Bei Sebastian muss ich nur meinen Namen sagen – und schon wird der Summer gedrückt. Ich bin… erstaunt. Und misstrauisch (so leicht sollte es heute gehen? Wo ich nur ein halbes Stündchen habe?). Steige trotzdem hinan (natürlich, was sonst).
Sebastian kommt mir schon im Treppenhaus entgegen (!). „Da bist du ja!“ freut er sich. Äh, denke ich, stutzend, kennen wir uns? Der muss mich doch verwechseln mit jemandem, mit einem sehnlichst erwarteten Paketabholer vielleicht, denken ja einige und wollen mir zwischengeparkte, fremde Pakete in die Hand drücken. (Die Ausbeute wäre schon enorm…)
Jetzt sagt Sebastian auch noch „Komm rein“ und geht schon mal vor, noch ehe ich mein Projekt überhaupt erklärt habe. Moment mal, war ich etwa schon mal bei euch? frag ich, denn in EINER der WGs hier im Haus war ich schon, weiß aber wieder einmal nicht mehr, in welchem Stock das war und bei wem… (und sind ja auch immer mehrere in so einer WG) Für einen kurzen Augenblick erwäge ich tatsächlich, Sebastian dann einen Korb zu geben. (Schließlich gelten ja nur die fremden Wohnungen, und nicht allein die fremden Menschen.)
„Nein, warst du nicht“, sagt Sebastian, zum Glück, „aber du hast schon mal geklingelt und ich hab gesagt, du solltest abends wieder kommen. Und du meintest, das wäre schwierig, wegen deines Babys.“ Ah, jetzt erinner ich mich. Aber trotzdem, es bleibt dabei: Sebastian ist außergewöhnlich… aufgeschlossen. „Ich hab grad noch Besuch. Komm rein, komm rein.“ L. steht an der Spüle und macht den Abwasch, es gab gerade Abendessen.
„Ich bin aus Kreuzberg in den Prenzlauer Berg gezogen“, erzählt Sebastian, „ich hatte das ganze Gentifzierungsgedöns in Kreuzberg satt.“ Wow, sage ich, so sehr hat sich das schon wieder umgedreht? „Naja, ich hatte einfach keine Lust mehr, diese ganzen hippen Leute auf den Straßen zu sehen und jeder erzählt einem was weiß ich nicht alles, was er Tolles macht, wenn man mal einfach in eine Bar gehen will. Da genieß ich es vielmehr, hier unter „normalen“ Menschen zu sein. Und Kinder um mich zu haben, und Mütter meinetwegen. Niemandem, der um jeden Preis etwas darstellen will.“
Sebastian studiert Interface Design, genau wie L. Wie mit InKreuzbergArbeitenUndNetzwerken, ImPrenzlauerBergAberEntspannterWohnen entwerfen die beiden zwar Apps und dergleichen (herrje, kenn ich mich wenig damit aus), besitzen aber beide nicht mal ein SmartPhone. „Das langweilt doch nur!“ sagt Sebastian, und gießt Teewasser in eine wunderschön nostalgisch alte, knallrote Emailkanne, und Lionel wischt verächtlich mit einem „scrollenden“ Zeigefinger über die Handinnenfläche seiner anderen Hand: „das interessiert uns nicht. Obwohl man als Freelancer wirklich viel zu tun hätte“, wirft er ein, „man kann sogar Aufträge ablehnen.“
Die beiden interessieren sich aber weniger für Kohle, als dafür, etwas Sinnvolles für die Gesellschaft zu leisten.
„Es wurden schon tausende von Stühlen designt. Uns geht es aber nicht darum, NOCH einen Stuhl zu designen, der vielleicht schön aussieht. Sondern, beispielsweise: an Schulen, in den Unis – du kennst die Stühle dort“ – ja, schon beim DranDenken tut mir der Hintern weh – „auf diesen Stühlen hockt man bis zu fünf, sechs Stunden täglich. Es wäre mal eine Überlegung, Stühle zu designen, die gesundheitstauglicher sind. Und trotzdem praktikabel sind und gut aussehen.“ „Nachhaltigkeit ist ein Thema, das an unserer Uni ganz oben steht“, sagt L.
„Gerade sind wir dabei, uns ein Konzept zur Nutzung von Public Screens in UBahnhöfen zu entwickeln“, erzählt Sebastian. „Wusstest du, dass die Überwachungskameras mittlerweile schon derart versiert sind, dass sie anhand des Gesichterscans erkennen können, ob du männlich oder weiblich bist – sowieso – aber auch, ob du gute oder schlechte Laune hast? Sie können dich sofort und komplett erfassen. Die Kamera weiß, dass du gestern um 16h39 schon mal hier warst und deutlich schlechtere Laune hattest.“
„Aber so was kriegt so gut wie niemand mit. Oder niemand interessiert sich dafür. Genauso: Facebook. Was die Leute alles posten! Wenn du einmal auf einer Seite warst und „Gefällt mir“ klickst, dann weiß Facebook sofort, dass du auf dieser Seite bist. Dieses Wissen lässt sich nie wieder rückgängig machen, auch nicht, wenn man „Gefällt mir nicht mehr“ klickt: Facebook weiß es. Und Google weiß es auch. Und all die anderen Dienste, die angeblich umsonst sind, im Internet.“ „Nichts ist umsonst“, sagt L. dazu nur trocken.
„Sebastian arbeitet neben dem Studium noch als Event Manager. „Deswegen war ich ja auch in Kreuzberg. Weil da eben alle zusammen treffen, die ganze Szene.“ L. lebt in Charlottenburg. Er arbeitet neben dem Studium noch in einer Firma, die Software zur preiswerten Herstellung von Prototypen entwickelt. „Damit kann jeder, der eine Idee hat, schnell und vor allem günstig einen Prototyp herstellen – und auch die Nutzbarkeit überprüfen. Früher konnten das nur große Firmen mit einem entsprechenden Budget. Heute kann das jeder – das ist ein enormer Markt. Das geht alles unglaublich schnell. Und du selbst musst auch unglaublich schnell sein. Du kannst jahrelang an etwas rumentwickeln – und dann kommt ein großer Konzern und haut es für einen Spottpreis auf den Markt.“
Ich könnte den beiden stundenlang bei ihrer Begeisterung zuhören, denke ich. Während ich so denke, erzählt L. schon von Epson Druckern, die hauptsächlich an Druckerpatronen verdienen, für jeden neuen Drucker, den sie auf den Markt bringen, eigene, spezifische Druckerpatronen entwickeln – und aber nicht den Rattenschwanz alter Druckerpatronenmodelle alter Druckermodelle weiterhin auf Lager führen wollen.
Deswegen haben Epson Drucker, erzählt L., einen Chipsensor eingebaut, der den Druckern sagt, dass sie nach zwei Jahren Ende haben. „Epson Drucker sind nach genau zwei Jahren TOT. Das ganze nennt man Geplante Obsoleszenz. Dazu gibt es auch eine Arte Dokumentation, die musst du dir unbedingt ansehen.” (Kaufen für die Müllhalde)
“Darin geht es zum Beispiel auch um Glühbirnen, mit einer unendlichen Lebensdauer, die jemand im Osten erfunden hatte, und dachte, super, er fährt damit in den Westen, alle werden sich um seine Erfindung reißen. Aber nichts da. Das Kartell hat entschieden, dass Glühbirnen nun mal eine Lebensdauer von 1000 Stunden haben. Basta. Und dass man danach eine neue Glühbirne kaufen muss.“

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Nette Kerle.
Hallo Sebastian, hallo Lionel, heute muß ich auch einmal einen Komentar bezüglich der Aussage zu “Epson – Druckern” machen. Ich bin nicht mit “Epson” verwandt o. arbeite für diese Firma sondern ein stinknormaler Nutzer. Ich habe seit ca. 10 Jahren einen “Epson stylos photo 1270″, (DIN A3-Drucker) der mal abgesehen von eingetrockneten Düsen, weil er lange nicht benutzt wurde, mich nie im Stich gelassen hat. Ich verwende allerdings ausschließlich Original Tinten (T007 u.T009), welche ich im Internet bis jetzt auch immer noch erhalten habe. Sicherlich bin ich kein Vieldrucker, aber um meine Photos für den Hausgebrauch u. Layouts für Leiterplatten zu drucken, hat es immer ausgereicht.
Liebe rotkapi, ich lese Deinen Blog täglich mit Vergnügen. Ich habe zwar im Prenzlauer Berg meine ersten Lebensjahre verbracht, wohne aber jetzt am östlichen, grünen Rand von Berlin. Falls Du und Dein Baby Lust hat, könnt Ihr mich gern einmal besuchen kommen, auch nach Abschluß Deiner Wette, wenn es nicht in Dein Wettschema passen sollte. Vielleicht gibt es ja noch ein neues Thema.
Tschüß Kirsten