Noch 67 Tage und schon 97 Kaffees: Nadim (und Karin).

„Wenn’s nur kurz ist“, Nadim lacht amüsiert und öffnet die Tür, „ach, warte mal – Karin“, fragt er über die Schulter, „ist es dir überhaupt recht?“ Karin ist zu Besuch aus Spanien, und ihr ist es recht. „Wir sind hier nämlich eigentlich grad am Umräumen“, erklärt Nadim und führt mich um den Tresen herum in die offene Küche, „wir wollen streichen, so nach zehn Jahren kann man ja mal wieder streichen…“

Die Küche haben Nadim und seine Freundin (die aber gerade unterwegs ist) selbst ausgebaut. Also, zumindest gesagt, wie es ausgebaut werden soll. „Als saniert wurde, durften wir über den Grundriss mitbestimmen. Das war natürlich toll, für uns zwei Architekturstudenten, damals. Der Flur war da noch ein langer schmaler, dunkler Schlauch, der hier über hinten“ er zeigt die Wege, „in ein kleines Zimmer führte, und über das kam man dann erst hier in die Küche. Völliger Quatsch, wer denkt sich so was aus!“

„Und jetzt überlegen wir, diese Wand hier auch noch rauszureißen. Klar, wir haben auch dazu gelernt“, grinst er, „Und der Vermieter müsste eigentlich sofort zustimmen, denn dadurch ist die Wohnung ja noch leichter an Yuppies zu vermieten, später, falls wir mal ausziehen, denn wer von denen will denn schon so ein kleines Zimmer haben? Niemand. Das liegt dann genau im Trend, große, offene Weite.“

Nadim und seine Freundin haben einen Altmietervertrag, obwohl sie, streng genommen, keine Altmieter sind. Aber durch den Vertrag kommen sie in den Genuss der Mietpreisbindung, die nach der Sanierung zwanzig Jahre lang gilt. „Weil der Vermieter ja für die Sanierung einen ordentlichen Zuschuss von der Stadt bekommen hat.“ Also hat er doppelt verdient, erst den Zuschuss, dann die sanierungsbedingt höhere Miete.

„Die Mietpreisbindung besteht nur für die Altbauwohnungen, aber im oberen Stockwerk, im Dachgeschoß, da konnte der Vermieter machen, was er wollte, da hat er ausgebaut und da konnte er sich auch Mieter rein nehmen, die er wollte. Und da kann er auch die Miete verlangen, die er will. Die oben zahlen beträchtlich mehr.“

„Unser Haus war das erste hier in der Straße, das saniert wurde“, erzählt Nadim, „wir waren schon etwas schockiert, als wir aus unserer Umsetzwohnung zurück hier in den Glaspalast marschiert sind. Und tatsächlich waren auch Anschläge im „repräsentativen Eingangsbereich“, da haben Leute den Spiegel eingeschlagen und drübergeschmiert „Hier wohnt Arschloch“, und überall Anarchozeichen. Und ich konnte es verstehen, irgendwie.“

„Ja, heute ist das unsanierte Haus die Touristenattraktion, die Leute stehen davor und knipsen. Und früher war es dieses Haus. Naja, was heißt Touristenattraktion, Touristen gab’s da ja noch keine.“

„Die Fassade von dem Haus ist irgendwie öffentliche Historie, die Fassade gehört nicht mehr dem Hausbesitzer, die gehört der Stadt, finde ich. Man sollte innen sanieren und aber außen die Fassade so lassen, die Einschusslöcher und alles, von mir aus kann man es in Harz gießen oder wie auch immer. Und innen kann man es richtig schick machen, Batmanstyle, da könnte man dann auch von außen rein gucken und sich das ansehen. Also, im Endeffekt genau anders rum, als „Sanierung“ bei einigen Häusern bisher der Fall war: Fassade saniert, dahinter: nichts.“

„Es ist lustig, dass wir jetzt über den Prenzlauer Berg reden“, sagt Karin, „wir haben uns gestern, als ich kam, erst darüber unterhalten, wie beständig hier doch alles ist. Gerade für mich, die ich nur alle Jahre mal hierher zu Besuch komme: für mein Empfinden tut sich hier wenig.“

Auch Nadim findet, dass, seit der Babyboom seine Pik erreicht hat, sich nicht allzu viel verändert hat. Welchen der vielen Babybooms meinst du denn jetzt, frag ich. „Weiß ich nicht mehr genau, aber es gab eine Zeit, da sahen die Spielplätze aus wie Schweinemastanlagen, da gab es so viele Kinder – das ist jetzt nicht mehr so, aber damals konnte man kaum einzelne Körper und Köpfe aus der Kindermasse ausmachen, die sich da die Rutsche runterschob.“

Nadim bewirbt sich gerade und „äh, ich verbringe dementsprechend viel Zeit zuhause… Und da ist mir aufgefallen, wie VOLL die Straßen vormittags sind. Also, um ehrlich zu sein: mich nerven die vielen Möchtegernkünstler“, sagt er, lacht verlegen und verschränkt die Arme hinterm Kopf, „aber ich hab gehört, dass morgens um sieben die Straße voll schwarzer Limos sein soll, die die Leute aus den Dachgeschoßen abholen. Gesehen hab ich es zwar selbst noch nicht…“

„Oder“, hangelt Nadim sich weiter, „dann zieht so jemand mit viel Geld in eine Dachgeschoßwohnung und hisst als erstes eine St. Pauli Fahne auf seinem Balkon. Gut, ich komm auch aus Hamburg, aber muss das sein, muss der als erstes, wie die Amis auf dem Mond, hier seine Fahne reinrammen?“ Naja, sag ich, der verbindet mit seiner St. Pauli Fahne wahrscheinlich was anderes, als du jetzt. „Ja, was denn, dass man eben auch mit viel Geld Häuser besetzen kann?“

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hinterhausbewohnende, kuchenbackende und neugierige prenzlauerbergerin mit süddeutschem migrationshintergrund
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3 Antworten zu Noch 67 Tage und schon 97 Kaffees: Nadim (und Karin).

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  3. Chantal schreibt:

    Warum wohnen alle diese Leute in Prenzlauer Berg, wenn es so schrecklich ist? Es gibt so viele andere schöne Orte in Berlin, oder?

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