Ich hole auf. Also, ich fange zumindest damit an. Deswegen bin ich nach Karsten gleich nochmal los. Diesmal aber ohne Baby.
BP steht auf dem Gang und sieht mir erwartungsvoll entgegen. Ich befinde es für derart unwahrscheinlich, hier von irgendwem tatsächlich hinein gelassen zu werden, dass ich ihm ungläubig (und wenig logisch, zugegebenermaßen, wie, um mir eine Abfuhr einzuholen) HabenSieMirAufgemacht entgegenrufe.
Auf die Zunge beiß.
Was für eine bescheuerte Frage, denke ich, schließlich steht er ja da. Aber BP hat meine Frage zum Glück gar nicht verstanden. „Haben Sie bei mir geklingelt?“ fragt er mich (wahrscheinlich ebenso ungläubig) und „Wie bitte?“, als ich mein Projekt erkläre und warum ich Kuchen im Korb habe. BP versteht auch beim zweiten Mal nicht. „Kommen Sie erst mal rein“, sagt er.
Ein Zimmer. Klein. Fensterfront. Gardinen. Man könnte lüften. Laufender Fernseher, davor Sessel und Tisch. Kochnische. Metallbett, wie im Krankenhaus. Rollstuhl. Rollator. In der Kochnische köchelt etwas vor sich hin. Das Etwas zischt von Zeit zu Zeit, wenn es auf die Herdplatte überkocht.
„So, jetzt reden Sie mal nicht wie ein Wasserfall und erklären nochmal“, fordert mich BP auf und setzt sich mir gegenüber. Ich bemühe mich, ein geruhsamer Strom zu werden, ein lautunddeutlicher.
BP kommt aus Köln. Früher, also bevor er nach Berlin kam, war er Schaffner bei der Deutschen Schlaf- und Liegewagengesellschaft. „International“, betont er und zählt ein paar Länder auf. Was für ein aufregender Beruf, sage ich, da haben Sie sicher eine Menge erlebt. Oh ja, nickt BP. An was er sich am liebsten erinnert, frag ich. „An die Streiks in Italien. Wenn die Italiener streiken, dann kommt man nirgends mehr durch.“ Er erzählt von Touristen, die aber eben das nicht glauben wollten: dass man bei Streik nicht mehr aus der Stadt kommt. „Da waren dann schon deren Autos verladen – weil Autozug bin ich ja auch gefahren – aber die Leute dazu waren nicht da.“
Als er nach Berlin versetzt wurde, weil er nicht mehr als Schaffner arbeiten konnte, hat er weiterhin im Transportwesen gearbeitet. Ah, Transportwesen, was heißt das genau? „Am Flughafen war ich.“ Und mit welcher Aufgabe? „Ausladen von Teilen und Auflegen auf Förderbänder, mit dem Gabelstapler. Da kommt ein Flugzeug und das muss fünf Stunden später wieder abflugbereit sein. Das ist Akkordarbeit. Aber da hatte ich einen schönen Gabelstapler, mit dem konnte ich so hoch, ich konnte über die anderen alle drüber greifen.“
Das war in Westdeutschland. „Rübergemacht“ in den Osten hat er erst später, nach der Wende, in der Ostseestraße hat er da gewohnt. Und warum sind Sie dann hierher gezogen, frag ich und wittere Gentrifizierung.
BP zündet sich eine Zigarette an. Ich beobachte fasziniert, wie er sie raucht, ohne sie aus dem Mund zu nehmen. Und gleichzeitig spricht. „Ich konnte nicht mehr. Die Luft. Kohleheizung. Und dann auch noch im dritten Stock. Deswegen bin ich hierher gezogen.“
„Mein ganzes Leben hab ich gearbeitet“, erzählt er, „und der Deutschen Schlaf- und Liegewagengesellschaft meine Knochen geschenkt“. Denn jetzt ist er krank. „Einer von beiden kommt immer mit“, sagt er und deutet auf Rollstuhl und Rollator, „je nach Tagesverfassung. Und je nach Wetter. Den Winter, den spür ich besonders.“
„Ich bin ja noch unter dem Satz“, erzählt er, „Ich beziehe Sozialleistungen. Zusammen mit der Rente komm ich auf 800 Euro.“ Sein Zimmer hier kostet 400 Euro. Dazu kommt noch Strom. Telefon. Und so weiter. Kann man sich ja selber ausrechnen. „Man lernt, sparsam zu leben“, sagt BP und: „dafür hab ich es früher ausgegeben. Zumindest meine erste Frau…“
Seine zweite Frau war Ausländerin, erzählt er, „aber die wollte der Herr im Haus sein, das hab ich nicht mitgemacht“. Aber er hat sich dafür eingesetzt, dass er ihren Sohn adoptieren konnte, als es an die Abschiebung ging. „Dafür ist er mir heute noch dankbar. Der kommt mich auch ab und zu besuchen. Er macht jetzt eine Ausbildung bei der Polizei.“ Da hat er es aber gut getroffen, sag ich, nicht wahr? Er freudestrahlt stolz und nickt.
Und sagen Sie, wo gefällt’s Ihnen besser, in Köln oder in Berlin? „Da, wo die Luft besser ist“, sagt er entschieden. „Berlin in den 70ern…“ Er verdreht die Augen. „Aber an der Ostsee war ich mal“, fällt ihm ein, „da ist die Luft gut. An der Ostsee ist sie besser für Asthmatiker als an der Nordsee.“ Warum fahren Sie denn nicht auf Kur, frage ich, wenn Ihnen doch die frische Luft so gut tut. „Ach, wissen Sie“, sagt er, „die ganzen Anträge, und die Untersuchungen, die dafür nötig sind. Das muss der Arzt erst unterzeichnen. Und dann weiß ich auch nicht, wer die Kosten dafür übernimmt. Oder wie das mit dem Anreisen wäre. Bei mir muss ja immer einer mit!“ Er winkt ab.
Ich mach mich jetzt wieder auf den Weg, sag ich. „Schade“, sagt er und bringt mich zur Tür.

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