Noch 39 Tage und schon 116 Kaffees: Tom.

„Hast du denn gar keine Angst?“ fragt mich Tom als erstes, als er mir einen alten Stuhl anbietet, einen, bei dem die Sitzfläche geflochten ist. Nein, nein, erkläre ich freimütig, ich habe die Erfahrung gemacht und so weiter und so weiter und während ich erkläre, denke ich immer dunkler: warum fragt er so, was ist es, das da in seinen Augen so funkelt – sollte ich besser doch, heute einmal… Angst haben? Hey, Bauch, frag ich mich, ist irgendwas verloren gegangen auf dem Weg zu mir nach oben? Alarmsignal, zufällig? Gnah, grunzt mein Bauch, schau ihn dir doch an! Ich schau mir Tom an. Ich überfliege Toms Zimmerchen, den Schreibtisch an, an dem ich sitze, ein offenes Schachspiel auf dem Flachbildschirm, ein zweiter, alter Monitor, Karfunkelsteinlämpchen, Gitarre, Lichtröhren in ihren Verpackungen, Kleiderstange mit Klamotten, Gebasteltgewerktes, südländische Landschaftsaquarelle an den Wänden – nein, ich hab keine Angst vor Tom. Im Gegenteil.

„Spielst du Schach?“, fragt er mich gleich, denn er ist am Zug in einem Spiel mit einem Schachfreund in Israel. Ich hab schon lang nicht mehr gespielt, gebe ich zu – weil mein Mann kein Schach mehr mit mir spielt, seit ich ihn einmal so empfindlich abgezogen habe. (Hehe.)

Tom schreibt mir gleich seine Daten auf für eine Partie. Dann will er wissen, wo ich aufgewachsen bin und öffnet Google Earth. Tom klickt auf immer höhere Auflösung, bis ich ihm das Haus zeigen kann, in dem ich groß geworden bin. „Und was ist das?“ fragt Tom und klickt auf das Weiße in der Nähe. Das sind die Alpen, sage ich. „Konntest du von deinem Haus aus die Berge sehen?“ Bei schönem Wetter, ja. Dann zeigt mir Tom, wo er aufgewachsen ist, in Israel in einem Kibbuz, und wo er mit seiner Familie (oder vielmehr seine Familie mit ihm) hingezogen ist, als er vier war. „Von dort konnte ich auch die Berge sehen. Wir sind aus dem Kibbuz weggezogen, weil wir Kinder alle in eine Art Kinderheim kamen, schon als Babys, damit die Mütter arbeiten gehen konnten. Als Mutter durftest du ein paar Mal am Tag vorbeikommen, um mit dem Kind zu spielen. Ansonsten haben die Babys in diesem Kinderheim gelebt. Und geschlafen. Und dann, als ich einen Bruder bekommen habe, haben meine Eltern entschieden, wegzuziehen, um als Familie zusammen leben zu können, wir alle zusammen. Ich glaube, ich habe aus dieser Kinderheimzeit was mitgenommen, daran hab ich jetzt noch zu knacken. Menschenmengen, beispielsweise, schaff ich nicht, da muss ich außenrum gehen.“

„Ich bin nach Berlin, weil es in Israel einfach nicht möglich ist, zu leben. Es ist Krieg, die Leute haben Angst, jeder lebt in Angst, ob eine Bombe einschlägt, dieser Krieg zermürbt alle, die Menschen sind alle angespannt und in ihren Köpfen…“, Tom verkrampft eine Hand vor seiner Stirn, „jeder kennt mindestens einen, der in diesem Krieg umgekommen ist, oder war selbst bei der Armee und musste jemanden töten, oder was weiß ich – ich konnte schon, wenn ich zu Hause in meinen vier Wänden war, allein, nicht mehr klar denken. Und dann ergab sich die Gelegenheit – und ich bin hierher. Ich hab auch den deutschen Pass, weil meine Großeltern damals nach Israel ausgewandert sind.“

„Ach, dieser Krieg“, sagt er, „das ist gar kein Krieg, also, das ist natürlich Krieg, aber das sind nicht die Menschen hier“. Er fährt mit der Maus über die Google Earth Ansicht von Israel und Palästina. „Das sind einzelnen Menschen hier (Klick auf USA) und hier (Klick auf irgendwo zwischen den Karibischen Inseln) und hier (Klick auf Russland), die machen das, die sitzen da und spielen das Spiel, ja, DIE spielen Schach. Und wir Menschlein, wir marschieren los, wie die Roboter.“

„Es ist so schwierig, hier in diesem Viertel die Lücke von Mensch zu Mensch zu überbrücken. Das ist in anderen Vierteln leichter, in Kreuzberg und in Neukölln, zum Beispiel, da sind die Leute jünger und auch… offener. Hier hingegen leben so viele Familien, jeder lebt so sein Leben vor sich hin“, Tom formt mit seinen Händen ein heiles, geschütztes Weltlein.

„Und trotzdem wollte ich hier leben. Ich dachte, dass ich hier Kontakt zu vielen Architekten finden würde, für meine Arbeit“ – Tom entwirft am Computer 3D-Modelle für Architektenpläne – „aber das hat nicht so richtig geklappt. Ich habe bei 150 Architekten angerufen, und nur einer hat sich zurückgemeldet. Mein Deutsch ist noch so schlecht am Telefon, da verwechsel ich einmal das „Sie“ mit dem „Du“, und schon… wuah… komme ich total durcheinander.“

„Und außerdem mochte ich die Ruhe hier. Ich wollte zum Beispiel nicht in Kreuzberg leben. Mir sind da zu viele… Araber. Ich hab da Angst. Ich habe Angst, im Dunkeln da lang zu gehen – die ganze Atmosphäre, die sie verströmen, diese bullige Attitüde auf den Gehwegen, das kenn ich schon, das hatte ich zu Genüge.“

In Tel Aviv ist Tom mit einem DJ zusammen aufgetreten und hat live Gitarre gespielt, die der DJ live gesampelt hat. „Wir waren verrückt. Wir haben auch auf der Straße angefangen zu spielen – und die Leute haben Party gemacht und getanzt, bis sie in Trance waren.“

„Aber ich bin kein Perfomer“, sagt er über sich, „ich kann mir nichts aneignen und das dann auf einer Bühne wiedergeben. Ich spiele, wie es aus mir rauskommt.“ Nebenbei baut Tom aber auch diese Kristalllampen. Und demnächst kommt ein Geschäftsfreund von Toms Vater nach Berlin, und die beiden werden wohl zusammen eine Bäckerei eröffnen. „Ich weiß nur noch nicht, wo. Ob hier. Oder in Charlottenburg. In Charlottenburg wäre sicherlich mehr jüdische Kundschaft.“

Tom lächelt, als ich ihm von meinem Wettbüro erzähle. „Das ist so continental“, sagt er, „das ist so europäisch. Anderswo verhungern die Menschen und hier, auf dem Kontinent, hier will man schon immer einmal Bungee Jumpen. Naja. Vielleicht wird das ja durch die Zeitigkeit des SCHON IMMER impliziert. Hunger hast du JETZT.“

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hinterhausbewohnende, kuchenbackende und neugierige prenzlauerbergerin mit süddeutschem migrationshintergrund
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