Dorothea ist verschnupft. Ziemlich verschnupft. „Ich würde dich ja reinlassen, aber ich weiß nicht, wie empfindlich du mit Ansteckungsgefahren bist…“ Hinter Dorothea lugt ihr Sohn Timo (8) aus der Tür. Auch erkältet. Ich bin überhaupt nicht empfindlich. Im Gegenteil. (Also nicht, dass ich krank werden wollen würde) Aber ich bin selbst krank. Naja. Zumindest erkältet. Kopfdröhn, Naselauf und Halskratz. Oder ist das einfach nur IchWillInsBettUndZwarGanzLangAmStück? Egal. Ich schlüpfe bei Dorothea unter, wo ich mich an den kleinen Tisch in ihrer offenen Küche hocke, die Knie anwinkle und Dorothea erzählt und erzählt und nebenher IngwerZitronenHonigGebräu bereitet. Für die Abwehr.
„Das ist ja lustig, dass du vorbeischaust – stört’s dich, wenn ich nebenbei ein bisschen abwasche?“ Aber auf gar keinen Fall. „Wenn Leute fragen: „was machst du heute abend?“ Da krieg ich schon so einen Hals. Wenn das jetzt Leute sind, die nicht wissen, dass ich alleinerziehend bin, okay. Aber es gibt auch viele Freunde, die immer wieder so fragen. Ja, was werd ich wohl machen, am Abend, ans Haus gefesselt? Ach, ich will gar nicht heulen – was wollt ich gleich nochmal? Ach ja, Zitronenpresse.“
„Es gibt sicher viele Menschen, die denken, ja, die Alleinerziehenden wieder, die übertreiben doch maßlos– aber es ist schon… ich will, wie gesagt, gar nicht rumheulen, aber es ist schon manchmal… anstrengend.“
„Und als ich alleinerziehend wurde, wusste ich, okay, ich hab einen super Job und ich werde aber beim Sozialamt landen. Hmmm, wo ist der Honig… Honig… Und dort im Jobcenter heißt es als erstes: „Sind Sie Freiberufler?“ Und es gibt Vordrucke, ja, VORDRUCKE, das ist also kein Einzelfall, für Freiberufler, auf denen sie Angaben machen können zu Eingaben und Ausgaben. Und das bedeutet, dass viele ihre Arbeit machen – und es aber einfach nicht zum Leben reicht.“
„Ein Freund hat eine Bar, etwas außerhalb, und ich hab mich mal mit den Mädels dort unterhalten, die da arbeiten, die sind alle so 18, 19, 20 – und für die ist völlig klar, dass man zwei, drei Jobs nebeneinander hat. Von denen geht keine davon aus, dass sie einen einzigen Job haben wird und von dem leben kann. Ist das nicht erschreckend?“
Das Ingwergebräu ist, nach aller Braukunst, äußerst lecker. Timo telefoniert, ob er nach oben darf, zum Fernsehgucken. Weil der Fernseher sich nicht mehr lauter stellen lässt, aus irgendeinem Grund. „Also, wahrscheinlich geht das ganz einfach“, mutmaßt Dorothea, „mit Sicherheit sogar ist es nur ein Knopf, den ich drücken muss – aber ich weiß nicht, welchen! Jetzt geht Timo halt immer nach oben zum fernsehen. Und, was sagt er“, fragt Dorothea. „Ich darf, aber ich soll ihn nicht anstecken. Und Joschi ist auch schon oben“, sagt Timo zur Begründung, warum er da JETZT sofort hoch gehen MUSS und nicht bis zum Sendungsbeginn warten kann. Völlig klar. Er düst ab.
„Nach oben“ ist „zu H.“, „gewissermaßen der liebe Onkel im Haus, zu dem gehen die Kinder immer. Also Timo und Joschi, der Sohn von Z., auch eine Alleinerziehende, eins über mir. Ach, ich kenn viele. (Alleinerziehende). Eine Freundin von mir ist Erzieherin, die sagt: „Weißt du, wenn sie ihr Kind anmelden für die Kita, sind sie noch zusammen – und wenn das Kind dann tatsächlich in die Kita geht, sind sie schon getrennt.“ Irgendwas läuft doch da nicht mehr richtig…“
„Mein Freund hat mir, als Timo acht Monate alt war, mitgeteilt, dass er seit drei Jahren eine Geliebte hat. Und später hab ich ihn gesehen, da hatte ich Timo gerade fiebernd mit Mittelohrentzündung auf dem Arm, wie er in seinem Auto saß und sich über eine Frau geworfen hat. Seither weiß ich, woher der Ausdruck kommt: „Es zieht einem den Boden unter den Füßen weg““.
„Wenn das jetzt von vornherein ein Arsch gewesen wäre, dann würde ich vielleicht sagen: klar, war absehbar. Aber wenn es die große Liebe ist und alles so WUNDERBAR scheint, dann wirft einen das doch ziemlich aus der Bahn. Aber weil Timos Vater eben leider auch was auf dem Kasten hat und an sich ein toller Mensch ist, sorge ich dafür, dass Timo regelmäßig seinen Vater sehen kann. Aber hey, ich sag’s dir, über die Zeit damals und die Geschichten, die da passiert sind, könnte ich einen Kinofilm machen.“

Pingback: Ihr ward wunderbar. (das offizielle Ende). | hausbesuchwins
*seufz*
Ich trink jetzt auch einen Anti-Halskratz-Ingwer-Tee auf Dorothea und ihren Kurzen. Und versichere ihr, dass andere Allein-Kinder-Großzieherinnen die “was-machst-du-heut-Abend-Frage” genau so oft hören und genau so die Augen rollen dabei…
Ich erkläre mich solidarisch. Auch als NichtAlleinErziehende hör ich die Frage oft. Und rolle auch mit den Augen.
Auf die Kinder, also, Prost!