Noch 78 Tage und schon 87 Kaffees: Crew United.

Man schleicht an den Spion heran. Man guckt. Man guckt lange. Man macht nicht auf. Man ist ratlos. Es trippelt und trappelt. Noch jemand kommt. Man raunt. Da der Rauner aber offenbar auch beim Raunen noch immer ungläubig in den Spion starrt, muss ich es trotz geschlossener Tür deutlich raunen hören: „hey, da draußen steht so ne alte Frau…“.

„DA STEHT SO NE ALTE FRAU“??? Ui, da geht mir aber spontan die Hutschnur hoch. Nichts mehr von wegen hallo, ich bin Rotkapi und nett und trallala und so. Hey du… (in der Pause denk ich mir zwar den „Arsch”, aber sagen tu ich ihn nicht), keife ich in den Spion, ich bin keine ALTE FRAU – und hätte fast gegen die Tür getreten. Das ist ja wohl die Höhe. „Alte Frau“. Ich bin frische EndeZwanzig und krieg höchstens ein bisschen wenig Schlaf zur Zeit, das mag ja sein.

Seltsamerweise macht man mir daraufhin auf.

Zwei Jungs, vielleicht 15 (ich wünschte, ich könnte mich rächen und „vielleicht 10“ schreiben. Aber das wird ihnen kaum was ausmachen. Wenigstens die „15“ also. Sie sind 17.), schauen mich wie Siebenschläfer aus ihrer dunklen Höhle an. Rötliche Augen und ein gewisser Duft. Ich kombiniere beides und variiere zum ersten Mal meinen Spruch, nehm eine gewaltige Abkürzung, spare jede Andeutung einer Gentrifizierung und steige gleich mit der Wette ein.

Ich hab eine Wette, lasst mich rein, dafür gibt’s Kuchen. Man berät sich. „Weißt du, das ist gar nicht unsere Wohnung. Und der, dem sie gehört, der ist grad nicht da.“ Aha, wann kommt er denn? Man ist sich nicht sicher, vielleicht in einer Stunde oder so. Macht nichts, sag ich, ich bleib auch nicht lang, ich will nur rein. Und hier, seht mal, den KUCHEN. Man schwankt, überlegt aber trotzdem, erst den Wohnungsbesitzenden anzurufen. „Weißt du, er ist einfach der Boss – und das ist seine Wohnung.“ Jetzt macht euch mal locker, sag ich, ich bin doch harmlos.

Ich darf rein. Und ich bin froh, doch wieder einen neuen Kuchen gebacken zu haben und nicht mit dem restlichen Viertel des alten, vom Mann angefressenen, losgegangen zu sein. Denn in einer Nische sitzen in der EinZimmerWohnung auf einer geblümten 90er JahreCouch noch drei andere Jungs vor einem riesigen Fernseher, spielen Playstation oder Nintendo oder was man eben so spielt – und starren mich und sich (gegenseitig) ziemlich entgeistert an. Ja, sag ich, hier also bin ich – aber das Ding hier (auf den Fernseher deut) müsst ihr mal leiser machen. So. Und jetzt unterhalten wir uns. Wie man das bei einem Kaffeekränzchen so macht.

Sie schauen immer noch ziemlich entgeistert. Auf dem Couchtischchen liegen so… Utensilien. Für entgeisterte Blicke. „Ich glaub, ich bin im komplett falschen Film“, stößt der eine hervor, „Kaffeekränzchen hab ich vielleicht EINMAL in meinem Leben gemacht, bei meiner OMA“, der andere. Genau, lobe ich, (immerhin ist das Wort „Kaffeekränzchen“ mit einer Bedeutung verknüpft und ich muss es nicht erläutern), und bei einem Kaffeekränzchen gibt es praktischerweise Kuchen, sage ich, also legt los. Und einer muss jetzt noch heißes Wasser machen.

Der Kuchen ist – wie die Kuh im PiranhaSchwarm – binnen zehn Sekunden WEG. Der eine wird zum heißesWasserMachen geschickt, sieht klar so aus, als würde er immer geschickt werden. Er ist Spanier und erst seit zehn Monaten in Berlin. Sein Deutsch ist noch nicht so – aber in flammendem Spanisch erklärt er mir flehend, warum ich in der Wohnung kein Foto machen darf. Also, er erklärt nicht, WARUM, er erklärt nur, DASS. Aber ich kombiniere wieder, diesmal die Utensilien (vor allem ihre Menge) und die vielen Handys auf dem Tisch. Und die Waffen, die (ob echt oder nicht, weiß ich nicht, und es ist auch egal) mal nebenbei so hervorgeholt werden und wieder griffbereit verschwinden. Ach, Jungs, denke ich.

Bis der Spanier mit dem heißen Wasser zurück kommt, kann ich allerdings nicht warten, denn noch ehe er sich entschieden hat, tatsächlich warmes Wasser aufzusetzen, ist mir längst schon das kleine, klitzekleine Gesprächsfeuerchen ausgegangen.

Immerhin hab ich erfahren, dass der eine ein Praktikum als Koch gemacht und aber geflogen ist, weil dem Ausbilder gekündigt wurde und deswegen niemand mehr da war, der ihn hätte ausbilden können. Jetzt chillt er.

Ferner hab ich erfahren, dass ein anderer aus Köln kommt, vier Jahre in Amerika gechillt hat, jetzt in die zehnte Klasse geht und eben hier weiter chillt.

Dass ein dritter immer schon in Berlin lebt, in die zehnte Klasse geht, noch nicht weiß, was er nach dem Abi machen will und hauptsächlich erstmal chillt.

Und dass auch der vierte in die zehnte Klasse geht, ein wenig plauderfreudiger ist, als der Rest, die Schule ein Witz sei, weil eben Gesamtschule und viel zu easy, dass man in den Hauptfächern selbst entscheiden könne, wie viel man mache – und dass man mit DreiJahreLangNichtsTun ganz entspannt über die Runden und bis zum Abi komme. Und dass sie von der Schule aus „so Bäume pflanzen müssen“, als Aktion, was voll „behindert“ wär, so „behindert“, dass er gar nicht mehr dazu sagen will. Ach ja, und, dass er chillt.

Und hier so, Prenzlauer Berg und Menschenschlag? frag ich, weil ich es mir doch nicht verkneifen kann.

Äh.

Na denn chillt mal weiter. (Danke für’s Reinlassen)

Über rotkapi

hinterhausbewohnende, kuchenbackende und neugierige prenzlauerbergerin mit süddeutschem migrationshintergrund
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