Noch 56 Tage und schon 104 Kaffees: Charles.

„Bitte, bitte, setzen Sie sich. Möchten Sie etwas trinken?“ Charles füllt Wasser in eine Karaffe und gießt mir (äußerst aufmerksam) nach, sobald sich mein Gläselein austrinken lassen wollen könnte.

Wir sitzen im Esszimmerbereich an einem langen Tisch mit einigen Stühlen. Vertrocknete Blumen. Abendessengedeckt ist für drei. Charles hat Besuch von dem Sohn einer Bekannten, der später auch einmal auftaucht, vom Einkauf offensichtlich, und eine kleine Packung irgendwelcher Frühstückscrunchys überreicht. (Also diese Dinger für’s Müsli.) „Nur eine dünne?“ fragt Charles, „gab’s denn keine dicke mehr?“ Der Junge schüttelt den Kopf. „Ah“, zieht ihn Charles auf, „oder hast du das restliche Geld schon… verraucht?“ In einem anderen Zimmer versucht gerade ein Techniker, die Internetverbindung zu reparieren. Er (also der Techniker) ist der Grund, warum ich Charles überhaupt in seiner Wohnung antreffe.

Zurück zur Wohnung. Offene Küche, offenes Esszimmer, offenes Wohnzimmer, ein Kamin steht da und eine… doch recht mickrige Lampe an einem… doch recht mickrigen Sofa, alles in allem… wie sagt man, eher… provisorisch eingerichtet. (Luxuriös ist was anderes). Ich wundere mich. Die Wohnung passt irgendwie gar nicht zu meinem Eindruck von Charles.

„Ich wollte eine möblierte Wohnung“, erzählt Charles (ach soooo), „meine Vermieterin, der diese Wohnung gehört, wohnt hier schon ganz lange. Ich habe mir einige möblierte Wohnungen angesehen, überall, in Charlottenburg, in Mitte, in Kreuzberg – diese hier hat mir einfach am besten gefallen. Eine Wohnung fand ich noch sehr schön, die war Nähe Bernauer Straße – aber: die nächste Kneipe zehn Minuten entfernt. Und ich komme abends einfach immer sehr spät von der Arbeit, wie gesagt: es ist Zufall, dass ich heute zu Hause bin – und ich bin allein – dass heute hier so viel los ist, täuscht vielleicht darüber hinweg, aber normalerweise bin ich allein – und da will ich einfach Kneipen und Restaurants in der Nähe haben. Mit dem Inder hier in der Straße bin ich praktisch befreundet.“

Der Techniker kommt in die Küche und berlinert etwas von Firewall und anderen Subjekten, von denen ich keine Ahnung habe. Charles begleitet ihn. Als er wieder kommt, seufzt er: „Ich hatte meine Schwierigkeiten mit dem Ding. Aber wenigstens hat ER auch seine Schwierigkeiten damit“, sagt er und zwinkert mir zu.

„Wo waren wir? Ja“, setzt Charles das Gespräch fort, „ich bin in 30 Jahren 25 Mal umgezogen, ich hatte keine Lust mehr auf Umzug und das ganze Trara. Umgezogen bin ich so oft, zum einen, weil ich versetzt wurde, und zum anderen, weil ich mehrere Male geschieden bin. Oder… getrennt. Ich hatte einige Leben…“

„Ich arbeite für die Französische Botschaft in der Kulturabteilung. Also, ich VERSUCHE, Diplomat zu sein.“ Also sind Sie… Kulturattaché? rate ich. Charles schmunzelt. „Da, wo ich bin, HABE ich einen Kulturattaché“ sagt er, „ich bin der Leiter des Institut Français, auf Bundesebene.“

Innerhalb von zehn Minuten erfahre ich von siebzehn Filmen, die ich sehen, von sieben Büchern, die ich lesen sollte, (davon vier Schriftsteller, von denen ich noch nie gehört habe), vom Veranstaltungskalender zu Ehren des Kleistgeburtstages (in Frankfurt/Oder) und dass morgen (heute) die 11. Französische Filmwoche beginnt, die absolut sehenswert sei. „Natürlich, ich muss doch ein bisschen Werbung machen“, sagt Charles charmant.

Noch einmal kommt der Techniker und holt Charles ab. Als Charles diesmal wieder kommt, freut er sich: „Jetzt klappt das Internet! Dafür funktioniert aber das Telefon nicht mehr…“

„Berlin ist anders, als der Rest von Deutschland“, erzählt mir Charles aus seiner Sicht über Deutschland und die Deutschen. „Ich kenne viele deutsche Städte, ich kann das sagen. Und trotzdem gilt auch hier:“

„Erstens. Der Deutsche hat immer Recht. Er könnte einem mit dem Auto totfahren, er würde aussteigen und sagen: Schade, dass Sie tot sind, aber: ich hatte Recht. Ein Freund hat mir, bevor ich nach Deutschland kam, zwei Bücher empfohlen, die ich lesen sollte, um die Deutschen zu verstehen. Das war zum einen „Deutschland. Ein Wintermärchen“ von Heine. Und zum anderen „Michael Kohlhaas“ von Kleist. Und ich muss sagen: mit Kohlhaas hatte er recht.“

„Zweitens: jeder Deutsche trägt ein Stück Gesetz mit sich herum. Soll heißen: man kann beispielsweise nicht bei rot über die Straße gehen, ohne SO (Charles starrt mich erbost an) angesehen zu werden. Noch schlimmer ist es nur, wenn Kinder in der Nähe sind.“

„Oder: in der U-Bahn. Dort gibt es doch diese Schilder, auf denen zum Denunziantentum aufgerufen wird, „Sagen Sie uns, wer diese Fensterscheibe beschmiert, und Sie bekommen dafür 600 Euro.“ In Frankreich würde man solcherart Schilder überhaupt nicht aufhängen können.“

„In Frankreich hat man ein anderes Verhältnis zum Gesetz. Hier in Deutschland fühlt dich jeder zur Umsetzung des Gesetzes persönlich berufen. Also, dass ANDERE das Gesetz umsetzen. In Frankreich, wenn ich sehe, dass jemand einen Sitz beschmiert, dann sage ich zu IHM, dass ich das nicht gut finde. Ich sage das aber nicht DEM GESETZ. In Frankreich ist das Gesetz dazu da, das menschliche Zusammenleben zu regeln. Und zu mehr aber auch schon nicht. Die Franzosen versuchen eher, das Gesetz ein bisschen…“ Charles macht mit der Handfläche eine Schlangenbewegung. Und zwinkert mit den Augen. „Die Deutschen nehmen das mit dem Gesetz wahnsinnig ernst. Und das ist zutiefst protestantisch! Das ist soo protestantisch, der Deutsche ist so vom Protestantismus durchdrungen, dass sich selbst die Katholiken so aufführen, als wären sie Protestanten!“

„Und drittens – und ich hoffe, ich trete Ihnen nicht zu nahe (huch, was mag jetzt wohl kommen?) – die Fahrradfahrer hier sind eine Katastrophe! (Ah ja, das betrifft mich.) Sie rasen, sie fahren auf dem Bürgersteig, (ich nicke), und wenn man nicht aus dem Weg geht, dann wird man umgefahren. Und wehe, man spaziert auf dem Fahrradweg! Die würden einen regelrecht umbringen wollen! Nur in Münster ist es noch schlimmer, da hat ja jeder DREI Fahrräder! Die Leute dort fahren praktisch mit zwei Fahrrädern gleichzeitig!“ Er fährt mit zwei Luftfahrrädern.

„Nur die Deutsche Bahn“, fällt ihm ein, als er von seinen Reisen durch Deutschland erzählt, „die ist nicht deutsch.“ Er hält kurz inne für die Pointe: „Denn sie ist nicht pünktlich!“

Über rotkapi

hinterhausbewohnende, kuchenbackende und neugierige prenzlauerbergerin mit süddeutschem migrationshintergrund
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7 Antworten zu Noch 56 Tage und schon 104 Kaffees: Charles.

  1. Pingback: Ihr ward wunderbar. (das offizielle Ende). | hausbesuchwins

  2. Astrid schreibt:

    von einem fast diplomaten hätte ich nun aber erwartet, dass es auch was nettes über uns zu hören gibt. sind wir nur so “ähhh” oder schlimmer “bähh”
    Ich, mit „Migrationshintergrund“ habe mich mal bewusst entschieden mich für deutsch zu halten. Denn es gibt Eigenschaften die ich mag. Deutsche sind phantastisch analytisch und selbstkritisch, bis zur Absurdität. Hat aber wirklich nicht jede Kultur. Gibt’s noch was Nettes?

    • rotkapi schreibt:

      Charles hat das nicht im Sinne von “ähhh” oder “bähh” erzählt. Im Gegenteil. So humorvoll und mit Augenzwinkern, ich hab mich gebogen vor Lachen. Ich Stümper kann das nur leider nicht entsprechend wiedergeben.
      Man kann auch liebevoll durchschauen!
      Und: wie subjektiv das alles auch ist. “Analytisch” und/oder “selbstkritisch” genannt zu werden, könnte ich persönlich jetzt weit schlimmer finden, als “chaotischer Fahrradfahrer” zu sein. (oder “immer Recht zu haben” – denn ich HAB immer Recht! Hehe).
      Und: entscheide dich also nicht nur wegen der “guten” Eigenschaften für das Deutschsein. Man muss sich sowohl mit seinen guten, als auch mit seinen “schlechten” Eigenschaften annehmen können. Salb, salb. (Hehe. Ich ärger dich jetzt, ich weiß.)

  3. Steffi schreibt:

    Hallo Rotkapi, ich hab jetzt doch mal eine Frage: wie machst du dass denn während deiner Gespräche, machst du dir Notizen, hast du ein Tonband oder einfach ein gutes Gedächtnis, dass du die Gespräche immer so gut wieder geben kannst? Ich finde das wirklich faszinierend. Danke schonmal.

    liebe grüße
    steffi

    • rotkapi schreibt:

      Liebe Steffi –
      ich mache mir weder Notizen, noch hab ich ein Tonband. (finde, beides stört)
      Im Gegenteil, ich lasse die Hausbesuche sogar immer noch mindestens eine Nacht “sacken”.
      Und schreibe dann frühestens am nächsten Abend aus dem Gedächtnis.
      Und tatsächlich sind mir bei den gut abgehangenen Hausbesuchen dann auf einmal ganz andere Aspekte wichtig, hab ich gemerkt.
      Über mein Gedächtnis wunder ich mich allerdings selbst. (Nur mit Zahlen hab ich’s nicht so)

  4. Chantal schreibt:

    Bizarre ce Charles…

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