„Warum hast du denn an der Gegensprechanlage nichts gesagt?“ fragt mich Jochen barsch, als ich vor seiner Wohnungstür stehe. Ich, äh, stotter ich wiekriegichbloßdieKurveundbleibseriös, da kam grad jemand raus und ich bin reingeschlüpft. (Was auch so war. Aber wie soll ich Jochen bloß erklären, dass es mir zu peinlich war, vor diesem Rauskommer mein Projekt lang und breit über die Gegensprechanlage zu filettieren? Dass es bei meinem Projekt sowieso immer schlau ist, jede Gelegenheit zu nutzen, um ins Haus zu gelangen? Dass für mein Projekt FaceToFace IMMER besser ist, als diese elende Gegensprechanlage. Und dass ich an der Wohnungstür auch viel besser… mein SCHOKOBROT präsentieren kann! Tadaaa!) „WOW, Schokobrot!“ Jochen krümmt sich vor Begeisterung, „LOS, KOMM REIN!“
Jochens Küche: Vinylplattiges und Schilfrohrbambusmatten (oder was ist das? Diese sandfarbenen Dinger, die man üblicherweise als Sichtschutz verwendet?) an der Wand. Leichtes Karibikfeeling. Also, wenn ich nach links schau. Rechts ist es eher einbauküchig und oben, oben ist es so… DeckenstrahlerAnDiagonalGespanntenDrahtseilig.
„Ach, ich find das gut, dass die Schwaben hier sind“, erklärt Jochen gleich, während es uns den Yogitee macht – „und ich find Immigration überhaupt gut, ich finde, jeder soll da leben dürfen, wo er leben will. Und, ganz ehrlich, DIE Schwaben, die nach Berlin kommen, das sind diejenigen, die hier dann eigentlich erst richtig abgehen, weil sie es zu Hause in ihrem Kleinstädtle nicht können, weil sie da nicht schwul sein können – oder was auch immer – und DIE sind es, die Berlin dann überhaupt so interessant machen. Ganz viele Clubinitiatoren sind Schwaben, oder Zugezogene, das sind doch alles keine Berliner, Tresor und so weiter. Der Berliner an sich ist dörflich und prollig. Und rüpelig. Der reißt doch nichts! (Jochen darf so reden, er ist Berliner.) Und das Höchste der Gefühle, was der Berliner an Lob so aus sich rausbringt, ist: „da kannste echt nicht meckern.“ Da bringen die Schwaben wenigstens ein bisschen bürgerliche Freundlichkeit mit.“
Obwohl sich dadurch natürlich schon einiges gewandelt hat. „Aber gut“, Jochen zuckt mit den Schultern, „das ist eben so, eine Stadt verändert sich. Früher war halt die Verabredung, dass spießige Leute mit Geld, wenn es ihnen zu laut wurde, an den Stadtrand ziehen, in Bezirke wie Zehlendorf, Lichtenberg. Diese Verabredung gilt aber heute irgendwie nicht mehr, diese Leute wollen jetzt hier, in der City, bleiben.“
„Aber ich muss auch sagen: ich bin neidisch, ja, ich hab da Neid, wenn ich mitbekomme, die ziehen hierher WEGEN des Jobs, oder ziehen hierher und KRIEGEN Jobs, und HABEN dann auch noch ein dickes Auto – und ich, ich krepel seit Jahren so vor mich hin. Ich hätte überhaupt nichts dagegen, ein dickes Auto zu fahren, oder hier in so einer Dachgeschoßeigentumswohnung zu wohnen, mit Sauna und allem. Hätt ich überhaupt nichts dagegen!“
Jochen war DJ und hat Gras angebaut, im großen Stil. Waaas, sag ich, wo denn. Jochen springt auf und zeigt mir den Verschlag, der jetzt und heute allerdings nur noch eine Abstellkammer ist. (Ja, ich hab versprochen, das zu betonen.) Aber oben hängt noch die weiße Folie, die zu hundert Prozent Licht reflektiert, und ein Belüfter und noch so manch andere ProfiEinrichtung, Jochen erklärt von A bis Z. „Im Badezimmer war blaues Licht, da dachten die Pflanzen, es wäre Sommer. Und hier war rotes Licht, da dachten sie, es wäre Herbst – und blühten. So kam ich auf vier Ernten im Jahr, das machte je 3000 Euro.“
Nebendran klebt an der Wall of Fame eine beachtliche Sammlung namhafter Flyer von Jochens DJtum. Die Flyerflut endet 2001. Was war los, frag ich. Frank dreht den Kopf zur Seite. „Da ging meine Beziehung zu Ende. Das war ein ziemlich unschönes Ende, mit viel Koka und Alkohol im Spiel. Sie wär hier fast aus dem Fenster geflogen… Das ist jetzt acht Jahre her- und irgendwie bin ich aber trotzdem noch nicht über sie hinweg. Ich hab schon mal ein Techtelmechtel. Das dauert dann eine Woche. Wenn überhaupt.“ Er lacht kurz auf.
„Jedenfalls hab ich mit allem aufgehört, mit dem Nachtleben, mit den Drogen – hier war sonst immer Party, immer ein Pegel von mindestens sechs Leuten hier in der Bude, Afterparty und aus dem Club raus hier weitergemacht – ja, und ich hab sogar nochmal studiert. BWL. Ich wollte es ihr beweisen.“
„Aber nach dem Studium hab ich 60 Bewerbungen geschrieben. Davon kamen zwei Antworten und eine davon war eine Absage. Die andere war ein Trainee Angebot mit einem Gehalt von 700 Euro. Hurra, ich hab 8000 Euro Bafög Schulden – und wenn es gut läuft, hab ich später ein Einsteigergehalt von EinsFünf?“
„Auf dem Amt muss man sich dann anhören, dass man schließlich keine Steuern zahlt. Ich zahl keine Steuern, hab ich gesagt? Tabaksteuer, Kaffeesteuer, Mehrwertsteuer – ich zahl genauso Steuern, wie alle anderen auch. Und das ist schließlich nicht IHR persönliches Geld, die tun gerade eben so, die Damen auf dem Amt, als würde ich IHR Privateigentum verprassen.“
„Das ist so. Das ist die Schuldenkrise. Die ja genaugenommen keine Schuldenkrise ist. Ich hab das ja studiert. Einfache Kostenbilanzrechnung: irgendwo muss das Geld ja sein. Wenn ich mir ein Auto vom Autohaus hole, dann hab ich zwar Schulden bei der Bank – aber ich hab doch auch das Auto. Verstehst du, irgendwer HAT doch das Geld, das Geld, das geschuldet wird, das existiert doch irgendwo. Das kommt daher, dass es ein paar wenige sehr reiche Leute gibt. Ganz einfach.“
„Und als die Banken gerettet werden mussten, da haben die in ein paar Tagen über, das muss man sich vorstellen, 500 Milliarden Euro entschieden. In ein paar Tagen! Für eine Erhöhung des Hartz Vier Satzes um ZWEI EURO haben sie anderthalb Jahre diskutiert. Und diese zwei Euro entsprechen noch nicht einmal der Inflation für diesen Zeitraum! Der Geldwert ist gesunken – und dem wurde nicht entsprochen. Zehn Euro am Tag für Essen? Und was machste, wenn der Schuh kaputt geht? Oder die Hose?“
„Ja, und deswegen bin ich zum Bau. Da bin ich „hand“, früher hieß das Rowdy. Ich bin also ungelernte Arbeitskraft und bin bei mehreren Agenturen, über die ich meine Jobs kriege. Und ich verdiene genauso viel, wie eine Bekannte von mir, die ist in leitender Position bei einem internationalen Unternehmen. Studiert. Das ist doch absurd, oder?“
„Andererseits, hier im Prenzlauer Berg wird man ja ganz besonders damit konfrontiert, als Single, ohne Familie, ohne Kinder: wofür die ganze Kohle? Und irgendwie, hab ich das Gefühl, wird man von den Frauen so sehr bewertet, was man hat. Ich hatte hier drei Bekanntschaften, denen war ich allen „nicht geistig“ genug. Wenn da mein Bauarbeiterhelm im Zimmer liegt, oder meine Stahlkappenschuhe. Man muss sagen können: hier ist mein Auto, hier ist mein IPhone, hier ist mein DingsWasWeißIch. Was ist das bloß? Früher hatte man etwas miteinander, und dann schaute man, wohin das führt. Heute, hab ich den Eindruck, wollen die Frauen vor allem etwas geboten bekommen. Natürlich am Besten etwas ÜBER ihrem Stand.“
„Und mein Chef, wenn der eine Ausschreibung macht, dann schreibt der uns alle an per Sms: drei Wochen Bau in Griechenland – macht mir doch mal ein Angebot. Und dann müssen alle antworten, für wie viel Lohn sie den Job machen würden. Der spielt uns gegeneinander aus. Und wir lassen es mit uns machen. Ich glaube, das war früher anders. Da hat noch nicht jeder so sehr auf sich allein geschaut. Dabei sind WIR schließlich diejenigen, die es möglich machen, dass die Bonzen überhaupt ihre Galas feiern können. Anstatt dass wir zusammen halten, machen wir uns gegenseitig fertig.“
„Aber jetzt: Occupy Wall Street, Umverteilung, Bedingungsloses Grundeinkommen – ich habe da für mich so eine Erlösungserwartung in naher Zukunft. Und ich glaube, dass ein Umdenken im Volk notwendig sein wird: wie wollen wir gemeinsam und zusammen leben.“

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