„Interessante Bilder hängen bei dir“, sag ich, als ich mich zu Sabine und dem Wasserkocher in die Küche geselle, (weil ich so allein in fremden Wohnzimmern doch immer auf Kohlen sitze), „und auch von deinen Büchern her… Hast du was mit Kunst zu tun?“ Sabine lacht. „Ja, hab ich.“ Sabine (hach, wie umschreib ich das am besten) arbeitet in einer Kunstgießerei als Galeristin in der angehörigen Galerie, und ist aber auch für Kommunikation, Kundenkontakt und Veranstaltungen in der Gießerei zuständig. Und macht überhaupt alles, was anfällt.
„Für meinen Geschmack könnten die Kunstwerke avantgardistischer sein. Aber zu uns kommen auch viele Brandenburger Künstler aus dem Umland, die bei uns gießen lassen, und die müssen sich natürlich auch an dem orientieren, was gekauft wird. Dann ist die Brunnenfigur vom Marktplatz eben eine Bäuerin mit Korb.“
„Ich kam erst 2001 nach Berlin, um zu studieren. Zuvor war ich 15 Jahre lang Versicherungsagentin.“ Das heißt, frag ich, du hast auch an Türen geklingelt? „Um Gottes Willen, das könnte ich nicht. Nein, ich war im Innendienst. Und das waren auch Industrieversicherungen, es ging um ziemlich hohe Versicherungssummen, ich hatte mit interessanten Leuten zu tun, und kam auch viel rum, auf Baustellen, zur Windrädermontage – alles in allem ein super Job. Einmal ging es um eine von diesen Maschinen, die Tunnel in die Erde bohren. Und als diese Maschine den Geist aufgab, hatte sie sich leider schon 1,5 Kilometer in die Tiefe gebohrt. Und von den Männern da – auf den Baustellen natürlich nur Männer, die allesamt immer erstmal dachten, ach, so ein Versicherungsmäuschen, das können wir auch gut mal ein bisschen über den Tisch ziehen – jedenfalls, von den Männern hat niemand geglaubt, dass ich in den Tunnel gehen würde. Aber ich bin da rein. Mit einem technischen Berater. Einen Meter zwanzig hoch. (Also, der Tunnel, nicht der technische Berater). Auf allen vieren, so (tapper, tapper) am Rand, weil am Boden schon alle Kabel verlegt waren, da konnte man nicht einfach so vor sich hin kriechen.“
„Aber als es dann darum ging, dass ich mir eine führende Position aussuchen sollte, in die ich befördert werden sollte – da gab es ein paar – hab ich gemerkt, dass mit keine der Positionen wirklich zusagt. Und da hab ich beschlossen, doch noch einmal das zu machen, wohin es mich eigentlich schon immer gezogen hat: zur Kunst.“
„Ich hätte natürlich auch einfach auf dem Sessel sitzen bleiben können – was für mich, die ich eigentlich ein ausgeprägtes Sicherheitsbedürfnis habe, nur folgerichtig gewesen wäre. Aber es ging einfach nicht mehr. Und da hab ich mich auf den Weg gemacht nach Berlin – denn wenn schon, denn schon – und habe hier Theaterwissenschaften und Kunstgeschichte studiert.“
„Bevor ich nach Berlin kam, hab ich mir natürlich einen Kopf gemacht, von wegen, ob ich denn da mit meinem Alter die Ommi unter lauter Jungstudenten sein würde. Aber als ich dann hier war, hab ich schnell gemerkt, dass das erstens nicht der Fall war, denn viele Ältere und auch Rentner studieren, gerade und besonders Kunstgeschichte, und zweitens, selbst wenn es so gewesen wäre, hätte es niemanden gestört. Mich am allerwenigsten.“
„Nach dem Studium hab ich kurzzeitig überlegt, in die Kunstversicherung zu gehen. Ich war tatsächlich auch bei einer Gruppenbewerbung…“ Was ist denn bitte eine Gruppenbewerbung, frag ich. „Jaha, da gibt es jährlich zwei Termine, zu denen man sich mit einem entsprechenden Studienabschluss anmelden kann, und da sitzen dann so 50, 60 Leute in einem Raum, jemand von der Versicherung kommt und erzählt, zu welchen Bedingungen und mit welchen Voraussetzungen die Versicherung bereit wäre, zweien (!) der Bewerber einen PRAKTIKUMSPLATZ mit einer monatlichen Vergütung von 700 Euro anzubieten. Die Wahrscheinlichkeit, dass im Anschluss an das Praktikum gerade zufällig auch eine Stelle freiwird – und dass man dann auch in diese rutscht, liegt bei… Naja. Ich war froh um den Termin, da wusste ich wenigstens wieder sicher, was ich NICHT mehr wollte.”

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Liebe Rotkapi,
ich finde Dein Projekt toll und würde gerne darüber berichten, weil es so viele schöne Geschichten gibt. Ich bin freier Hörfunkjournalist für verschiedene ARD-Anstalten. Über eine Mail würde ich mich sehr freuen.
Viele Grüße,
Jan Schilling