Noch 75 Tage und schon 90 Kaffees: Herr R.

Ach, denke ich, als mir Herr R. die Tür öffnet, sowieso keine Chance, der unterbricht dich doch gleich. Herr R. ist nämlich älter. Naja, und meine bisherige „Statistik“ besagt, dass mich ältere Menschen niemals, also: niemals, zu sich in die Wohnung lassen. Aber Herr R., schmunzelt über mein In200TagenBesucheIch200Leute, nimmt zustimmend nickend Notiz von meinem Marmorkuchen – und lässt mich rein. Ich bin ganz verdattert. (Nimm deine Sachen, Statistik, und geh, du hast mir monatelang nur was vorgemacht.)

„Stören Sie sich bitte nicht daran, dass hier die Koffer liegen“, entschuldigt sich Herr R., „ich bin gerade am Packen.“ Nächste Woche geht es auf Kreuzfahrt, Herbstreise zu den Inseln des Ewigen Frühlings.

„Ich war 5 Jahre in der Marine an der Ostseeküste, in der Offiziersausbildung“, erzählt Herr R., „aber als ich dann Offizier war, wollten sie mich nicht mehr haben. Weil ich mich von meiner Frau habe scheiden lassen. Und die meinten, gegen eine wild gewordene Schwiegermutter, die regelmäßig auf der Dienststube Alarm schlagen würde, kämen sie nicht an, ich solle doch bitte in Erwägung ziehen, zu gehen, andernfalls müssten sie mir kündigen. Ich hab es nicht geglaubt, aber dann wurde ich gekündigt. Und so kam ich nach Berlin, arbeits- und geldlos, das gab es nämlich auch.“ Das war 1960.

„Dann habe ich als Rohrverlegergehilfe angefangen, also, wie man so sagte, Gas- Heizung-Scheiße. Und da bin ich wieder zum Menschen geworden, als ich Arbeit hatte.“

Herr R. hat auch für die Betriebszeitung geschrieben. „Und mein schönster Erfolg, daran erinner ich mich gerne, war, als ich über eine Versammlung berichtet habe, in der diskutiert wurde, dass die betriebseigenen Ziele, die man sich gesteckt hatte, einfach nicht umsetzbar waren, mit den Mitteln, die zur Verfügung standen. Also, dass die Produktion nicht in dem Maße erfüllt werden konnte, wegen betrieblicher Mängel. Lenin sagte dazu: „die Praxis ist das Kriterium der Wahrheit.“ Und ich habe geschrieben, dass Leute möglichst da eingesetzt werden sollen, wo sie am wenigsten Schaden anrichten können. Das betraf die Produktionsleitung. Und da meinten viele zu mir: „ganz schön mutig.““

„Und ich war ja auch noch bei der Hilfspolizei – das hat einer von der Berliner Zeitung mal ausgegraben, die haben ja in allem die Stasi gesehen. Aber was haben wir gemacht, wenn wieder mal ein Kind vermisst wurde, zum Beispiel? Die Häuser durchkämmt, vom Keller bis zum Dachboden. Mit Gänsehaut, wenn man dabei auf ein Bündel Lumpen stieß. Ja, es kam schon mal vor, dass ein Kind abgehauen ist, oder dass eine Frau, die unbedingt ein Kind haben wollte und keins bekommen konnte, einen Kinderwagen entführt hat, oder auch, um jemanden unter Druck zu setzen – das sind alles Menschenschicksale, das gibt es, sag ich mal, immer, das hat nichts mit einer Gesellschaft zu tun.“

„Aber ich hatte und habe nun mal meine Überzeugung, und dazu steh ich auch. Und gerade jetzt auch in Zusammenhang mit diesen rechten Gewalttaten denke ich daran, dass ’89, als die Mauer fiel, hier Horden durch die Straße zogen und „Sieg heil, Sieg heil“ skandierten. Ich meine, der Jugend geht es zu gut.“

Und wie war es für Sie, als die Mauer gebaut wurde, frage ich. „Die Fahrpreise wurden teurer“, antwortet er. Ich schaue ihn erstaunt an. „Ich habe den Mauerbau nur indirekt erlebt – und er hat mich auch nicht persönlich betroffen, muss ich sagen, denn wir hatten keine Verwandtschaft im Westen. Jedenfalls ist meine Frau im August ’61 „eines kleinen Knäbeleins genesen“ (sagt er augenzwinkernd ob der schönen Formulierung) – und der 13. August war ein besonders heißer Tag und wir wollten mit dem Kleinen nicht hinaus in die Hitze, und nun hatte ich eine Goebbelsschnauze geschenkt bekommen…“, eine bitte was? unterbreche ich ihn, „kennen Sie den Ausdruck nicht? So ein Volksempfänger, ein Radio.“ Ach so, aha. „Jedenfalls, der funktionierte nicht und ich lag den Tag über auf dem Kanapee und habe daran herumgeschraubt und abends dann, gegen 22 Uhr, war das Erste, was ich hörte: „… ist der Flüchtlingsstrom durch diese Maßnahme fast vollständig zum Erliegen gekommen.“ Ich sage zu meiner Frau: „die haben die Grenzen dicht gemacht!“ Und sie sagt: „das glaub ich nicht, du kennst die Berliner nicht, da wär hier aber Aufstand!“ Also bin ich zur Brunnenstraße, um es mir anzusehen. Alles dicht. Und eine Menschenmenge. Es wurde heftig diskutiert, aber Aufstand war keiner. Und da bin ich zu einem Polizisten und hab gefragt: wie komm ich denn jetzt zu meiner Arbeit, ich musste nach Warschauer Straße, ins Glühbirnenwerk. Und da sagt er, dass neue Fahrscheine gedruckt werden, die allerdings 35 Pfennige kosten würden. Na, das ist ja dann schon fast das Doppelte, hab ich gesagt. So hab ich die Mauer erlebt.“

„Und erst Tage vorher hat der Meister des Betriebs, ein Parteiloser wohlgemerkt, noch zu uns gesagt: „Das geht so nicht weiter, die kommen alle mit Westgeld und kaufen uns die billigen Waren weg, man kriegt schon selber gar nichts mehr zu kaufen, abends, weil schon alles weg ist, und allein, wie viele (Förder)Bänder geschlossen werden müssen, weil uns die Frauen alle reihenweise in den Westen abhauen – das war nämlich ein reiner Frauenbetrieb, und tatsächlich mussten die Arbeitsstellen dann mit Gefangenen aus den Frauengefängnissen aufgefüllt werden – das geht so nicht weiter, sagte der Betriebsleiter, die sollten die Grenze dicht machen, man müsste eine Mauer bauen. Und wir sagten damals noch: das kannste nicht machen, und waren empört.“

„Und weil Sie fragten, wegen hier und wie es sich verändert hat“, sagt er noch beim Abschied, „die sollten die 20% Mietsteigerung, die sie alle drei Jahre durchführen, mit einer Anhebung der Rente um 20% koppeln.“

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hinterhausbewohnende, kuchenbackende und neugierige prenzlauerbergerin mit süddeutschem migrationshintergrund
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