„Oh“, entfährt es Thomas, als er von meinem unglaublichen Schokobrot verkostet, (also, den Resten davon), „die sind ja lecker“, sagt er und legt gleich ein paar zur Seite, „für Elena, wenn sie später nach Hause kommt – wie ist denn das Rezept?“ Denkbar einfach, deswegen kann ich es auswendig: je 250 Gramm von: Butter, Zucker, geriebene Blockschokolade, geriebene Mandeln. 6 Eier. 100 Gramm Mehl. Punkt. Thomas schreibt mit.
Thomas hat mich reingelassen, weil ihm Frank schon von mir erzählt hat. „Ich hab zwar nur eine halbe Stunde, weil ich dann zur Gymnastik muss – mit Frank übrigens – aber komm trotzdem kurz rein.“ Frank klingelt zwei Minuten, nachdem ich in der Küche sitze. Großes Hallo. „Darf ich schnell noch an dein Internet?“, fragt Frank. „Klar, du weißt ja, wie du rein kommst.“ Frank war mit einem von Thomas’ Söhnen zusammen auf der Walz. Also, für eine Walzetappe. Daher kennen sich die beiden – und so kam Frank auch an seine Wohnung. Thomas berichtet stolz von seinen Söhnen. Der eine hat eine Wildnisschule außerhalb Berlins im Grünen, der andere ist Musiker. Innerhalb kürzester Zeit halte ich verschiedenste Flyer von der Söhne Aktivitäten in den Händen.
„Ach, meine Rente, ja, die kann ich mir schon schön vorstellen, zu meinem Sohn ziehen, der mit der Wildnisschule, wir planen da zusammen ein Mehrgenerationenprojekt. Und ansonsten viel in der Natur sein und Landschaften malen. Ich weiß gar nicht, warum Landschaftsmalerei so verschrien ist, ich hab überhaupt nichts dagegen, tagelang Landschaften zu malen. Aber noch weiß ich nicht, was ich an Rente überhaupt rauskriegen würde, wenn ich jetzt schon in Altersteilzeit gehen würde. Da muss ich mich erst mal informieren.“
Thomas lebt schon seit langer, langer Zeit hier in der Wohnung, (Ach, ich bin doch mit diesen Zahlen so schlecht), eigentlich seit der Hausbesetzung damals. „Aber das war keine politische Hausbesetzung, wie man sich das so vorstellt, hier steckte schon ein ganz anderes Kalkül dahinter.“ Thomas erzählt von der Zeit, in der der Gemeinschaftsraum unten, der zur öffentlichen Privatwirtschaft umfunktioniert wurde, richtig Furore machte. „Heute, im Vergleich, ist das nur noch eine Altherrenveranstaltung.“ Als es an die Veränderungen hier in der Straße geht, verzieht Thomas das Gesicht. Und schüttelt den Kopf. Alles nicht mehr so, wie früher. Wieder geht es um Neuzugezogene, die Clubs schließen lassen. Naja, sag ich wieder (Déjà-Vu?) – wer sagt denn, dass das wirklich Neuzugezogene waren, die den Club rausgeklagt haben? „Na, das ist doch klar!“ sagt Thomas erst. Ach ja, frag ich, hat das die Polizei denn öffentlich gemacht? Kennt man den Namen? Und wieder erzähl ich von den Leuten, die mir begegnet sind, Alteingesessene, die Parties von Neuzugezogenen per Polizei platzen lassen, oder von Alteingesessenen, die seufzen und sagen: Ich bin jetzt so und so alt, ich will einfach meine Ruhe ab 12Uhr. Thomas nickt nachdenklich. Und weiß von Leuten zu erzählen, die immer schon die Partys in der Wirtschaft unten polizeilich beenden ließen. „Du hast recht“, sagt er, „Spießer gibt es immer und überall.“
Thomas arbeitet an der hiesigen Gesamtschule. In den letzten vier Jahren, erzählt er, habe sich spürbar der Gesinnungswandel geändert. „Wenn man den Kindern sagt, dass sie einen Block mitbringen müssen, dann haben den das nächste Mal mindestens 80 % auch dabei. Hausaufgaben werden erledigt. Die Kinder sind irgendwie… wacher. Interessierter. Man merkt, dass da ein anderes Bewusstsein zu Hause, bei den Eltern ist.“ Ähm, das ist aber doch… eine positive Entwicklung? frage ich zögerlich, weil ich offenbar irgendwo unterwegs den Übergang von Neuzugezogenschmäh auf lobzupreisende Errungenschaften verpasst habe. „Ja, das ist gut“, bestätigt Thomas, „früher war fast täglich die Polizei bei uns an der Schule, weil wieder geklaut wurde oder eine Schlägerei war.“
„Heute ist die Schule tatsächlich eine Alternative für viele Eltern, die ihre Kinder nicht aufs Gymnasium schicken wollen. Bei uns kann man ja trotzdem Abitur machen, sogar in 13 Jahren, also mit einem Jahr länger Zeit. Und gut die Hälfte der Siebtklässler hat heute eine Gymnasialempfehlung. Früher war das in einer Klasse eine knappe Handvoll. Und dazu kommt, dass auch die neue Lehrergeneration so… motiviert ist! Die machen wirklich tolle Sachen! Und ein großer Schwerpunkt liegt auf Kunst und Musik.“
„Aber ich sag immer: das wäre doch total anstrengend für die Kinder, wenn es nur so supermotivierte Entertainerlehrer gäbe! Da muss es schon auch die blöden Lehrer geben. Denn was wäre, wenn die Kinder keine blöden Lehrer als Autoritätspersonen mehr hätten, an denen sie sich abarbeiten und reiben könnten?“ – „Jetzt aber los“, Frank bläst zum Aufbruch. Und zu welcher Sorte Lehrer gehörst du, frag ich Thomas noch schnell. „Äh… ich sag mal so: wenn mich die Kinder respektieren, dann respektiere ich sie auch.“

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