Uri öffnet mir etwas verpennt die Tür. Also, er sieht zumindest verpennt aus. „Klar kannst du reinkommen“, sagt er schon nach meinem ersten Satz. Im Flur begrüßt mich neugierig eine junge Katze.
In Uris Zimmer steht mittig ein Flügel. Am Rand liegt eine Matratze auf dem Boden. Punkt. Ich sehe schon, sag ich (mein Verstand arbeitet wieder mal MESSERSCHARF), du bist Pianist. Uri nickt. „Das ist hier ein Musikerhaus, hier sind einige. Mein Mitbewohner ist Bassist, aber der ist gerade auf Tour. Willst du vielleicht einen Tee?“
Wir gehen in die Küche. Uri öffnet als erstes die Backofentür und zündet den Ofen an. (Also, natürlich zündet er nicht den Ofen an. Er macht ein Feuer im Gasofen, oder wie sagt man.) Das kenn ich, das OfenAnzünden, das ist KeineHeizungInDerKüche. Meinetwegen musst du nicht einheizen, sag ich schnell, um Himmels willen, ich hab eh so eine Hitze. „Ach, ich mach es auch wegen der Katze, die ist doch noch so klein“, sagt Uri und lässt die Ofentür auf. Wie man es halt so macht. An den Wänden sind alte Tapeten. Ein schöner, dunkler, alter Holztisch. Darauf, am Rand, eine kleine Menora.
Ich selbst wohne in der Einunddreißig, erzähle ich, so, wie ich immer erzähle, dass ich selbst auch in der Straße wohne. „Ach“, sagt Uri, „dann kennst du vielleicht S.?“ Ja, sag ich, den kenn ich, der ist jetzt ausgezogen und ich hab seine Wohnung übernommen. Uri wundert sich. Ich wunder mich auch. Aber wenn du S. kennst, dann kennst du vielleicht auch meinen Mann? frag ich und nenn des Mannes Namen. „Klar kenn ich den, mit dem hab ich doch schon zusammen gespielt. Und der hat hier auch mal gewohnt!“ Was, sag ich, denn ich weiß wohl, dass mein Mann schon seit Jahren hier in der Straße wohnt, aber ich dachte bisher, er wäre immer im gleichen Haus durch die verschiedensten Wohnungen gezogen.
Uri zeigt mir des Mannes ehemaliges Zimmer. (Obwohl der Mitbewohner nicht da ist, klopft Uri erst an seiner Tür). Drei Kontrabässe. Ein Bett. (Punkt). Ich sehe meinen Mann in diesem Zimmer hausen und muss grinsen. Der Teppichboden ist sicher von ihm, wegen der Akustik. „Ja“, bestätigt Uri, „und den Boden in der Küche und im Bad hat er auch verlegt“.
Uri zeigt mir das Badezimmer. (Ich erkenn im SchachbrettLinoleum meinen Mann. Und bin total verknallt.) Es ist wie eine Zeitreise. Die Tapete kommt runter (dunkelgrün hinter mattseidengestreiftesGoldAufBeige). Eine Badewanne (eingemauert und auch mit Schachbrettlinoleum verkleidet. Eine Mimikrybadewanne also), mit Badeofen. (Ach, hier steht also der legendäre Badeofen, von dem der Mann so oft noch schwärmt). Wäscheleinen quer durch den Raum gespannt, ein einsames rotes Handtuch hängt dort. Dieses Badezimmer ist ein Foto. Ja, eigentlich ist es ein Foto, in einem Bildband über das HinterhausMoskau der Achtziger.
Uri kommt aus Tel Aviv. „In Tel Aviv ist es überhaupt nicht mehr möglich, als Musiker zu leben. Die Mieten sind vor drei Jahren um 300% (In Worten: dreihundert Prozent) angestiegen. In Tel Aviv sind Real Estate und Immobilienspekulation praktisch ein eigener Wirtschaftszweig. Und, tja, du kannst deine Miete nicht mehr zahlen? Pech gehabt. Irgendjemand kommt schon, für den ist es billiger, als anderswo, der wird das zahlen. Ich war dann noch in New York – aber in New York ist es genau dasselbe. Und außerdem sind da die Leute auch überhaupt nicht so toll und cool, wie man immer meint. Also kam ich nach Berlin. Und Berlin ist die einzige… Bastion, in der man als Musiker noch existieren kann. Aber“, er zuckt mit den Schultern, „auch das wird sich ändern. Der, der die Wohnung hier eigentlich gemietet hat (hier ist es üblich, dass billige Wohnungen einfach weitergemietet und unter der Hand an Freunde weitergereicht werden), will jetzt den Mietvertrag kündigen. Naja, mein Mitbewohner und ich sind nicht so gut im… pünktlich zahlen.“
„Stört es dich?“, fragt Uri mit einem Kinnnicker zu seinen Papers hin. Aber ganz und gar nicht, sag ich, und Uri dreht sich eine. „Bei uns im Tourbus ist jetzt ein kleines Baby mit dabei, die ist jetzt ein halbes Jahr alt. Da wird natürlich nicht mehr im Bus geraucht.“ Uri kommt gerade von einer dreiwöchigen Tour durch Frankreich zurück, „wir hatten jeden Abend einen Gig“, erzählt er. Na, aber dann läuft es doch ganz gut, oder, frag ich. „Ja“, sagt Uri, „wir sind so 15, 16 Mann in dem Bus – und schlafen natürlich alle in dem Bus.“ Uri ist eigentlich Jazzer, aber spielt in einer trashigen Punkband. Nächste Woche geht es nach New York. „Wir machen verrückte Sachen. Wir haben auch eine Badewanne auf der Bühne. Sieh es dir mal an.“
Uri hat mit 15 Jahren angefangen, Klavier zu spielen. „Das ist eigentlich recht spät – aber ich habe 10 Stunden am Tag gespielt. Und dann hatte ich das Glück, dass ich ein Jahr später schon aufgetreten bin und einer, so ein Superstar, hat mich gesehen und gedacht, da wäre Potential. Aber ich habe nicht studiert. Man sagte mir, ich solle nicht studieren. Denn wenn man studiert, dann ist man gut, im Vergleich zu dem und dem, oder Freunde sagen einem, dass man gut ist, oder: das ist aber schwer, was du da machst. Und dann gibt man sich zufrieden und entwickelt sich nicht mehr weiter, denn man ist ja schon gut, in deren Begrifflichkeiten. Oder in den Begrifflichkeiten der Lehrer, die da unterrichten. Aber was sind das für Leute? Die unterrichten doch nur, weil sie keinen anderen Job als Musiker bekommen haben.“
„Und so hatte ich niemanden an meiner Seite, mit dem ich mich hätte vergleichen können. Ich hatte nur Miles Davis, und zu dem hin“, er deutet eine Obergrenze an, „war immer ausreichend Platz, um sich nie auszuruhen zu können.“

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was für ein wunderbarer hausbesuch!
in der Tat, ganz wunderbar!