Noch 77 Tage und schon 88 Kaffees: Gabi.

Gabi stellt sich mit „ich bin die Gabi“ vor („die“, aha, süddeutscher Raum), macht noch schnell das Bett und versorgt des Sohnes Meerschweinchen, die auf dem Balkon gerade winterfest werden sollen. Sie hat nicht viel Zeit, sagt sie (was mir gelegen kommt), sie muss noch so viel erledigen, bevor der Sohn von der Kita kommt, halbes Stündchen also vielleicht – aber dann haben wir uns total verquatscht. TOTAL verquatscht.

Gabi arbeitet in der Mode. „Als Freischaffende ist es einfach schwierig, mit Kind. Sagen wir, du hast einen Kundentermin um halb neun und dein Kind kotzt in den Flur. Wenn BEIDE Elternteile selbstständig sind, ist klar, WER zu Hause bleibt: derjenige, der weniger verdient. Das bist natürlich du. Du sagst also den Termin ab. Dann wirst du gefragt: kommst du morgen? Du sagst: weiß ich noch nicht. Dann stellt sich heraus, dein Kind hat eine Magendarminfektion. Du rufst an und sagst: ich komm in zehn Tagen wieder. Ja, aber das geht natürlich nicht. Ein größerer Betrieb kann das vielleicht mitmachen, da gibt es genügend Mitarbeiter, die so einen Ausfall ausgleichen können. Aber in einer kleinen Firma ist so was nicht möglich. Und es gibt, gerade in meinem Beruf, viele Frauen, die draußen warten. Und keine Kinder haben. DESWEGEN keine Kinder haben. Es heißt: entweder Karriere oder Kind, zumindest in diesen kreativen Berufen.“

„Als ich schwanger war und total happy – weil ich überhaupt gar nicht mehr damit gerechnet hatte, schwanger zu werden – da habe ich sogar den Spruch gehört: „Oh Gott, ich weiß jetzt gar nicht, ob ich mich für dich freuen soll.“ Und der Spruch kam von einer Frau.“

„Ich hab drei Tage nach der Entbindung schon wieder gearbeitet. Und drei Wochen nach der Entbindung war ich schon wieder auf den Messen. Das Kind mit dabei. Und ihm ging es auch super, nur ich, ich ging nach zehn Monaten auf dem Zahnfleisch, ich hatte zehn Kilo weniger, als jetzt. (Schluck, denke ich, das war DÜNN.) Ich hatte mir das irgendwie einfacher vorgestellt, das mit Karriere UND Kind. Und ich hätte mir gewünscht, dass das auch mal jemand zu mir sagt, vorher, von wegen: Kind ist alles schön, aber pass auf, das mit der Emanzipation ist noch lange nicht so weit her, wie man meint und wie es überall heißt.“

Gabi hat also ihre Agentur verkauft und sich zwei Jahre Auszeit genommen, um zu Hause zu bleiben und sich um ihren Sohn zu kümmern. „Leute auf dem Spielplatz haben mir ihren Kitaplatz angeboten. Die konnten überhaupt nicht verstehen, als ich sagte: Nein, danke, aber ich MÖCHTE zu Hause bleiben. Schließlich ist mein Kind nur einmal in diesem Alter. Und da kam von allen Seiten, mein Kind würde nicht selbstständig, ein Nesthocker werden, ich würde mich aufgeben, oder, ganz schlimm fand ich auch den Satz: „du opferst dich.“ Und solche Kommentare kamen immer nur von Frauen. Männer hatten überhaupt kein Problem damit, im Gegenteil, die, die mich kennen, und wissen, wie ich durch die Straßen gezogen bin, sagten: super, Gabi, dass du das machst. Ich find das schade, dass gerade Frauen – sei es Missgunst, sei es Neid – sich gegenseitig das Leben schwer machen. Wenn sich Frauen gegenseitig mehr unterstützen würden, dann würden wir Frauen noch viel mehr erreichen können.

Ich hab jedenfalls jahrelang vorher gearbeitet – ich arbeite auch jetzt wieder und ich werde auch noch jahrelang arbeiten, da sollte es doch möglich sein dürfen, ZWEI kleine Jahre bei dem Kind zu Hause zu bleiben! Vor allem bekam ich noch nicht mal Erziehungsgeld, weil wir da gerade von unseren sechs Jahren England zurück kamen und ich von Erziehungsgeld gar nichts WUSSTE – ich hab mir die zwei Jahre komplett selber finanziert, und zwar mit dem, was ich durch den Verkauf meiner Agentur bekommen habe – nicht von Eltern, das ist ja auch so ein gängiges Bild hier, dass die, die etwas haben, es sowieso nur von ihren Eltern haben und von Beruf „Sohn“ oder „Tochter“ sind.“

Du bist ja noch dazu Schwäbin, nicht nur Prenzlauer Berg Mutter. „Ach, das nehm ich mit Humor. Seit ich im Ausland war, hab ich sowieso ein anderes Verhältnis zu Deutschland und zum DeutscheOderSchwäbinSein. Früher hatte ich oft das Gefühl, mich schämen zu müssen, vor allem als Deutscher – und seit ich aber in England war, ist mein Blick auf Deutschland viel liebevoller geworden, weil ich eben auch darüber, wie Engländer Deutschland reflektieren, gemerkt habe, was positiv ist an Deutschland. Zum Beispiel eben, dass es hier ein Soziales Sicherungsnetz gibt, auch wenn viele meckern, immerhin GIBT es eins, das ist in England ganz anders, oder, dass Kinder aus ärmeren Familien bei uns TROTZDEM eine Chance haben, durch Bildung aufzusteigen – auch wenn es schwerer ist, aber in England gibt es diese Chance eben von vornherein schon einmal GAR nicht, deswegen sind wir ja auch wieder zurückgekommen. In England gibt es ein Klassensystem – und das kannst du nicht überspringen. Wenn es in der Familie kein Geld gibt, dann geht das Kind eben NICHT auf eine Schule, auf der es das Nötige erlernt, um später einen Universitätsabschluss zu erlangen. Und hätten wir später zu unserem Sohn sagen sollen, tut uns leid, dass du nicht studieren kannst – aber uns hat es in Südengland einfach zu gut gefallen?“
„Und, zurück zum Schwaben, ich glaube, dieses Feindbild kommt daher, dass sich die Deutschen mit der Vorstellung einer Elite so schwer tun. Auch das ist in England anders, gut, deswegen haben sie da auch diese ganzen Probleme. Aber andererseits muss man doch auch sehen, dass die Schwaben beispielsweise Arbeitsplätze schaffen! Das sind in Berlin 80.000 Stellen, das ist doch auch was. Mein Mann beschäftigt mit seinem Geschäftspartner zusammen vier Angestellte. Zwei Wessis und zwei Ossis. Und die bleiben alle gerne. Weil von Anfang an Westgehälter gezahlt wurden, mein Mann zahlt genau den Lohn, den die Agentur auch in Stuttgart zahlen würde.“

„Und dass die Prenzlauer Berg Mütter hier, wie das Bild generiert wird, den ganzen Tag nur in Cafés hocken oder unfassbar teure Kinderwägen durch die Gegend schieben, die allesamt einen Cappuchinohalter haben – kennst du so eine?“ fragt sie mich. Mütter hab ich jetzt viele kennengelernt, sag ich, aber ich kenne nicht eine, die nicht arbeitet. „Eben!“ pflichtet Gabi mir bei, „die, die ich kenne, strampeln alle. Und ich kenn auch die alleinerziehende Hartz IV Empfängerin. Und dann – das hat mich wirklich geärgert, und deswegen konnte ich die Grünen dieses Jahr auch nicht wählen – hängen die Grünen eine Plakatserie auf von diesen Weibchen im 50er Jahre Style, die mit überschränkten Beinen auf Mäuerchen hocken und denen BioBioBio ins Antlitz geschrieben steht! Da komm ich mir doch verarscht vor! Die haben offensichtlich etwas Wesentliches hier von der Lebensrealität NICHT begriffen.“

Über rotkapi

hinterhausbewohnende, kuchenbackende und neugierige prenzlauerbergerin mit süddeutschem migrationshintergrund
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3 Antworten zu Noch 77 Tage und schon 88 Kaffees: Gabi.

  1. Pingback: Ihr ward wunderbar. (das offizielle Ende). | hausbesuchwins

  2. Regine schreibt:

    Hallo, rotkapi, seit einigen Tagen bin ich Abonnentin und lese deine Reportagen. Gerad die von Gabi finde ich doch sehr interessant. Ja, es sind immer die Mütter, die zurückstecken müssen, wenn es um Berufstätigkeit geht – trotz Emanzipation und dem Gefasel von Alice Schwarzer. Ich selber war immer berufstätig. Mein Sohn ging ab dem 3. Lebensjahr in den Kindergarten und danach ist mein Mann Taxi gefahren, um zur Zeit, wenn der Sohn aus der Schule kam, zu Hause zu sein. Und trotzdem hatte ich – und nicht nur ich, auch sehr viele von meinen damaligen Kolleginnen – ein schlechtes Gewissen..Das Ganze liegt schon mehr als 30 Jahre zurück.
    Es hat sich auch in der letzten Zeit nicht allzuviel geändert.

    • rotkapi schreibt:

      Liebe Regine –
      ich freu mich, dass du Abonenntin bist, herzlich willkommen!
      Und Gabi und ich haben auch über Alice Schwarzer geredet, Gabi sagt dazu, nicht nur wie du “trotz”, sondern sogar “wegen” des Gefasels von Alice Schwarzer. Weil man als emanzipiertes weibliches Wesen überhaupt nicht in Frage kam, wenn man sich für ein Kind (oder gleich mehrere Kinder) entschieden hat. Als Mutter wurde man mitsamt seiner Belange praktisch sofort von der Agenda gestrichen.
      Und deswegen gäbe und gibt es für berufstätige Mütter (und Mütter allgemein) noch so viel zu ändern und zu verbessern!

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