Noch 70 Tage und schon 94 Kaffees: Frau H.

„Ach…“, Frau H. lacht leise an der Gegensprechanlage, „Herr G. hat schon von Ihnen erzählt. Aber jetzt bin ich gerade auf dem Weg nach draußen, wie wäre es, kommen Sie doch in, sagen wir, zwei Stunden nochmal vorbei, ja?“ Oh ja, ich freu mich.

Frau H. empfängt mich herzlich, zwei Stunden später. In der guten Stube ein wunderschöner, hoher Kaminofen. Jugendstil. Oh, der ist herrlich, sage ich. „Ja, nicht wahr? Aber heizen kann ich ihn leider nicht mehr“, erzählt sie, „und wissen Sie, warum? Weil die vom Kabelfernsehen ihre Kabel einfach durch den Kaminschacht gelegt haben. Ich wusste davon nichts! Dabei war das meine Bedingung, als sie hier saniert haben: dass die Öfen drin bleiben und ich auch weiterhin mit ihnen heizen kann. Jetzt heize ich nur das Zimmer nach vorne raus.“ Aber hier ist es doch warm, wundere ich mich. „Ja, ich habe doch Ihretwegen ein bisschen eingeheizt, weil ich mir schon dachte, dass wir wohl eher hier sitzen werden.“

„Nun ja. Dann mach ich uns mal Tee. Kommen Sie, kommen Sie ruhig mit“, winkt Frau H. mich mit in die Küche, als sie mein Zögern bemerkt (ich bin immer so unsicher, ob ich, wenn der Kaffeetrinkplatz ein anderer als der Kaffeebereitungsplatz ist, plaudernd zum Wasserkochen hinterherwatscheln soll, oder ob das vielleicht unhöflich ist… Es fühlt sich jedenfalls immer sehr intim an, bei jemandem im Türrahmen zu lehnen, während der andere, den ich doch gar nicht kenne, werkt und räumt.)

„Ich kam aus dem Harz nach Berlin“, erzählt Frau H., „nämlich, als ich meinen Mann kennen lernte. Wir haben uns zunächst Briefe geschrieben. Wir waren beide geschieden und hatten jeder ein Kind aus der früheren Ehe. Und erst, als wir sicher waren, dass wir miteinander konnten, und dass auch die Kinder miteinander konnten, sind wir zusammengezogen. Hierher.“ Frau H.’s Mann ist vor fünf Jahren gestorben. „Ich vermisse ihn jeden Tag. Jede Stunde. Wir hatten eine sehr gute Ehe zusammen. Sehen Sie, und deswegen kann ich hier nicht weg. Auch wenn sich vielleicht einiges geändert hat. Hier, an den Wänden, das sind alles seine Bilder. Deswegen kann ich auch hier drin nichts mehr machen, ich kann doch nicht seine Stube neu streichen.“

„Als die Wende kam, waren alle hier im Osten höchst unsicher, wie es weitergehen würde. Auch mein Mann und ich, wir wussten nicht, ob seine Bilder weiter gekauft werden würden. Mein Mann sagte damals zu mir: „wenn meine Bilder niemand mehr haben will, nach der Wende, dann produziere ich eben auch eine Ware, die niemand braucht“. Aber zum Glück kam es nicht so. Ja, wir hatten Glück.“

„Ich habe zu der Zeit gerade berufsfremd – eigentlich bin ich Fotolaborantin – in einer Großbäckerei gearbeitet. Am Fließband, in der Baumkuchenherstellung. Ein ostdeutscher Betrieb, mit ostdeutschem Patent auf die Herstellung. Ich weiß es noch, es war September, als ich dort anfing, die Weihnachtsproduktion lief schon auf Hochtouren. Und dann kam nach der Wende ein renommierter Konditorgroßbetrieb aus Nordrheinwestfalen und kaufte für die sprichwörtliche EINE MARK von der Treuhand den Betrieb. Und dafür hat er sich vertraglich verpflichtet, die gesamte Belegschaft noch mindestens zwei Jahre lang weiterhin zu denselben Bedingungen zu beschäftigen. Er kam daraufhin mit ein paar westdeutschen Arbeitern, die von den ostdeutschen Arbeitern – „von UNS“ kann ich ja kaum sagen, ich hatte da ja selbst gerade erst angefangen – auch noch angelernt wurden.“

„Und es dauerte nicht zwei Jahre, es dauerte nicht ein Jahr, nein, im Januar hat er schon sämtliche Maschinen abbauen lassen – wir haben sogar noch beim Verladen geholfen! – und ist damit zurück nach Soest. Die Treuhand hat nicht weiter kontrolliert, ob die vertraglichen Abmachungen auch überhaupt eingehalten wurden. Und wir, wir standen auf der Straße. Und so ging es vielen. Ach, die meisten, die hatten noch nicht einmal eine vertragliche Vereinbarung zur „sanften“ Abwicklung, die standen von heute auf morgen mit Nichts da.“

„Ja, wir waren denkbar schlecht auf die Wende vorbereitet. In Sachsen, beispielsweise, dem sprichwörtlichen „Tal der Ahnungslosen“ (Westfernsehen konnte dort nicht empfangen werden), dachten alle: großartig, da kommt ein Westdeutscher und wir haben riesiges Glück und ein Joint Venture – Joint Venture war damals wirklich Wort des Jahres – aber der Westdeutsche kam lediglich, um die Produktionsabläufe kennen zu lernen, dann, als er sie kannte, hat er die Maschinen abgebaut und ist mit Sack und Pack zurück in den Westen. Die besseren Arbeiter hat er noch mitgenommen. Aber der große Rest stand auf der Straße.“

„Es heißt ja oft, dass die Ostdeutschen gern meckern und maulen würden über die Wende, oder sogar, dass es mit Neid zu tun hätte – aber für viele Menschen bedeutete Wende einfach: abgewickelt zu werden.“

Tatsächlich hat sich seit der Wende einiges verändert. „Ich freu mich jedes Mal, wenn ich auf der Straße noch jemanden von früher treffe. Allzu viele sind es ja nicht mehr. Auch hier im Haus gibt es nur noch eine weitere Partei „von früher“. Nachdem die Leute weggezogen waren, wurde jede Wohnung luxussaniert. Ich sage jetzt „luxussaniert“, sie haben alles sehr schön gemacht, das muss ich schon sagen, mit viel Akribie die Fenster neu lackiert und das Parkett abgeschliffen. Die von nebenan haben sich mir als die neuen Nachbarn vorgestellt und haben mich, weil ich doch so gespannt war, wie die Wohnung wohl nach der Sanierung aussieht, besichtigen lassen.“

„Ich grüße alle. Aber es grüßen bei Weitem nicht alle zurück. Die jungen Menschen scheinen alle autistisch zu sein, dort ist mein Fahrrad, wie, da im Seitenblick grüßt jemand, mir egal. Nun ja. Hauptsache, ich habe um ein Uhr meine Ruhe.“

Es hat sich insgesamt viel verändert. „Ich war in einem Blumenladen, und da war so ein kleiner Junge, der knipste allen Blumen die Köpfe ab, so, mit den Fingernägeln. Und als die Besitzerin die Mutter bat, dass sie doch bitte ihren Jungen am Blumenknipsen hindern möge, drehte die sich um und meinte: „Thorben, das macht man nicht, das tut den Blümelein weh.“ THORBEN! Den BLÜMELEIN.“ Wir schütteln beide die Köpfe und verdrehen die Augen.

„Und trotzdem möchte hier nicht weg. Ich kenne hier jeden Stein. Ich glaube, ich würde mich nicht noch einmal an etwas Neues gewöhnen können. Nein, ich möchte hier nicht weg.“

Über rotkapi

hinterhausbewohnende, kuchenbackende und neugierige prenzlauerbergerin mit süddeutschem migrationshintergrund
Dieser Beitrag wurde unter Berlin, Gentrifizierung, Menschen, Prenzlauer Berg abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Noch 70 Tage und schon 94 Kaffees: Frau H.

  1. Pingback: Ihr ward wunderbar. (das offizielle Ende). | hausbesuchwins

Kommentieren

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Log Out / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Log Out / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Log Out / Ändern )

Verbinde mit %s