Noch 69 Tage und schon 95 Kaffees: Helene und Heike.

„Ich habe 3 Monate gebraucht, bis ich mich endlich getraut habe, dich einzuladen!“ gesteht Helene, während Heike den selbstgemachten Chai aufgießt, „es fühlt sich schon… komisch an, zu wissen, dass über einen dann geschrieben wird!“ Helene und Heike haben mich zu sich nach Neukölln eingeladen (Ich komm vielleicht rum!) und liebevollst zum Brunch gedeckt. Es gibt Obstsalat und Apfel-Haferflocken-Muffins, Helene backt nebenbei noch Streuselkuchen für eine Party abends und nicht nur mein Baby fühlt sich sofort „zu Hause“ (und stürzt sich zielstrebig auf den Biomüll, fledder, lecker. Dann auf die Zeitungen, ritsch, ratsch. Dann auf den Mülleimer im Badezimmer, jippieh. Und. So. Weiter.) (also, mein Baby. Nicht ich. Ich fühl mich zwar auch „zu Hause“. Kann mich aber zurück halten.)

„Ich bin nach Neukölln gezogen“, erzählt Helene von den Anfängen der WG-Gründung, „weil es so schwer ist, überhaupt eine Wohnung in Berlin zu finden. Ich dachte also: schau ich mir besser alles an. Und hier, an der SBahn, als ich zur Wohnungsbesichtigung kam, stand ein Schild: „Tortenversand“. Das fand ich irgendwie toll. Und dann haben sich vor dem Haus zwei gestritten – und es aber wieder hinbekommen. Da dachte ich: hier kann ich herziehen. Und ich dachte: ich muss dieses Berlinding von IchMussUnbedingtImAltbauWohnen nicht mitmachen, hier ist es wenigstens schön hell.“ Stimmt, ist ja kein Altbau. Ist ein schmuckes 90er Jahre Ding mit großen Fenstern und Steinfliesen im Treppenhaus.

„Es gibt so viele, die über Berlin sagen: dieses Viertel ist so und so, und jenes Viertel ist so und so“, sagt Helene als wir uns über den Ruf Neuköllns und Prenzlauer Bergs unterhalten  – „dabei braucht man doch nur eine Straße weiter gehen, und schon sieht es im SELBEN Viertel ganz anders aus!“, wirft Heike ein. „Bei einem Bewerbungsgespräch, das ich hatte“, sagt Helene, „hat der Typ, der das Gespräch geführt hat, gefragt, „wo da“ in Berlin ich wohnen würde – und ich hab Neukölln gesagt, natürlich, ich wohn ja in Neukölln – und daraufhin hat dieser Typ „Ach“ gesagt. Nur „ach“. Und dann gibt es noch andere, die die Welt nur aus dem Fernsehen kennen, und die sagen zu mir: „boah, wie krass, DU in Neukölln, du, als Frau.“

Helene hat Soziologie studiert und sich ein Jahr Jobsuche „gegönnt“, wie sie das ausdrückt. „Die im Arbeitsamt haben von gleich nach der Uni richtig Druck gemacht, ich müsste wegziehen, ich würde hier sowieso keinen Job finden. Dabei habe ich im Endeffekt dann vier Monate lang wirklich einen Job gesucht.“ „Und du musst dazu sagen, du hast auch viele Zusagen, die du schon hattest, ausgeschlagen“, fügt Heike hinzu. „Ja“, sagt Helene, „ich habe mir den Job schon genau ausgesucht. Ich wollte nicht einfach irgendwas arbeiten.“ Jetzt arbeitet Helene beim Robert Koch Institut in der Informationsstelle des Bundes für biologische Sicherheit. Es fallen Wörter wie „bioterroristische Anschläge“ und „Szenario“ und „Großschadensfall“. Schluck, sag ich, ein bisschen Anthrax hier und ein bisschen Rizin dort? „Naja“, sagt Helene, „mulmig wird mir schon manchmal, wenn ich mir anschaue, auf was für Ideechen Menschen kommen könnten. Es verändert mich schon so ein bisschen. Letztens stand ich an der Ampel, und neben mir war einer, der hatte seine Kapuze so tief ins Gesicht gezogen. Da wurd ich aber richtig nervös und dachte, was macht der nur, was hat der vor, HAT er was vor? Bis ich mir gesagt habe: Stop, Helene, jetzt reiß dich zusammen, alles ist gut hier, alles normal.“

Heike hat Biologie studiert und forscht gerade für ihre Doktorarbeit, zum Thema „Stress bei Pflanzen und ihre Reaktionsmöglichkeiten.“ „Ich setze Pflanzen Stress aus und messe, wie sich ein bestimmtes Molekül je nach Stressgrad verändert.“ À propos, denke ich, warum ist mein Baby eigentlich so mucksmäuschenstill? Weil es im anderen Zimmer sitzt und friedlich eine Hängepflanze rupft. Oh nein, sag ich zu Heike, als ich mit dem Baby unterm Arm wieder in die Küche komme, mein Baby hat gerade DEINE Pflanzen gestresst. „Ach, das macht nichts, das können die ab.“

Helene kommt aus Hamburg – und Heike, Heike lenkt vom Thema ab. Und woher genau, Heike, bohre ich, Norden, Süden, Osten, Westen? „Eher aus dem Süden. Also, dem Südwesten.“ Und welcher Südwesten? „Also gut, ich komm aus Baden-Württemberg“, stößt Heike hervor. Aaah, du bist SCHWÄBIN! Und Helene sagt: „Deswegen druckst du so lang herum!“ „Ja“, gibt Heike zu, „es ist eigentlich nicht so, dass ich mich schämen würde, Schwäbin zu sein, aber ich hab tatsächlich schon oft die Erfahrung gemacht, dass sich Leute, sobald sie mitbekommen, dass ich Schwäbin bin, „ach so“ sagen (spitz abfällig intoniert) und sich wegdrehen.“ Waas? „Ja, sich wegdrehen, WORTLOS, und gehen.“

„Und bei den Wohnungsbesichtigungen, also den WGCastings, konnte ich richtig sehen, wie in dem Moment, in dem ich „Schwaben“ sage, eine Klappe runterfällt. Und das war’s dann.“

„Das waren zum einen tatsächlich Berliner (im Sinne von: in Berlin geboren), die im Prenzlauer Berg geboren und aufgewachsen sind, aber dann wegziehen mussten, zwar nicht unbedingt, weil ein Schwabe ihr Haus gekauft hat, aber weil die Mieten so teuer geworden sind – und die nun einfach über diese Gegebenheiten frustriert sind. Und das versteh ich ja auch bis zu einem gewissen Punkt – auch wenn meine Eltern keine Straße im Prenzlauer Berg gekauft haben, ganz sicher nicht. Aber es waren eben auch viele dabei, die selbst „nur“ Zugezogene sind, und die einfach diese Berliner Antischwabenstimmung übernommen haben. Und das ist doch absurd.“

„Berlin ist doch Hauptstadt. Eine Hauptstadt lebt doch nun mal von Zuzug. Weil sich so viele aufregen, dass man „nur“ in die Stadt zieht, weil man sie so toll findet. Ja, warum sonst sollte man bitte in eine Stadt ziehen? Die sollten froh sein. Das ganze Gerede über Zugezogene. Und über die SCHWABEN. Ich sag immer: man muss sich den einzelnen Menschen anschauen.“

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hinterhausbewohnende, kuchenbackende und neugierige prenzlauerbergerin mit süddeutschem migrationshintergrund
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