„Eigentlich erwarten wir gerade Besuch“, sagt H. und weiß nicht so recht, was er mit mir vor seiner Tür anstellen soll. Was kann ich tun. Schokobrot ist alle. Ich hab nur wieder so einen…. (MitSpitzenFingernVonMirWegHalt)… Stollen. Gekauft. (Augen roll). Aber ich hab auch ein Baby vorm Bauch. Und darf rein. „Also, dann haben wir jetzt spontanen Besuch“, verkündet H. seiner Frau S., die mich warmherzig begrüßt. Überhaupt ist es warm in dieser Wohnung. Ich glaube, es ist die wärmste Wohnung jeher. „Es ist aber auch gerade Moussaka im Ofen – und du stehst grad davor.“
E., die Tochter der beiden, begrüßt mich fröhlich mit: „Ich bekomm bald eine Schwester!“ – „Naja“, erklärt mir S. lächelnd nach einem Blick auf ihren NochNichtBauch, „wir wissen noch nicht, ob es wirklich eine Schwester oder vielleicht doch ein Bruder wird… Es kommt erst im Mai.“ Mir wird so… weihnachtlich. Räusper. Liegt vielleicht an den Lichterketten in der Küche. Oder daran, dass E. nach einer gehörigen Stollenportion und einer Prachtparade ihrer LillyPferde (oder wie heißen die Dinger? Besamtet und beeinhornt sind sie und kleinkinderhandgroß) auf der karierten Tischdecke mit meinem Baby loszieht und Telefon spielt. (Ja. Mein Baby zieht los und spielt Telefon.) (Himmel, mir wird wirklich weihnachtlich.)
H. wohnt seit 98 in Berlin. „Bisher heimatlos“, beschließt er den kurzen Umriß, wie es ihn von der einen Stadt in die andere und schließlich nach Berlin getragen hat. „Aber trotz dem ich schon so lange hier in Berlin bin, kann ich auch gar nicht sagen, dass hier meine Heimat wäre. Oder ich hier meine Wurzeln habe, Berlin „meine Wurzel“ ist. Ich glaube, es liegt daran, dass man in Berlin so viele Leben lebt. Alle paar Jahre ändert sich ein Umstand in deinem Leben – und damit ändert sich auch dein Freundes- und Bekanntenkreis. Und ein paar Jahre später“, er schnippt mit den Fingern, „ändert sich wieder etwas. Ich habe mit den Leuten von damals praktisch überhaupt nichts mehr zu tun.“
E. erklärt die Wohnungstür zum Fußballtor. S. sagt ihr milde etwas auf serbisch, (nicht, dass ich Serbisch spräche, nein. Aber fragen, was für eine Sprache das ist, DAS kann ich.) (Immerhin. Seufz.) – und E. verschiebt einsichtig das Fußballspiel.
S. kommt aus Belgrad. „Die Stadt ist… zerstört. Aber trotzdem war der Krieg bei uns in Belgrad nicht so… spürbar. Wir hatten Strom, wir hatten Wasser, wir konnten einkaufen gehen, es gab nur diese Luftangriffe…“ – „Es gab keine Bodentruppen“, ergänzt H. „Ja“, sagt S. leise, „was dieser Krieg für Sarajevo beispielsweise bedeutet hat, das kann man sicher nicht vergleichen.“
S. hat in Kroatien einen Verlag geleitet. Das ist jetzt, aus Berlin, schwierig. „Ich würde aber gerne serbische junge Schriftsteller hier bekannt machen. Die Autoren, die hier als „die Stimme“ Serbiens bekannt sind und gehandelt werden, die sind in Wahrheit gar nicht repräsentativ. Im Gegenteil, sie sind meistens sehr regierungsnah, natürlich, die Regierung finanziert schließlich auch den Austausch, dass sie überhaupt im Ausland bekannt werden. Aber es gibt andere Autoren, die kritischer sind, jünger – denen würde ich gerne zu mehr Beachtung verhelfen…“
Es klingelt an der Tür. „Hurra, J. kommt, J. kommt“, jubelt E. Vermisst du Belgrad, frage ich S. noch zwischen Tür und Angel. „Ja“, sagt sie, „meine Familie ist dort, meine Freunde… Es wäre sicher einfacher, wenn ich hier Arbeit hätte. Aber es ist komisch, dort bin ich irgendwie nicht mehr – und hier bin ich aber noch nicht.“
Im Aufbruch zeigt mir H. besorgt ein daumengroßes Stück Putz. Oder… Wand. „Ich weiß nicht, wie lange schon, aber das hier hatte dein Baby jedenfalls bis eben im Mund.“ Och, sage ich und winke ab, das heißt nur, dass es sich heimisch fühlt.

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Hallo liebe rotkapi…
na, 113 Kaffees klingt doch schon sehr vielversprechend! Die 200 machst du sicher voll, da bin ich zuversichtlich!
Über deine Reaktion auf den Putz im Mund deines Babys musste ich zustimmend schmunzeln… Ein Stück Wand gehört noch in die Kategorie “harmlos”…
Ganz liebe Grüße… Maja