Noch 65 Tage und schon 99 Kaffees: Christoph und Herbert.

Christoph fragt erst seine Mitbewohner, ob es ihnen recht ist. Es ist. Ich darf hoch.

Eine von den Wohnungen, die mit Laminat saniert wurden. Die Küche. Hm. Typisch WG Küche, könnte ich sagen. Ist aber nicht typisch WG Küche. Es gibt solche WGKüchen und solche WGKüchen. Das hier ist eine solche. Viel Fliesen. Am Boden und, wandläufig, ein Fliesenspiegel. Wandläufig ebenso eine Arbeitsplatte aus hellem Holz. Ikea Regale (die billigsten). Ein Sofa.

„Setz dich doch, setz dich“, fordert mich Christoph auf und braut blumig klingende Teemischungen. Auf dem Tisch stehen ein, zwei, drei, vier kleine, minikleine Nikoläuse, für die vier Mitbewohner. (Ist der Plural von Nikolaus wirklich Nikoläuse?) Aha, sag ich, grinsend, ich sehe schon, hier findet Advent statt? „Jaha“, die beiden nicken stolz. Und wo ist euer Adventskranz? Christoph zeigt augenzwinkernd auf die Lichterkette, die über einem trüben Nagel hängt, als müsste sie sich übergeben: „Wir sind nicht so ganz eingerichtet, aber das immerhin haben wir zustande gebracht: eine Lichterkette. Über dem Staubsauger.“

Durch eine offene Zimmertür fällt mein Blick auf eine FreistaatBayernFlagge. Und wer von euch ist denn der Bayer, frage ich und tippe, da Christoph einen eindeutig badischen Dialekt spricht, mit meinem Zeigefinger Richtung Herbert: Du? Herbert lächelt. „Nein“, sagt er, „ich bin Mexikaner. Aber ich hab ein Jahr in München Erasmus gemacht. Und da hat es mir so gut gefallen, dass ich nach dem Studium nach Deutschland wollte. Hier ist es einfach viel besser, als in Mexiko. Und Berlin stand seit einem Berlinbesuch schon immer ganz oben auf der Wunschliste. Und den Job hatte ich schon, bevor ich hierher kam, ich hab die Bewerbungsgespräche über Skype geführt. Das war schon ein bisschen riskant, zu kommen, ohne wirklich einen Vertrag in der Hand zu halten.“

Vor fünf Monaten kam Herbert, um zu bleiben. Wie mutig, sage ich, du bist ja ein AUSWANDERER. „Meine Großeltern sind eigentlich aus Deutschland“, erzählt er, „die sind 1942, während des Zweiten Weltkrieges, nach Mexiko ausgewandert. Nein, sie waren keine Juden, sie wurden auch sonst nicht verfolgt – sie wollten nur einfach nicht mehr in Deutschland leben. Und es gab nur Mexiko oder Argentinien, wenn man nach Lateinamerika wollte. Wohin können wir, Mexiko? Gut, dann also Mexiko.“ – „Und du kommst zurück“, stellt Christoph fest. „Ja, meine Großmutter findet das sehr gut. Und mein Vater auch. Auch wenn es jetzt, so um Weihnachten herum, ein bisschen… schwierig ist… Aber es gibt ja Skype und Mail, das ist doch etwas ganz anderes, als vor sechzig Jahren, als es nur Briefe gab. Die dann auch noch drei Monate brauchten, um anzukommen.“

Christoph kam für seine Doktorarbeit nach Berlin, er ist Biologe und forscht an etwas, das er „Grundlagenforschung“ nennt und so umschreibt: „Kennst du noch die Telefonistin in der Schaltzentrale, die einkommende Anrufe mit dem richtigen Adressaten verstöpselt? Die vor solchen Stecktafeln sitzt?“ (Also, ich kann mich jetzt nicht mehr an eine Telefonistin ERINNERN – und Christoph seinem Alter nach auch nicht, aber ich bin ihm dankbar für das Bild.), „Und ich stöpsele Biomoleküle …“ (ach herrje, ich glaub, ich lass es besser, das erklär ich doch nur wieder falsch.) Jedenfalls macht es ihm Spaß, auch wenn er erzählt, dass er als Doktorand manchmal eben des Professors Laune ausbaden muss, welcher sich hauptsächlich um die Anzahl seiner Publikationen per Jahr bekümmert, denn um menschliche Belange. Du stehst also am Ende der Nahrungskette, sag ich. Er lacht. „Nee, zum Glück gibt’s ja noch die Studenten!“

Aber bemerkenswert sei doch auch, erzählt er, dass er als Doktorand zwar nur eine Teilzeitstelle (mit entsprechend teilzeitlicher Bezahlung) habe, von ihm aber erwartet werde, dass er 40 Stunden die Woche arbeite. Anderswo hätten Doktoranden natürlich eine Ganztagsstelle.

„Es ist kein Problem für die Hochschule, ein 60.000 Euro Elektronenmikroskop zu kaufen, aber Personal zu zahlen, ist seltsamerweise nicht drin. Wir haben unglaubliche viele und teure Geräte im Labor stehen – aber es gibt niemanden, der sie anständig bedienen kann. Anstatt dass ein technischer Assistent eingestellt werden würde, der die Messungen übernimmt, wie es andernorts üblich ist… Aber vor Ablauf des Kalenderjahres noch so und so viele Ausgaben tätigen, damit das Budget dafür im nächsten Jahr nicht gestrichen wird. Wie auch in der Bundeswehr, da ist es doch genau so. Ich weiß nicht, das ist ein System, das versteh ich einfach nicht. Vielleicht kann mir das ja mal ein BWLer erklären.“

Als FastSchwabe, also, vom Dialekt her, ist Christoph übrigens schon mehrmals angepöbelt worden. In der SBahn, in der Kneipe – das heißt es dann, von wildfremden Menschen, die im Vorbeigehen seinen Dialekt aufschnappen: „Ja, EUCH haben wir hier besonders gern.“

„Und in der Kantine, letztens“, erzählt er, „war einer, so ein Muskelberg, Bodybuildertyp, Ohrringe in beiden Ohren, ein richtiger Atzeproll, der hatte auf seinem T-Shirt draufstehen: „Du bist KEIN Berliner!“.“

Herbert erzählt, dass in Mexiko die Einwohner aus Mexiko Stadt im restlichen Mexiko ähnlich unbeliebt wären, wie die Süddeutschen in Berlin. „Das kommt daher, dass Mexiko Stadt einfach die reichste Region ist. Ohne Mexiko Stadt wäre das Land…“, seine Hände verpuffen ins Leere, „und deswegen mögen die meisten Leute aus der Hauptstadt nicht. Wie sagt man… Eifersucht?“

„Aber momentan ist bei uns der Drogenkrieg im Norden des Landes wichtiger. Täglich sterben 50 Menschen, da kann man die Zeitung aufschlagen und sieht Fotos, wie sie, das Seil um den Hals, an einer Brücke hängen, und auf ihren Körpern stehen Warnungen wie „Komm nicht wieder“. DAS ist ein Problem. Und es gibt keine Lösung dafür. Es wird wohl darauf hinauslaufen, dass wir Hilfe von den USA brauchen. Aber tatsächlich sind schon mehr Menschen in diesem Krieg gegen die Drogenbosse gestorben, als während des Irakkriegs.“

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hinterhausbewohnende, kuchenbackende und neugierige prenzlauerbergerin mit süddeutschem migrationshintergrund
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