlecht“, sagt Ulf freundlich) – wann hast du denn dafür auch noch Zeit? „Das mach ich, wenn Ulf Nachtschicht hat.“ „Du musst mich doch nicht bespaßen!“ protestiert er. „Nein, aber ich hab nur dann die Ruhe, die ich dafür brauche.“
Wissen kann man zudem, dass beide gern im Prenzlauer Berg wohnen. Das ein oder andere nervt zwar, „aber, ganz ehrlich“, sagt Ulf, „ich glaube, in Berlin würde mich in jedem Viertel irgendwann irgendwas nerven. Insofern…“ Die Hausgemeinschaft jedenfalls wäre einmalig, sagen beide. Weil man sich so gut kenne. Und man deswegen kein schlechtes Gewissen haben muss, wenn man mal sonntags für zwei Löchlein die Bohrmaschine rausholt. Weil die anderen schließlich auch. Und teilweise ein sehr laxes Verhältnis zu den Tages- und Nachtzeiten haben. “Aber wenn man denjenigen kennt, dann ist man dem gegenüber gleich viel liebevoller eingestellt.” Der Nachbar Soundso, der würde beispielsweise immer dann und dann laut sein Inforadio hören. „Da muss Ulf dann aus dem Zimmer gehen“, sagt Doro. Ohje, so schlimm? „Naja“, sagt sie, „er will abends die Sportschau kucken – und sonst weiß er ja die Ergebnisse schon!“
Ach, und wissen muss man unbedingt auch noch, dass Ulf und Doro das erste Pärchen sind, das sich für’s Abschiedsfoto küsst.

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