Noch 44 Tage und schon 112 Kaffees: Frau P.

Frau P. winkt mich wortlos herein. Ich bin nicht ganz sicher, ob sie mich verstanden hat. Ich aber, natürlich, trotzdem hinterher. Ich muss mich bücken, um unter dem Teppich durchzuschlüpfen, der hinter der Wohnungstür hängt, bunter Perserteppich. Man könnte ihn wohl auch zur Seite schieben, aber Frau P. schlüpft unter ihm durch. Schlüpf ich also auch unter ihm durch. (Frau P. ist kleiner als ich). Im Flur hängen noch vier weitere Perserteppiche, offensichtlich alle vor je einer Zimmertür, mit einem Meter Abstand über dem Boden, zum DrunterDurchSchlüpfen. Ansonsten ist der Flur kahl. Es liegt kein Teppich auf dem Estrich. Räusper.

Frau P. erwartet mich, noch immer wortlos, an der Schwelle zu ihrem Berliner Zimmer. Sie winkt mich heran. Wortloser noch, als vorher.

Irgendwie wird mir… mulmig.

Frau P. lässt mich ganz nah an sich herantreten, bevor sie den Mund öffnet. Lange Hasenzähne, gelb vom Teetrinken. Sie sagt vertraulich: “Sie können sich aussuchen, wie Sie zahlen, entweder 400 Reais in bar, oder 420 in Altpapier.” 420 in Altpapier, denke ich, das ist doch Wucher, jetzt im Winter, AltpapierHaben heißt AnheizenKönnen.

Ich drehe mich ratsuchend um und gehe in eins der Zimmer. Mein Mann sitzt da auf einem Berg von Perserteppichen und haucht sich die kalt gewordenen Finger. Ja, es ist kalt. Sein Atem steht rauhreifig in der Luft. “420 in Altpapier”, sagt er, “es ist nicht wichtig, wieviel es JETZT kostet, sondern wieviel es zuvor gekostet hat. Hast du gehandelt?” Ich senke den Kopf. Ich kann nicht handeln, das weiß er doch. Wenn jemand sagt, er braucht so und so viel Geld, dann geb ich es ihm. Er wird schon wissen, warum er so viel braucht.

Aber warum ist diese Wohnung hier so groß. Vier Zimmer, alle leer, alle für die kleine Frau P.? Ich werfe einen Blick auf die Landkarte. Und sehe, dass ich in der Mongolei bin. Kein Wunder, denke ich, dass die Häuser hier so groß sind, hier ist ja auch Platz für so was. Weit und breit brennt kein Licht. Weit und breit nur die Zimmer und Perserteppiche von Frau P.

Ich sitze im Tourbus und winke der dicht eingeschneiten Mongolei zu, aus dem Rückfenster. Was für ein komfortabler Tourbus, denke ich, die Heckscheibe ist riesig und zudem beheizt. Aber draußen ist es so kalt, dass sogar die beheizte Heckscheibe gefriert. Ich hauche ein Guckloch gegen die gefrorene Scheibe. Und sehe durch das Guckloch eine in weißes Fell gekleidete Mongolin, die an einer Leine eine Yakfellkugel hinter sich herführt. In der Yakfellkugel steckt ihr Kind, das sehe ich, als die Mongolin an ihrer Handtasche, einer überdimensionierten Zahnseidendose, den Deckel öffnet, das Kind hineinsetzt, und die Zahnseidendose als Schlitten benutzt. Hui, wie der Schnee stobt.

Über rotkapi

hinterhausbewohnende, kuchenbackende und neugierige prenzlauerbergerin mit süddeutschem migrationshintergrund
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