Christophe war, auf englisch, zunächst ein bisschen irritiert. „Äh, ja, gut, klar, äh, komm rein.“ Später erzählt er, dass er nicht so recht wusste, ob das bei den Deutschen vielleicht so üblich ist, einfach vor der Tür stehen und sich zum Kaffee einladen. „In Paris“, sagt er, „hätte dich niemand reingelassen. Niemand. Auf gar keinen Fall.“
In Christophes Wohnzimmer: großformatige Leinwände (abstrakt verfremdete Landschaften), Staffelei, Aquarelle (Südfranzösisches mit viel Himmel, ich krieg sofort Fernweh), ein langgezogener Nierentisch – und ein wunderbarer, antiker Lehnsessel. Sogar mit Ohrenbacken. Mensch, ist der toll, sag ich. „Der ist aus dem 17. Jahrhundert und heißt Louis VIII. Setz dich.“ Nicht, dass es mir zusammenbricht, das gute Stück? „Das gute Stück hat vierhundert Jahre gehalten, das wird auch dich noch aushalten.“ Ui, was für ein Sitzgenuss. (Ich will nur noch in Lehnsesseln sitzen, die einen Namen haben). (Allerdings reicht es nicht, wie ich mittlerweile gemerkt habe, der Bequemlichkeit halber einfach meinem Sessel einen Namen zu geben… Den kann ich Luuudwig nennen, so viel ich will, er ist und bleibt ein spröder Widerborst). (Egal. Ich darf Christophe jederzeit wieder besuchen, hat er gesagt.)
Christophe ist Franzose, aus Paris, Maler und seit eineinhalb Jahren in Deutschland, Berlin, Prenzlauer Berg. „Ich hatte, als ich nach Berlin kam, überhaupt keine Vorstellung von Deutschland. Und dann hat es mir so gut gefallen, dass ich einfach geblieben bin.“ Die Wohnung bekam er über einen Freund, der eine Agentur hat und diese Wohnung für VonAuswärtsKommende als Übernachtungsmöglichkeit unterhält. „Es ist hier ständig Besuch“, sagt Christophe, „ich bin also gewissermaßen der Herbergsvater hier.“
Wenn Christophe den Prenzlauer Berg, wie er als Franzose ihn sieht, beschreibt, malt er dazu mit beiden Händen großzügige Bögen in die Luft (ich muss sofort – und seltsamerweise – an… Disney’s Bambi denken, als es verknallt über rosa Wolken hüpft): „Hier ist es so… ruhig, so beschaulich, so heil und friedlich. Hier weilt die bürgerliche Bohème. Und zugleich ist es hier von Grund auf… protestantisch. Alles ist so… redlich. Die Art zu denken, zu arbeiten, sich zu benehmen, die Familie zusammen zu halten.“
„Und, was die Gentrifizierung betrifft: das ist nichts, absolut NICHTS gegen Paris. In Paris herrscht Krieg. Dort ist eine unglaubliche Anspannung spürbar, auf den Straßen, dort kämpfen die Menschen wirklich täglich darum, ihre Miete jeden Monat zusammen zu bekommen. Diese Anspannung hängt wie eine Dunstglocke über der ganzen Stadt.“
„Und, außerdem: hier ist keine Polizei. Überhaupt keine, verglichen mit Paris, dort ist an jeder Ecke eine Streife. Vielleicht hängt das ja auch irgendwie mit dem Protestantismus hier zusammen, dass es hier so viel sicherer ist: die Menschen sind vielmehr auf ein WieLebeIchRichtigUndGut im Diesseits ausgerichtet, nicht so sehr auf das katholische WieLebeIchHerrlich im Jenseits.“
„Die Deutschen sind einfach bürgerlich. Und sie sind unglaublich verschlossen. Oder schüchtern. Jedenfalls ist es unheimlich schwer, an sie ranzukommen. Das ist einfach die berühmte Deutsche Seele.“ Oh, ich wusste gar nicht, dass die Deutschen für ihre Seele berühmt wären. „Die Deutsche Seele hat eher mit dem inneren Empfinden und als mit dem Äußerlichen zu tun. So erklärt es sich auch, dass es wenige bekannte deutsche Maler, und demgegenüber aber so viele herausragende deutsche Komponisten gibt, wie Bach, wie Beethoven. Und ich verstehe jetzt, seit ich in Deutschland lebe, dass Bach ein Deutscher gewesen sein musste, um eben ein Bach sein zu können.“
Dass im Prenzlauer Berg Ressentiments gegen Zugezogene grassieren, hat Christophe auch schon erfahren. „Ich kann es nicht anders sagen, aber die Deutschen sind einfach rassistisch. Das kommt daher, dass Deutschland, im Gegensatz zu Frankreich, zum Beispiel, kein Einwanderungsland ist. Natürlich gibt es in Deutschland Türken, aber das ist doch nur eine Hand voll und wirklich kein Vergleich zu Frankreich, wo nun mal viele Nationalitäten aus all den ehemaligen französischen Übersee Dependancen zahlreich vertreten sind. Die Deutschen sind Einwanderung und, damit einhergehend, Toleranz, einfach nicht gewohnt. Und deswegen reagieren die Berliner so auf die Zugezogenen. Obwohl es hier natürlich, trotz allem „ausländischen“ Zuzug immer noch ausschließlich ein weißes Viertel ist.“
„Und der Schwabe“, setzt er süffisant hinzu, „der hat es den Berlinern natürlich besonders angetan, seit die Hohenzollern im 15. Jahrhundert nach Brandenburg kamen.“
„Aber, bei allem AlteingesesseneHabenDickeHälseAufZugezogene“, betont Christophe, „die netteste Person, die ich bisher hier getroffen habe, ist eine ältere, ostdeutsche Dame. Sie spricht zwar kein Englisch oder Französisch – und mein Deutsch ist noch nicht so gut – aber sie ist ganz zauberhaft.“

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