Carsten hat mich zu sich eingeladen. „Komm doch mal nach Marzahn, da kriegste auch Kaffee oder Tee“, schrieb er mir. Super, Marzahn, war ich noch nie, komm ich gerne! schreib ich zurück und setze mich mit Baby in die Tram. 45 Minuten Tram, immer geradeaus. Die Platten ziehen vorbei. Und vorbei. Und vorbei.
Carsten weiß, dass ich mit Baby komme und ruft schon von oben ins Treppenhaus herab: „Kann ich dir was helfen?“ Er begrüßt mich herzlich mit Handschlag, Küsschen und Neugier. Rüpel, der Terrier, freut sich schon auf Krauleinheiten. (Bis mein Baby auch mal will. Ab da ist Rüpel dann… nicht mehr im Wohnzimmer. Armer Rüpel.)
„Kaffee ist schon fertig“, sagt Carsten gutmütig – ich bin nämlich über eine Stunde zu spät. (Ich war mir sooo sicher, dass auf der Strecke sowieso nur die 8 fährt.)
Carstens Wohnzimmer (vielmehr das seiner Lebensgefährtin, Carsten ist dazugezogen): grüne Samtvorhänge an goldenen Vorhangstangen vor den Durchgängen, flauschiger Teppich, Couch vorm Fernseher, Fernsehtisch mit gehäkelter Tischdecke (oh die gehäkelte Tischdecke, die verhängnisvolle), Schneemännerdeko und glitzernde Schneebälle auf der Anrichte sagen allzu deutlich: es ist schon wieder Weihnachten (also: bald zumindest). Und, was mir anfangs einen kleinen Schreck einjagt: gleich, wenn man reinkommt, eine lebensechte Kleopatrastatue, die mir bis an die Schulter reicht. Auf der anderen Seite ein ebenso lebensechter (ja, lebensechter!) Sarkophag. Carstens Lebensgefährtin ist Ägyptenfan – und nächstes Jahr soll der Urlaub zum ersten Mal tatsächlich nach Ägypten gehen.
Wenn nur endlich die Urlaubspläne schon raus wären. Carsten ist zwar schon berentet – aber seine Lebensgefährtin ist Briefträgerin bei der Post und in einem seltsamen Altersteilzeitmodell, das bei Vertragsabschluss zwar von der Gewerkschaft als Wahnsinnserfolg gefeiert wurde, wie mir Carsten erklärt, das aber im Endeffekt nur untragbar sei: in den letzten Jahren kommt Carstens Lebensgefährtin (ach, ich nenn sie jetzt einfach mal Anke) kommt Anke also in einen Pool, von dem aus sie bei Bedarf und jederzeit in ganz Berlin eingesetzt werden kann. „Ganz Berlin“, betont Carsten, „das kann in Schönefeld genauso gut sein, wie in Charlottenburg.“ Ich denke an meine 45 Minuten Fahrt. Ab Alexanderplatz.
Und das aber dann um halb sieben in der Früh. „Und ohne Urlaubsgeld. Und bei Krankheit muss man auch noch zum Rapport. Zur Hauptstelle nach Schönefeld. Zum „Gespräch“. Da wird man dann gefragt, ob die Krankheit was mit der Arbeit zu tun habe. Und ob man vielleicht weniger arbeiten will. Für weniger Geld, versteht sich.“ Carsten weiß vom Rapport so genau, weil Anke Schmerzpatientin ist. Und niemand herausfinden kann, was sie hat. Die Arme, und dann als Briefträgerin? „Was will sie machen. Der Winter, die Kälte“, erzählt Carsten, „setzen ihr besonders zu.“
In dem Moment reißt mein Baby mit einem Ruck die Häkeldecke vom Fernsehtischchen – und mit ihr alles, was darauf steht. Unter anderem auch die beiden Kaffeepötte. Passable Überschwemmung. Herrje, das tut mir so leid. Carsten nimmt es gelassen. Wir reden weiter – nur wischen wir jetzt nebenbei Verschiedenstes trocken. Ich tupfe innigst Fernsehzeitschriften und Werbeprospekte. Blatt für Blatt. Dann den Teppich. Carsten trägt die triefende Decke davon. Und die Winterlandschaft mit Schneemann, von der ein Stück abgebrochen ist. „Macht nichts“, sagt Carsten gutmütig nach einem kurzen Kennerblick, „das kann man kleben.“
Carsten war Techniker am Theater. Seit den 70ern.
„Die 70er, das war die schönste Zeit. Alle waren zusammen, Technik und Schauspieler und Regie und alle anderen, wir waren eine Mannschaft. Und man durfte sich auch Späße erlauben. Einem Schauspieler zum Beispiel, der musste in der Inszenierung „Der Drache“ zwei Eimer Wasser zum Drachen hochtragen, dem haben wir zwei Eisenstücke in seine Eimer gelegt, dass er die Eimer nur bis zur Hälfte geschafft hat und dann mit nur einem weitergehen musste.“ Carsten lacht bei der Erinnerung. „Und solche Sachen. Kann man aber jetzt nicht mehr mit einem Schauspieler machen, um Himmels willen.“
„Und dann, mit der Wende, war dieses Mannschaftsgefühl mit einem Schlag vorbei. Nach der Wende war komischerweise sofort jeder für sich. Ich glaube, jeder hatte Schiß, keiner wusste so recht, wie es für ihn weitergehen würde. Das hat sich dann zwar Mitte der 90er wieder gelegt, ETWAS gelegt, aber so wie früher wurde es nicht mehr. Allein die Kantine ist nicht mehr, was sie einmal war, da saßen wir immer alle zusammen. Heute hat eigentlich keiner mehr Zeit, sich vor der Vorstellung hinzusetzen. Jeder kommt und geht direkt an die Arbeit.“
„Ich glaube, das liegt daran, dass die Leute heute mehr Sorgen haben, als zur DDR Zeit. Während der DDR war jeder abgesichert, jeder wusste, es passiert ihm nichts. Heute wird man wegen jeder Kleinigkeit sofort gekündigt.“

Pingback: Ihr ward wunderbar. (das offizielle Ende). | hausbesuchwins