„Komm herein, komm herein, das passt ja wunderbar mit dem Kuchen, ich hab Geburtstag!“ Oh, wow, alles Gute, gratuliere ich Eva – und überlege einen kleinen insgeheimen Moment, ob ich ihr ein Ständchen singen soll, fühle mich so formidabel in Singlaune. (Die Singlaune befällt mich jedesmal, wenn ich trotz erstenblicklicher AusnahmeSituation hereingelassen werde). Aber ich will Eva lieber nicht erschrecken. Singe also nicht. Grinse nur. (Besser ist es).
Im Wohnzimmer prangt ein schmucker vomFreundGebackener Kuchen mit Kerze (diese kleinen dünnen, bunt spiralten) auf dem antiken Tischchen, Kerzen brennen im Kerzenständer, ein Buch steht präsentabel und macht schon mal den GeschenketischAnfang. Außerdem im Wohnzimmer: antikes Vertiko, Couch, Kunst und Fotos an den Wänden, respektable Pflanzen (du scheinst einen grünen Daumen zu haben, sag ich, „ach“, winkt Eva ab, „den hat eigentlich mein Freund entwickelt. Ich wollte lediglich, dass er meinen Hibiskus durchbringt, während der zwei Monate, die ich jetzt in London war – und als ich zurückkam, war es hier auf einmal richtig grün… Nur die Palmenableger, die zieh ich hoch.“) – und: Parkett. Wunderschönes, altes Parkett.
„Das ist hier das einzige Zimmer der Wohnung mit Parkett“, erklärt Eva, „Die Wohnung war nämlich ursprünglich eine große Wohnung, zusammen mit der unserer Nachbarin, die hat da mit ihrer Familie gewohnt. Als die Kinder ausgezogen sind, wurde die Wohnung zweigeteilt. Die Wände hier sind alle neu eingezogen, deswegen sind auch die Türen nicht Original, obwohl es ja ein Altbau ist. Die Raumaufteilung ist auch untypisch, kein Berliner Zimmer mehr, kein Toilettenschlauch. Aber die Nachbarin hat uns erzählt, wie es früher aussah, als sie hier drin war, hat sie gezeigt: da war das Kinderzimmer, da war das und da war das.“
Mit der Nachbarin gäbe es sowieso ein ganz hervorragendes Nachbarschaftsverhältnis, schwärmt Eva, „so, wie man sich das vorstellt, mit Ei und Backpapier ausleihen, Kräuterbank gießen und WeihnachtsmännerSchenken zu Nikolaus.“ So viel zum Thema Ossi-Wessi, Alteingesessene-Neuzugezogene.
Eva zog 2007 in diese Wohnung, 2004 kam sie nach Berlin. Aus dem Sauerland. Sie kann sich noch erinnern, dass die obere Immanuelkirchstraße, also oberhalb der Winsstraße, noch völlig unsaniert war. Die untere Hälfte war da schon gemacht. Sie sagt: „Gentrifizierung ist ein Prozess, der sich in jeder Stadt abwickelt. Als ich ein Jahr in London studiert habe – mit Stipendium, sonst hätte ich es mir gar nicht leisten können (Eva schreibt gerade an ihrer Dissertation über „Urheberrecht“) – war beispielsweise das East End völlig verschrien, im Jargon hieß es „Arbeiterviertel“. Jetzt wurde es aufgehübscht. Das ist natürlich einerseits gut, für die Bausubstanz, denn: wenn Häuser so heruntergewirtschaftet werden, wie das in der DDR oftmals der Fall war, ist das ja auch nichts – wenn aber dann Künstlerhäuser mit billigem Atelierraum geschlossen werden und statt dessen ein Hotel oder eine Luxusimmobilie entsteht, dann sollte die Politik eingreifen.“
Eva zuckt die Achseln. „Aber die Welle rollt. Dann wandern die Künstler halt weiter. Jetzt ist es ja Neukölln.“ Ach, Neukölln ist doch schon längst drüber, sag ich. Eva erinnert sich, wie exotisch es vor sieben Jahren noch war, in Neukölln zu wohnen. „Bei uns im Seminar war genau einer. Der hatte zwar ne schöne Wohnung, „ABER“ in Neukölln.“
Die Wohnung hier hat sich Eva mühsamst mit einer Freundin zusammen gesucht, für eine WG. „Wir waren schon ganz verzweifelt, weil es einfach unmöglich schien, hier an eine Wohnung zu kommen. Zwei Studentinnen? Auf keinen Fall, die Wohnung bekommt die junge Familie mit dem doppelten Gehalt.“
Prenzlauer Berg aber sollte es sein, wegen der Parknähe, die Freundin hatte einen Hund. „Genau an dem Tag, an dem wir eigentlich mit Prenzlauer Berg abgeschlossen hatten und sozusagen zum letzten Mal auf dem Weg in den Park waren, mit dem Hund, hing an der Ampel ein Zettel mit Wohnung zu vermieten. Ich glaub, es waren Pfingstferien, oder so, jedenfalls war die Stadt ziemlich leer und deswegen hat sich wohl sonst niemand für diese Wohnung gemeldet – und wir haben sie bekommen.“
Mittlerweile ist die Freundin aber aus- und dafür Evas Freund eingezogen. Und auch die Freundin ist mit ihrem Freund zusammengezogen. „Ja…“, sagt Eva amüsiert, „das sind dann wohl die neuen Lebensabschnittsphasen…“

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Kein Toilettenschlauch mehr – die Glückliche. Gibt es das heute eigentlich noch, dass das Abgasrohr bzw. so ein Stück Schornsteinrohr aus der Nachbarwohnung über den Flur der anderen Wohnung in den Hinterhof geleitet wird? Irgendwie war das damals normal und keiner hat sich dran gestört. Wahrscheinlich sind die aber mit den Kachelöfen und anderen Feuerstellen aus den Häusern verschwunden. Heute würde ich das auch nicht mehr haben wollen.
Grüße! N.
PS: Bin ich hier eigentlich die Einzige, die kommentiert?
Liebe N. –
ein Stück Fremdschornstein ist mir in Fluren bisher noch nicht begegnet… Aber Kachelöfen gibt es noch zu genüge!
Grüße!
(Guck mal “Über Rotkapi”, da ist kommentartechnisch mehr los…)