Noch 82 Tage und schon 82 Kaffees: Carsten. (und Ahmed)

Carsten kennen zu lernen war ein bisschen, wie eine Chatbekanntschaft nach Jahren Separée endlich im Real Life zu treffen (also, so stell ich es mir zumindest vor, ähem, schließlich hab ich noch keine Chatbekanntschaft nicht im Real Life getroffen. Ich hab überhaupt keine Chatbekanntschaft, um ehrlich zu sein) – so oft hab ich, gefühlt wenigstens, Carstens Stimme schon an der Gegensprechanlage gehört.

Als ich heute auf der Straße war und mich von Haus zu Haus treiben ließ – ja, es gibt Häuser, in denen mich wirklich niemand reinlassen will – fiel mir auf, dass ich in Wahrheit eigentlich nur um Carsten herumschlich. War seit dem letzten Mal genug Zeit vergangen, um, ohne allzu aufdringlich zu wirken, schon wieder klingeln zu können? Andererseits hat er mir ja auch wiederholt bestätigt, dass es nur jetzt grade nicht passe, ich es aber gern einfach weiterhin versuchen könne?

Diesmal hat Carsten Besuch. Aber ich soll doch einfach trotzdem kurz hoch kommen, für den Erstkontakt.

Carsten wohnt in einem ehemaligen Atelier, wunderschön, ein Zimmer, bestens genutzt, Kochecke, Sitzecke, zwei Schreibtische, einer mit Rechner (für Karsten), einer voll Lego (für Carstens Sohn aus früherer Beziehung), eine Sambatreppe führt auf das eingebaute Podest zur Bettstatt. Toller Raum, sag ich, und mein Baby krabbelt zielstrebig unter die Treppe, wo noch mehr Legosteinhaufen auf die Fortsetzung der Bauarbeiten warten. „Manchmal, wenn mein Sohn Kumpel mitbringt und die Kumpels abgeholt werden, kommen Mütter hoch, sehen den Raum und sagen: „Oh. (Pause). Wie originell.“ Da weißte schon Bescheid.“ Aber was soll’s, 300 Euro warm sind einfach das bessere Argument.

Als ich Carsten und seinem Besuch Ahmed das mitgebrachte Gesprächsthema „Prenzlauer Berg – seine Feindbilder und Klischées“ unterbreite, fällt Carsten „gleich eine Anekdote dazu ein. Nämlich letztens, vor der Kulturbrauerei, am Fahrradständer. Es gibt so Fahrräder, bei denen reicht, wenn sie vage angelehnt wurden, ein Windstoß, und dann fallen die um. Und es ging ein Wind. Ein ziemlicher Wind. Jedenfalls sah ich, wie dieses Fahrrad umflog. Und gerade in diesem Moment gingen zwei offensichtlich italienisch sprechende Männer an dem Fahrrad vorbei. Die allerdings wirklich nichts mit dem Umsturz zu tun hatten, sie gingen zwar nah, aber: es war der Wind.“

„Und da pöbelte eine Frau los, die umfallendes Fahrrad und vorbeigehende Männer kombiniert hatte, von wegen das sind diese hochnäsigen Ausländer, die jetzt in ihrer arroganten Achtlosigkeit den Prenzlauer Berg bevölkern, in einer der tausend illegalen Ferienwohnungen wohnen, und genau derentwegen die Mieten hier so explodieren. Die Frau hatte übrigens „Ostvergangenheit“, das war ihr auch ganz wichtig.“

Zu diesem Zeitpunkt ist mein Baby schon hoffnungslos in Ahmed verliebt und lehnt sich selig an seine Brust.

„Und dann“, erzählt Carsten, „war ich aber auch beim „Feind“. Eine Bekannte aus Kopenhagen, die etwas Geld übrig hatte und für ihre beiden Kinder investieren wollte. Die hat sich hier im Prenzlauer Berg eine Wohnung gekauft hat, in einem Townhouse. Jedenfalls, die hatte mich eingeladen. Und tatsächlich sieht die Wohnung aus, wie man es sich vorstellt, und wie man in den ganzen Zeitschriften nachlesen kann, „Schöner Wohnen“ und das alles. Aber ebenso natürlich ist diese Frau total freundlich, sympathisch, herzlich. Ist ja klar. Es sind ja auch nicht die Menschen, die für die Situation hier verantwortlich sind. Die ist doch nicht schuldig, weil sie für ihre Kinder vorsorgen will und die Kaufpreise in Kopenhagen dreimal so teuer sind. Und ihr irgendein Makler – und da wird dann wieder das andere Klischée bedient – vorschwärmt, dass der Prenzlauer Berg so ein tolles Künstlerviertel ist, mit einer tollen Atmosphäre, in dem es sich ganz toll leben lässt.“

 

Über rotkapi

hinterhausbewohnende, kuchenbackende und neugierige prenzlauerbergerin mit süddeutschem migrationshintergrund
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