Frank bringt mir dicke Socken und stellt in seiner Wohnküche die spitzen Gegenstände hoch, damit mein Baby fröhlich Töpfe und Zwiebeln ausräumen kann. „Ich kenn das“, beruhigt er mich, „meine Freundin hat auch einen Sohn, der ist jetzt anderthalb.“ (Der räumt dann aber auch schon wieder EIN. Mein Baby räumt nur AUS. Ähe.) Auch den Adventskranz auf dem breiten Wohnzimmertisch stellt Frank in die unerreichbare Mitte. Und zündet ein Kerzelein an. „Den hab ich gerade eingekauft. War wahnsinnig teuer. Aber ich find den irgendwie gut. Mhh, Stollen“, freut sich Frank und zückt Messer und Schneidebrett, „das ist doch eine sächsische Spezialität.“ Frank ist Dresdner. Also, BeiDresdner.
„Ich komm aus einem 1000-Seelen-Dorf, und ich muss sagen, für mich ist Berlin nichts. Ich überlege, wieder aufs Land zu ziehen. Die Anonymität hier macht mich einfach fertig. Es ist gar nicht so leicht, Kontakte zu knüpfen.“ Zumal man ja auch nicht einfach so jemanden auf der Straße ansprechen kann, pflichte ich ihm bei, sonst wird man für sozial anpassungsgestört gehalten.
Frank ist eigentlich Handwerker, Zimmerer, und kam erst zum Bauingenieursstudium nach Berlin – und blieb wegen seiner Arbeit. „Allerdings bin ich nicht so ganz zufrieden… Ich verbringe so viel Zeit im Büro, am Computer, ich glaube, früher oder später werde ich wieder, vielleicht, zurück ins Handwerk gehen.“
Handwerk, Zimmerer, sag ich, warst du auch… auf der Walz? Franks Augen leuchten. „Ja, das hab ich gemacht. Drei Jahre lang. Und das war die beste Zeit. Wirklich, die beste Zeit. Ja, im Endeffekt ist das ein bisschen, was du gerade machst. Klingeln, und sich auf die Leute einlassen. Ich hab erst in der Schweiz ein bisschen Chalets gebaut. Dann bin ich über Österreich nach Frankreich, wo ich ein halbes Jahr war. Und dann, und das war wirklich Glück, war ich sogar in Mexiko.“ Wow, walzt man weltweit, sag ich, das wusste ich gar nicht. „Man kann überall hin, solang man sich an die Walzregeln hält. Es gibt diese Bannmeile von 50 Kilometern, die man sich nicht seinem Heimatort nähern darf während der drei Jahre. Aber Besuch von dort darf man natürlich schon bekommen. Das ist etwas anderes, als vor zwei- oder dreihundert Jahren auf die Walz zu gehen, da war das mit Besuch natürlich nichts.“
„Und dann ist eine wichtige Regel zum Beispiel noch, dass man kein Geld für Transport, Verpflegung und Unterkunft ausgeben darf. Dann klingelt man halt beim Pfarrer, oder bei irgendwem, bei dem man annehmen kann, dass man Unterschlupf finden wird. Oder schläft im Freien, im Sommer. Einmal bin ich auch ins Hotel gegangen – wenn die Leute, die da am Empfang stehen, gut drauf sind, dann klappt auch das.“ Aber, (ich Holzauge ich) wenn du nichts für Transport ausgeben darfst – wie bist du dann nach Mexiko? Du wirst ja kaum geschwommen sein, oder? (haha).
„Nein, das hat sich über eine Freundin ergeben, die mir von diesem Projekt erzählt hat, das die Technische Hochschule mit Architekturstudenten in Mexiko hat – die bauen da soziale Einrichtungen und suchen dafür natürlich auch immer Handwerker, die mithelfen. Ohne Geld. Und ich hab mich da gemeldet, und dann wurde auch wirklich mein Flug übernommen.“
Ansonsten wird getrampt. „Eigentlich ist es nur in Deutschland so, dass die Leute einigermaßen Bescheid wissen über die Walz und auch mit der Kluft etwas anfangen können. Aber in anderen Ländern, auch schon in Frankreich, denken viele, man wär in einer Sekte. Solche Fragen kommen dann häufig.“
„Mich hat erstaunt“, erzählt er über seine Eindrücke, „wie zufrieden die Menschen in Mexiko sind, auch wenn sie wenig haben, so sind sie doch wesentlich glücklicher. Und hier, wir sind doch ständig irgendwie unzufrieden. Ich sag ja auch, hm, ja, der Job, ich bin nicht ganz zufrieden. Ich glaube, das hat ganz viel mit der Individualisierung zu tun. Und mit Werbung und Marken, die seit dem Zweiten Weltkrieg so an Bedeutung gewonnen haben. Das stößt mir hier in der Großstadt auch so auf, dass man nicht durch die Straßen gehen kann, ohne ständig irgendwie und irgendwo mit Werbung konfrontiert zu werden. Ich finde es so schrecklich, dass man darüber definiert wird, was man besitzt. Und dass man seinen Sinn auch im Besitz sucht. Ich finde es schrecklich, was für ein Bedarf überhaupt erst durch Werbung geschaffen wird, da entsteht dann allein durch Werbung eine riesige Leere, ein Vakuum, ein Hohlraum, der dann mit Produkten gefüllt werden muss. Ich versuche, mich dem ganzen soweit ich kann zu entziehen. Ich hab zum Beispiel keinen Fernseher. Und auch kein Internet.“
Frank erzählt auch von seiner Begegnung mit Klischées, jetzt innerhalb Deutschlands. „Ich kam auch durch Bayern. Und da sitzen dann zwanzig Leute um einen Stammtisch und, ja, erfüllen das Klischée. Aber dann kommt man eben auch mit diesem Klischée ins Gespräch – und alle sind herzlich und nett. Ha, ich weiß noch, wie ich da mit dem Freund saß, mit dem ich gerade unterwegs war, der war auch auf der Walz, und wir haben zu Essen bekommen, irgendwas mit unglaublich viel Wurst – und dazu nur zwei Scheiben Brot. Das waren richtige STÜCKE von WURST. Verschiedenste WurstSCHEIBEN. Also: SOOO viel Wurst. Und dazu so verhältnismäßig wenig Brot, wir konnten das gar nicht essen. Wir haben es uns dann einpacken lassen.“

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Der alte Hauke ist mal in Berlin gewesen und ist prompt in so ein Häufchen gelascht.
Hat ihm aber kein Glück gebracht. Der Arme hatte sich im KADEWE hoffnungslos veriirt und konnte erst durch eine Hundestaffel der Polizei wieder aufgefunden werden.
Er bezeichnet ganz Berlin als das größte Hundeclo — das hat aber auch politische Gründe.
<|;+)) "Akrobat schööön!" (Zitat Charlie Rivel, bester Clown der Welt),zio
Danke für die kleine Schmeichelei.
Nette Reflexion.
Empfehlung: Schau bei Gelegenheit mal im Dorf des Clowns vorbei, Du wirst dich dann in diesem größten Hundeclo der Republik bestens aufgehoben fühlen.
zwicker, <|;+)) zio (clown) "Trommeln gehört zum Handwerk – wie "walzen"!
Lieber Zio Frank –
das größte Hundeklo der Republik ist im Volksmund: Friedrichshain. Nicht zu verwechseln mit dem Prenzlauer Berg.
Aber nette Texte auf deinem Blog!