Noch 47 Tage und 109 Kaffees: Frank. (und Dörte)

Frank und ich ziehen uns in Franks Arbeitszimmer zurück, damit Dörte für den Besuch, der gleich zum Abendessen kommt, weiter herrichten kann.

Auf einem edlen Sideboard die eine Hälfte Computer und Luft, die andere Hälfte SchneideUnterlage, Neonlichtschreibtischlampe, Pinselwerkzeuge, farbige Pulver in Schraubverschlußgläsern. Trockenfarbe. Acryl. (Das erkennt nicht etwa mein Kennerblick, nein, das erklärt mir Frank später).

Frank ist Berliner und in der Ostseestraße aufgewachsen. Nach verschiedenen anderen Stationen ist er mit Dörte und Tochter hierher gezogen, als sie eine größere Wohnung gesucht haben. „Das war 1998, da war es gerade ziemlich schwer, eine Wohnung zu finden. Ich glaube, weil das grade die Phase war, in der saniert wurde, und in der der Bedarf nach Wohnungen zwar schon geweckt war, der Markt aber noch nicht reagiert hatte. Oder reagieren konnte.“

„Mittlerweile sind ja 85% der ursprünglichen Bevölkerung ausgetauscht. Ich frage mich, wer denn so schlecht über die Schwaben redet, wenn hier doch eh nur noch Schwaben leben!“ Er lacht. „Ach, Schwaben“, er winkt ab, „die verhalten sich doch eh alle ganz entspannt. Wer weiß, vielleicht wird das in ein paar Jahren, wenn alle älter geworden sind, anders. Wenn man vielleicht in alte Strukturen zurück fällt. Ach, wer weiß. Wahrscheinlich auch nicht.“

„Ach, hier im Haus, wenn du mal schaust, hier wohnen viele Kameraleute, oder Filmleute, das sind alles Menschen, die ihr Leben gerne leben – und das wirkt sich natürlich auf die Atmosphäre hier aus.“

Frank arbeitet als Restaurator. Er zeigt auf ein altes Werbeschild aus Emaile, das an der Wand im Licht lehnt. Daneben liegt ein Fön. „Also, streng genommen bin ich kein Restaurator“, erklärt Frank, „denn ich erhalte nicht, ich mache, dass man die Fehler nicht mehr sieht. Und im Museum wird beispielsweise, was restauriert wird, farblich in einer, zwar passenden, aber doch anderen Farbe derart abgesetzt, dass man erkennen kann, was noch Original ist, und was restauriert wurde. So gesehen bin ich eher Kosmetiker.“

„Siehst du das Grisselige da im Auge?“ Ich schau der rotwangigen, rotlippigen Lady tief in die Augen. „Du musst gegen’s Licht schauen.“ Ah, jetzt seh ich es. „Da bin ich grade dran. Die hat ganz schön was abbekommen, eine Kugel wahrscheinlich oder so.“

Frank hat keine Ausbildung zum Restaurator gemacht, erzählt er, er kam über seine Sammelleidenschaft eher „gezwungenermaßen“ dazu. „Naja, ich bin Sammler. Und man findet auf dem Markt entweder nur gut erhaltene Objekte, die dann auch dementsprechend teuer sind – oder eben billig zu erstehende Exemplare mit Mängeln. Und so habe ich mit dem Restaurieren angefangen, und weiter gemacht, und weiter gemacht – und mittlerweile, glaube ich, kann ich es ganz gut. Zumindest schicken mir Leute ihre Schilder, damit ich sie wieder herricht.“ Und hast du damit auch was zu tun? frage ich und deute auf die wandseitenlange Flaschensammlung hinter Glas. (Die erinnern mich irgendwie an mein TillEulenspiegelBuch von früher. Also, an die Illustrationen darin). „Die? Nein, die sammel ich zum Vergnügen. Das sind alte Flaschen. Sehr alte Flaschen.“ Oh ja, das seh sogar ich: dickbäuchige, kugelrunde, mattgrüne Dinger sind das. Wunderschön geheimnisvolle Dinger.

Über rotkapi

hinterhausbewohnende, kuchenbackende und neugierige prenzlauerbergerin mit süddeutschem migrationshintergrund
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