Noch 100 Tage und schon 81 Kaffees: Paul.

Paul hat den herrlichsten amerikanischen Akzent. Schon an der Gegensprechanlage, als er mit mir ausmacht, dass ich nachmittags wiederkommen soll, er müsse noch was fertig schreiben. Und ob ich mit Baby wäre fragt er, als mein Baby kiekst, fein, er wäre dann auch mit Baby.

Pauls Baby wird allerdings, als ich komme, von Pauls Schwägerin gerade ausgehfein gemacht. „Wir kommen dann nach dem Interview wieder“, verabschiedet sie sich. Interview, ähe, sag ich, als Paul und ich am Tisch im Erker sitzen und mein Baby auf dem Teppich jauchzend alle fremden Spielsachen duchprobiert, also, ich experimentiere eher, so mit irgendwas zwischen Prenzlauer Berg und Küchentisch, also leg doch bitte einfach los über dein Leben.

Paul kam als Journalist 89 nach Berlin. Und zog gleich nach der Wende in eine WG hier im Haus. Er deutet auf das Erkerfenster nebenan. „Da drüben.“ Das Haus stand schon vor der Wende leer und wurde dann, nach der Wende, zur „Besetzung“ freigegeben.

“Das WGtum ist eine westdeutsche Erfindung”, erklärt Paul, “in England oder in Amerika zum Beispiel gibt es diese WGs, wie man sie hier kennt, gar nicht. Wenn da drei Menschen zusammen wohnen, gibt es drei Salzstreuer. Man darf da nichts, rein gar nichts, vom anderen nehmen. Und ein bisschen so war auch diese WG, in der ich gelebt habe. Ich hab oft eine lange Diskussion darüber angefangen, welches WG Konzept wir eigentlich verfolgen wollen und sollen.“ Er lacht. „Ja, wir waren schon eine interessante Mischung. Die Hauptmieterin war eine Ossi, deswegen die unterschiedlichen Auffassungen von WG – aber mit ihr bin ich auch heute noch befreundet…“

Da spaziert die Hauskatze herein und begibt sich mit einem Satz auf ihren Beobachtungsposten Sofa. Mein Baby flippt vor Freude völlig aus. Paul macht sich sofort auf die Suche nach der zweiten Katze, die sich leichter anfassen lässt, weil sie blind ist. Er entdeckt sie im Katzenkorb, und das Baby darf quietschend eine geduldige Katze „streicheln“. Ähem. „Ach, kein Problem“, sagt Paul, „mein Baby macht das auch immer so.“

„Ja“, knüpft Paul an vorher an, „und jetzt entsprechen wir genau dem „Feindbild“ hier. Meine Frau ist eine Wessi, ich bin sogar Amerikaner. Wir haben ein Kind. Wir sind beide Akademiker. Wir arbeiten als Freiberufler.“ Nur, dass die beiden eben schon seit über 20 Jahren in Berlin leben.

Paul berichtete als Journalist über die Jugoslawienkriege in den 90ern. „In Sarajewo den Belagerungszustand mitzuerleben, war sehr… beeindruckend.“

Nach dem Krieg war Paul Mitglied der internationalen Übergangsverwaltung in Bosnien und im Kosovo. Außerdem reiste und reist er als Berater für politische Organisationen, die mir – zumindest vom Namen her – alle was sagen. Außerdem ist er Herausgeber einer renommierten Zeitschrift für internationale Politik. Und er hat drei Bücher veröffentlicht. Und schreibt gerade an seinem vierten.

Wow, sage ich, und da nimmst du dir Zeit für einen Tee mit mir?

 

Über rotkapi

hinterhausbewohnende, kuchenbackende und neugierige prenzlauerbergerin mit süddeutschem migrationshintergrund
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