Als Tatjana ihren Kopf übers Treppengeländer beugt und mir über den Hausflur zuruft „Rotkapi, gehst du bitte nochmal zurück – die Klingel klemmt fest!?“ weiß ich schon: das wird gut. Das wird richtig gut. Genau genommen wusste ich das schon, als Tatjana hinter ihre Einladung (ich solle doch zu ihr ExPrenzlauerbergerin nach Weißensee kommen, elf wäre eine gute Zeit, das wäre dann mein zweites Frühstück und ihr erstes) ein „Hehe“ setzte.
Und was soll ich sagen? Es wurde richtig gut.
Klar, alle Hausbesuche sind richtig gut. Auf ihre Art. Aber hin und wieder, glaube ich, an manchen Tagen, ist mein Glück einfach besonders „top“ in Form.
So hocke ich also in Tatjanas Küche auf dem samtweich abgezogenen Dielenboden, während Tatjana die als Lockspeise versprochenen Kirschpfannkuchen brutzelt, mein Baby kreischend Jagd auf Fine, den Jack Russell, macht – und habe ein Gefühl, bei einer Freundin zu sein, mit der ich schon viel gemeinsam erlebt habe, deren Namen mir aber bis soeben entfallen war. Oh herrliches Hausbesuchen, danke für die Begegnungen.
„Wir haben hier richtig viel gemacht“, erzählt Tatjana und meint nicht nur die Küche, sondern die ganze Wohnung, „das war hier völlig runtergekommen. Und ich glaube, die Vermieterin wollte das so lassen – wir wussten erst gar nicht, dass sie die Vermieterin ist, sie hat sich als „von der Wohnungsverwaltung“ vorgestellt, bis uns dann ein Installateur erzählt hat, dass sie sechs Häuser hier in der Gegend besitzt. Und ich glaube, sie hat ein bisschen… Angst vor uns.“ Angst? Bist du… Wessi? frage ich zaghaft. Tatjana nickt. „Aus dem Odenwald. Und mein Freund ist sogar aus der SCHWEIZ.“
Früher, vor nicht ganz einem Jahr, hat Tatjana noch in der Pappelallee gewohnt. Ah, high live also. „Ja, aber wir wollten unbedingt raus aus dem Prenzlauer Berg“, sagt Tatjana, „mir waren irgendwann einfach zu viele Menschen auf der Straße. Und dabei so ein Druck… Weißensee ist genau das Richtige.“ Und was ist mit den… mit den ganzen Rechten, frag ich nach dem Stempel, den Weißensee nun mal trägt. „Also ich hab hier noch keine getroffen“, sagt Tatjana, „allerdings haben hier auffällig viele einen Kampfhund… Fine wurde schon viermal angegriffen.“
Die Pfannkuchen sind fertig, wir übersiedeln in das Wohnzimmer, wo Tatjana den langen, aufgebockten Tisch ausnehmend schön gedeckt hat, mit Kerzen im Silberständer, sogar ein extra Service für mein Baby, die Tasse in rosa. Himmel, und in der Ecke liegt auch noch Fine auf ihrem Sitzkissen – das Baby ist hin und weg. (Auch wenn ihr Fine die kalte Schulter zeigt. Egal! Man muss dieses Hundetier ja nur so ein kleines bisschen… Nein.)
Wir unterhalten uns über alles Mögliche. Tatjana ist Bühnen- und Kostümbildnerin, also, eigentlich noch Studentin in Weißensee – aber sie arbeitet schon so viel als Bühnenbildnerin, dass sie eher nur noch formal studiert. Für die noch ausstehende Diplomarbeit wird Tatjana einfach ihre nächste Inszenierung in Augsburg nehmen. Und dann gibt es auch noch ein PerformanceKünstlerKollektiv, für das (oder „in dem“, wie sagt man) Tatjana Bühne und Kostüm entwirft.
„Ich hab dich schon überall beworben“, erzählt Tatjana zum Schluß, „übrigens auch bei einer Freundin, die bei dir in der Straße wohnt. Und…“ setzt Tatjana an und ihre Augen blitzen, (Herrje, ich ahne schon und hoffe nur, dass die Geschichte nicht gar zu peinlich für mich ausfällt), „bei der hast du auch schon geklingelt, hat sie erzählt, aber sie hat nicht aufgemacht. Durch die Tür hat sie von dir nämlich nur gehört: „Ich habe Schweineohren dabei!“ und sie ist so erschrocken, sie konnte nur „Nein“ quieken und sich unter die Bettdecke flüchten. Und dann hat sie vor lauter Panik auch noch ihren Freund angerufen, dass er sofort kommen muss, da wär nämlich eine Verrückte draußen vor der Tür.“
Ich muss sehr lachen. Oh Mann, sag ich, und ich dachte, DIE ist wahrscheinlich nicht ganz dicht. Weil sie doch drei Schlösser an der Wohnungstür hat. „Ach, du weißt, wen ich meine?“ fragt Tatjana, ziemlich erstaunt jetzt. Na klar, sag ich, ich weiß auch noch, in welchem Stock das war, wie das Treppenhaus dort riecht (nach knarzender Bastmatte und eingetrocknetem Klarlack, Komma, braun) und was auf dem Fußabstreifer steht! Die Schweineohren waren doch mein erster Tag, und dieser erste Tag, ja, der hat sich mir vor lauter erster Tag ziemlich…äh… deutlich eingegraben, würde ich sagen – den meisten Schiß von allen, den hatte nämlich ich.
„Jedenfalls“, sagt Tatjana, „da könntest du nochmal klingeln, wenn du wolltest – ich glaub, jetzt würde sie aufmachen…“

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