Noch 46 Tage und schon 110 Kaffees: Jakob, Charlotte, Artur und Gregor.

Als Jakob mir die Tür aufmacht, brüllt aus der Wohnung ein Baby in voller Lautstärke. Jakob hört sich trotzdem (und geduldig) meinen Vorstellungstext an – wobei ich mir gar nicht sicher bin, ob er ihn überhaupt verstehen kann. Also, akustisch. Aber er kann, offensichtlich. Charlotte taucht fragend hinter Jakob an der Tür auf, mit Artur, 3, auf dem Arm. Jakob winkt mich herein, in die Küche. Da sitzt Gregor in seinem Babystühlchen und brüllt, weil er mehr von dem französischen Leckerbrei will, der ihm von Jakob gerade serviert wurde. Jakob füttert weiter. „Wir sind das gar nicht gewöhnt, normalerweise mag er abends gar nichts essen!“ erzählt Charlotte. Jakob will auf deutschen Brei ausweichen, als der französische leer geschmaust ist. Aber Gregor riecht den Braten und plärrt wieder. Laut. Jakob füllt den deutschen Brei in den französischen Becher und füttert weiter. Jetzt geht es. (Ist das nicht entzückend?) Artur, 3, führt mir stolz seinen Leuchtstift vor und mag mein Schokobrot.

Jakob und Charlotte kamen mit ihrer Familie vor vier Jahren von Frankfurt nach Berlin. „Wir wollten gar nicht nach Berlin. Wir sind hier, weil Jakob hier seinen Arbeit hat“, sagt Charlotte. „Und ich hab so viel über den Prenzlauer Berg gehört“, erklärt Jakob, „dass ich sagte: ich geh überall hin, NUR NICHT in den Prenzlauer Berg. Jetzt sind wir hier. Naja, ich muss ganz ehrlich sagen, dass es hier natürlich schon von Vorteil ist, für die Kinder. Und die Infrastruktur. Warum auch nicht?“

„Meine Hebamme“, erzählt Charlotte, „hat, als ich gefragt habe, ob ich nicht noch eine andere Mutter zum Geburtsvorbereitungskurs mitbringen kann, gesagt: aber nur, wenn es keine Kollwitzplatzmutti ist!“ Sie lacht. „Dabei ist das eine wunderbare Hebamme. Allerdings fällt mir auf, dass in der Kita jetzt gerade der Keuchhusten grassiert. Artur und Gregor sind zwar geimpft – aber dass es Keuchhusten überhaupt erst wieder gibt, das kommt doch daher, weil die Mütter hier ihre Kinder nicht impfen. Ich glaube, DAS ist typisch für Prenzlauer Berg Mütter. Und ich, also, ich weiß nicht, aber ich finde das unverantwortlich.“

Charlotte hat nach ihrer- oder eher „trotz“ ihrer Schwangerschaft einen Job in Köln bekommen – für den sie zwar viel im Homeoffice arbeiten, aber dennoch viel pendeln muss.

Jakob arbeitet beim Verband der Automobilindustrie. „Heute erst wieder hab ich einen Brief bekommen: Sind Sie noch zu retten? Wenn Sie nicht endlich, dann gnade Ihnen Gott! In dem Stil. Sowas bekomm ich öfter. Naja. Grundsätzlich sind wir generell erst mal die Bösen, ja.“

„Dabei haben wir gar kein Auto“, fügt Charlotte an. „Ja, JETZT nicht mehr“, sagt Jakob trocken, „es wurde gestohlen. Weil ja hier jetzt Parkraumbewirtschaftung ist, hatte ich es drüben im Bötzowviertel geparkt. Und als ich joggen war, kam ich an der Stelle vorbei, wo ich es geparkt hatte und dachte: Moment mal, stand da nicht eben noch mein Auto? Ärgerlich allerdings war, dass wir keine Diebstahlversicherung hatten. Das Auto war über zehn Jahre alt, da dachten wir, ach, das klaut doch eh keiner.“

„Und dann, hier klauen sie ja wie die Raben, haben sie wenig später – und ich weiß noch, ich musste um sechs Uhr früh irgendwo sein – mir den Sattel vom Fahrrad geklaut! Den SATTEL! Ich war so sauer, da dachte ich: so, jetzt reicht’s mir, jetzt nehm ich mir einfach von irgendwem anders den Sattel!“ – „Das kannst du doch nicht erzählen!“, sagt Charlotte. „Wieso“, sagt Jakob, „es ging doch auch gar nicht. Denn von den anderen hatte NIEMAND einen Schnellspanner. Die sind schon ganz anders den Gegebenheiten hier angepasst!“ Er lacht.

Über rotkapi

hinterhausbewohnende, kuchenbackende und neugierige prenzlauerbergerin mit süddeutschem migrationshintergrund
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