Als Lars mir die Tür öffnet, steht Birgit hinter ihm im Flur. Und Birgit war schon einmal an der Tür, hatte aber damals (das ist ja schon wieder so lange her) keine Zeit, war auf dem Sprung. Noch bevor ich sie wiedererkennen kann, sagt sie schon: „willst du reinkommen? Wir essen zwar in einer Viertelstunde zu Abend, aber komm doch einfach rein.“
Wir gehen ins Wohnzimmer, wo Leni (1 Jahr) eine herrliche Spielecke hat und friedlich und fröhlich neben uns ein Kinderxylophon bespielt.
„Hat der Prenzlauer Berg wirklich so einen schlechten Ruf“, fragt Birgit, als ich vom Hintergrund meiner Wette erzähle, „das haben mir jetzt schon ein paar Leute erzählt. Ich bin so gutgläubig, ich bekomm von so was gar nichts mit…“
„Und es mag vielleicht viel mit Neid zu tun haben, wenn dem so ist? Es ist ja ganz wunderbar, wenn man einen Schuldigen hat, der dafür verantwortlich ist, dass es im eigenen Leben ungestillte Bedürfnisse gibt.“
Birgit kam aus Leipzig zum Studium nach Berlin, lebte erst in Friedrichshain und dann im Prenzlauer Berg. „In Friedrichshain hatte ich Kohlenofen. Ich bin mit Heizung aufgewachsen, deswegen fand ich es eine tolle Erfahrung, mit Kohlen zu heizen, einfach, um mal zu sehen, wie so ein Haus eigentlich geheizt wird, dass man die Türen zumachen muss, wenn es warm sein soll und dergleichen Dinge mehr, über die man sich überhaupt keine Gedanken macht, wenn man eine Heizung hat. Aber dann, nach vier Jahren, dachte ich dann doch: Erfahrung gemacht, ich hätte jetzt gerne wieder ein Knöpfchen.“
Da zog dann Birgit auch mit Lars zusammen – und mit Lars’ Kind aus erster Ehe. „Wir wollten gerne schon ein gemeinsames Kind. Aber wir haben erst gewartet, bis Helene ausgezogen ist, wir wollten sie nicht mit einem anderen Kind überfordern.“
„Und dann haben wir zwei Jahre lang versucht, ein Kind zu bekommen. Und ich wurde und wurde einfach nicht schwanger. Diese Zeit war unheimlich schwierig für mich, hier, im Prenzlauer Berg. Weil man eben überall auf der Straße Leute mit Kindern sieht, und man permanent damit konfrontiert ist, dass andere haben, was man sich selbst so sehr wünscht.“ „Es gab Wochenenden, da saßen Lars und ich auf der Couch und wussten absolut nichts miteinander anzufangen. Wir haben uns regelrecht miteinander gelangweilt. Natürlich hätte es Dinge gegeben, die wir zusammen hätten unternehmen können. Aber wir hatten keine Lust dazu. Wir hatten Lust, uns abends, wenn wir nach Hause kommen, um ein Kind zu kümmern. Wir hatten Lust, uns am Wochenende um ein Kind zu kümmern. Wir wollten einfach ein Kind.“
„Ich erinnere mich an einen Sonntag, an dem wir wieder mal so saßen, der Kinderwunsch breit zwischen uns, und ich sagte: „Dann hol ich jetzt wenigstens Kuchen.“ Und bin los, zum Bäcker um die Ecke. Und auf dieser kurzen Strecke habe ich sechs Menschen getroffen, und fünf von ihnen waren mit Kind. Da dachte ich, ich halt es nicht mehr aus. Und als es dann endlich geklappt hat, waren wir unsagbar glücklich.“
Hast du, habt ihr…, setze ich zögerlich an, …künstlich befruchtet? „Ja“, sagt Birgit, „ich hatte eine Insemination. Das ist die Form, wie ich später erfahren habe, die auch bei lesbischen Pärchen angewandt wird, man selbst bekommt Hormone, und der Weg der Spermien wird durch Einspritzen verkürzt. Das wird alles ausgerechnet, mit Eisprung, dann muss man da innerhalb von 48 Stunden hin, nimmt die Hormone vorher… Aber Gott sei Dank hat es gleich schon beim ersten Mal geklappt.“
„Andere versuchen das mehrmals und mehrmals und es klappt nicht. Ein befreundetes lesbisches Pärchen versucht das zum Beispiel seit Langem. Die müssen allerdings, weil in Deutschland die anonyme Samenspende nicht möglich ist, immer nach Dänemark dafür reisen.“ Ui, das kostet ja ganz schön Geld. „Ja. Sie hatten zwar mal einen, der sich bereit erklärt hätte, seinen Samen zu spenden – aber der ist dann doch wieder abgesprungen.“ „Es ist für die beiden gar nicht so einfach“, erzählt Lars, „jemanden zu finden, der sich auf eine „normale“ Vaterschaft einlassen würde. Selbst wenn sie ausmachen würden, dass er nichts zahlen muss – sobald das Jugendamt dahinter kommt, nehmen die sich den zur Brust. Denn Unterhalt ist ja ein Recht des Kindes und nicht ein Recht der Mutter. Deshalb kann die Mutter noch so sehr darauf verzichten: der Vater muss zahlen.“
„Ich bewundere ja wirklich die Paare“, sagt Lars, „die das öfter, und immer und immer wieder versuchen und dieses Prozedere auf sich nehmen. Ich fand dieses eine Mal schon so belastend, allein schon dieses Zimmer, in das ich da geschickt wurde, mit einem Reagenzröhrchen…“ Und Heftchen, will ich den Satz für ihn zu Ende führen. „Heftchen? Fernseher mit Filmchen, freie Programmauswahl.“
Wenn es euch recht ist, sage ich, würde ich gern über die künstliche Befruchtung schreiben, ich meine, das betrifft doch recht viele hier im Prenzlauer Berg. Oder könnte sie betreffen, sagen wir’s so. „Ja“, pflichtet Lars mir bei, „wenn man sich ansieht, wie viele Zwillinge es hier gibt…“ (Die Zwillingsgeburtenrate liegt im Prenzlauer Berg bei 12%. Im restlichen Deutschland bei nur 2%.)
„Manche fragen mich“, sagt Birgit, „wie ich das nur mache, wie ich meine Nächte nur aushalte. Leni wacht stündlich auf und will gestillt werden. Ich glaube, auch, wenn es mal anstrengend ist – denn es ist zwischendurch doch mal anstrengend – ich halte es deswegen aus, weil ich mir so sehr ein Kind gewünscht habe, und wir so glücklich waren, als es endlich geklappt hat.“

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Ich finde es auch bewundernswert, dass ihr hier darüber so offen sprecht. Ich selbst schreibe auch für einen Blog der sich dem Thema unerfüllter Kinderwunsch widmet und stelle immer wieder fest, dass doch sehr sehr viele nicht offen damit umgehen, dass sie sich sogar schämen. Völlig grundlos wie ich finde! Man hat ja schließlich nichts verbrochen! Viele liebe Grüße an alle und einen schönen Restsonntag, Bettina
Toll, dass Ihr offen darüber redet. Das macht anderen Mut und nimmt der Sache das ‘Unnormale’. Wir hatten uns früher mit dem Gedanken getragen und kamen uns so ‘anders’ vor. Bei allen klappt’s nur wir sind vom Schicksal gestraft. Es war gut langsam mitzubekommen, dass es offensichtlich normal ist. Ich war jedem dankbar, der offen geredet hat. Hat dann zum Glueck auch so geklappt