„Ich wohn hier nicht“, sagt mir Herbert an der Tür. Ich warte, ob eine Erklärung folgt. Folgt aber keine, Herbert wendet sich schon ab – offensichtlich, um den HierWirklichWohnenden zu fragen – und dreht sich aber nochmal zu mir um: „Bist du ne Trickbetrügerin?“ fragt er und blitzt mich schelmisch an. Ich will schnell den Stollen auspacken und ihm als Gegenbeweis unter die Nase halten, aber Herbert ist schon in die Wohnung verschwunden: „Da ist eine an der Tür und will sich mit dir unterhalten. Ich glaube, sie ist ’ne Trickbetrügerin.“ – „Lass sie rein!“ hör ich jemanden antworten. Herbert kommt zurück und winkt mich grinsend herein.
André sitzt im Rollstuhl, eingerichtet vor zwei Flachbildmonitoren, und sieht mich erwartungsvoll an. „Das soll eine Trickbetrügerin sein?“, fragt er Herbert und ich höre das Augenzwinkern. Ich sehe mich um. Ein Zimmer. Laminat. Ein Sofa. An der Wand Mangas. Eine Kochnische, wo sich Herbert gerade eine Fertiglasagne warm gemacht hat und sich, nachdem er mir einen Stuhl gegenüber von André eingerichtet hat, zum Essen an den Kochnischenküchentisch setzt. Und von dort aus scherzend ankündigt, dass er mich im Auge hat.
André wird beatmet. „Also, nicht richtig beatmet“, erklärt er, „das ist die gleiche Luft, die du auch atmest, aber sie kommt eben mit ein bisschen mehr Druck in meine Lungen. Weil meine Lungen von selbst nicht mehr so viel aufnehmen könnten.“ André hat Muskeldystrophie. Ein Gendefekt, bei dem sich das Muskelgewebe nach und nach abbaut. Andrés Oberschenkel sind oberarmdünn. „Kannst du mich mal aufrichten, ich rutsche ab“, sagt er zu Herbert, der ihn aufrichtet. Ich, die ich keine Ahnung habe, biete Stollen an. Herbert isst lieber seine Lasagne, und auch André lehnt ab. Erst später kriege ich mit, dass André bereits isst. Seine Nahrung hängt an der Infusionsstange.
Mensch, das muss manchmal ganz schön anstrengend sein, was, sage ich mit einem Blick auf den Rollstuhl. „Ach, so tragisch, wie du dir das vorstellst, ist das nicht“, sagt Herbert gut gelaunt. Ich rede nicht von tragisch, sage ich, kriege rote Ohren und fühle mich so merkwürdig in die OhGottAugenverdrehDuHastJaMitleidEcke gestellt – (aber da gehör ich doch gar nicht hin), (und Herbert meint das auch nicht so), (oder?), ich meine nur, sag ich, dass ich erst jetzt, da ich mit Kinderwagen unterwegs bin, überhaupt erst – und auch das nur ein bisschen – nachvollziehen kann, wie es ist, eben nicht mobil zu sein. Also: kommt eine Niederflurbahn oder kommt keine, kommt ein Aufzug oder kommt keiner – versteht mich nicht falsch, das ist natürlich noch einmal etwas anderes, mit Rollstuhl – „Der Gehweg abgeflacht ist oder nicht“, führt Herbert aber einfach fort und nickt, „oder allein schon das Berliner Kopfsteinpflaster. Aber jetzt machen sie ja wenigstens die Gehwege neu.“
(Zwischendurch wundere ich mich, wo André wohl schläft – auf dem Sofa ja wohl kaum. Bleibt nur der Rollstuhl. Oder? Ach, ich wünschte, ich könnte einfach fragen. Wenn nur nicht überall diese Fettnäpfchen herumstehen würden. Oder seh nur ich die? Und wenn ja, warum eigentlich?)
André hat Japanologie studiert – aber das Studium abbrechen müssen, als es zu anstrengend wurde und dem Körper zu wenig Zeit zur Regeneration blieb. Jetzt macht André die Untertitelung von Mangafilmen. „Es gibt eine Fangemeinde im Internet“, erklärt er, „und wir machen sogenannte „Fanübersetzungen“. Also das sind nicht immer EinsZuEinsÜbersetzungen, sondern manchmal einfach auch nur, was man als Fan in dieser Szene sieht. Aber es gibt ja auch das Englische. Und es ist von Vorteil, Japanisch zu sprechen, da kann man natürlich überprüfen, ob die Übersetzungen in etwa dem Original entsprechen.“
„Und à propos Prenzlauer Berg und Klischées: wir legen Wert darauf, die Vorurteile zu bestätigen!“ verkündet Herbert aus seiner Lasagnenische und meint jetzt Yuppies und PrenzlauerBergMütter und dicke Autos. Er lacht. „Oder, André?“ André stimmt zu.
„Bist DU denn aus gehobenem Hause?“ fragt Herbert mich prompt. Noch ehe ich auch nur stottern kann, lacht Herbert schon wieder. Naja, also, „gehobenes Haus“, ich weiß nicht, sage ich. (Was ist denn „gehoben“). Aber Herbert hat mich knallhart im Zangengriff. „Gehobenes MittelschichtsBürgertum, also“, stellt Herbert spöttelnd fest, und, weil ich dem nicht unbedingt widersprechen kann, sagt er: „Hast du schon mal überlegt“, (und ich bin nicht ganz sicher, ob er mich aufzieht, oder es doch ernst meint), „ob du dieses ganze Projekt eigentlich nicht allein deswegen machst, um dich mit deiner eigenen Herkunft auseinander zu setzen? Und uns alle einfach nur als Projektionsfläche benutzt?“
Um ehrlich zu sein, sag ich, hab ich mich das auch schon gefragt. Weil ich mich seither so sehr und intensiv mit diesem Feindbild auseinandersetzen muss, dem ich ja, wenn man mir das Raster angedeihen lässt, selbst entspreche: Süddeutschland (uiuiui). Nach Berlin, weil ich Berlin toll finde (uiuiui). Akademisch gebildet. (Angebildet zumindest. Man hat mitten in der Bildung das Werkzeug liegen lassen. Aber: ich bin einst mal angetreten. Deshalb auch hier: uiuiui). Viel Geld hab ich zwar nicht, sag ich – und unsere Wohnung ist unsaniert. Herbert zieht mich weiter auf: „Ah, jetzt machst du auf Mitleid!“
(Ich frage mich, ob Herbert wohl erkennt, dass ich einen sündteuren Pullover anhabe). (Ganz sicher erkennt er aber nicht, dass ich diesen Pullover von meiner Schwester geschenkt bekommen habe). (Oder geliehen? Schwester? Ist der nur geliehen etwa? AufTaubSchalt).
„Ach“, löst Herbert schließlich auf, „als ich nach Berlin kam, vor zwanzig Jahren, da war hier ein ganz anderer Trend“, erzählt Herbert, „nämlich der Trend, hier zu wohnen, weil man KEIN Geld hatte. Aber eine Stadt verändert sich, und die Zeit verändert sich – und es ist einfach nur antiquiert, sich darüber aufzuregen.“
„Was machst du jetzt damit“, fragt Herbert, bevor ich gehe. Ich mach daraus ein Buch, sag ich. „Ah, du ziehst auch noch Profit aus uns?“ Hehe. Oh ja, sag ich, das ist mein Trickbetrug. „Das könnte doch auch ein Filmchen werden, oder“, schlägt Herbert vor, natürlich schon wieder augenzwinkernd, „schön harmlos, schön menschenlieb“, ja, geb ich zurück, ideal als Weihnachtsfilmchen, „Ja, die Leute wollen ja auch mal was Schönes sehen“, dreht Herbert die Schraube weiter, „auch mal abschalten. Nicht immer nur anstrengend. So, so. Und was kriegen wir dafür? Werden wir beteiligt?“ Klar, sag ich, ihr kriegt ne Einladung zur B-Premiere. „Und ne warme Mahlzeit“, fügt André hinzu.

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Oh, ich möchte bitte auch morgen so schrullig-nette Menschen treffen! Zwei tolle Berichte sind das heute wieder. Du kannst nur nicht mehr aufhören, sonst fehlt mir was
Herrje, ich bin schon so gespannt, wie es dir ergehen wird!!!
Viel Glück.
Ich lese schon ziemlich lange still und leise hier mit aber heute muss ich doch mal was loswerden: Mir graut schon jetzt vor dem Tag, an dem das 200. Kaffeekränzchen beendet ist. Ich könnte noch ewig weiter diese Berichte von Deinen Besuchen bei fremden Menschen lesen. So viele Welten, die sich da auftun, so viele unterschiedliche Schicksale, Lebensläufe, Ansichten, Draufsichten, und Aussichten … großartig!!