Noch 36 Tage und schon 117 Kaffees: Herr und Frau B.

Bei B.s steigt man ein Treppchen ins Wohnzimmer hinab. Das Wohnzimmer war früher, vor der Wende, bevor B.s einzogen, eine Einzimmerwohnung im Seitenflügel – daher der innerwohnungsliche Höhenunterschied. Dieses Treppchen ist wie EichhörnchenKehrtInSeinenKobelZurück, kuschlig, kuschlig. Herr B. zieht los, um mir einen so genannten Weihnachtstee zu brauen. „Wollen Sie vielleicht einen Sauerkirschschnaps zu Ihrem Tee? Einen selbst gebrannten?“ fragt derweilen Frau B. und macht sich schon an dem kleinen Hausbarschränkchen in der Wohnzimmeranrichte zu schaffen. Ich höre mich hoch erfreut ohjasehrgerne sagen, ich, die ich mein Schnapsenzym einst brutal zur Selbstaufgabe gezwungen habe. Aber hier, bei Herr und Frau B., so spüre ich, gehört jetzt dieser Sauerkirschschnaps, der selbst gebrannte, einfach dazu, so wohnlichgemütlich, weihnachtssternheimelig, eckcouchbequemlich, teppichflauschig und gardinensiebzig, wie es hier ist. Ich bekomme mein rubinrotes Schnapserl in einem Likörglas. Und meinen Weihnachtstee in rotzwiebelgemustertem Porzellan.

Leider gestikuliere ich stark, wenn ich emotional bewegt bin. Das ist grundsätzlich angenehmer, als zu transpirieren, beispielsweise, aber auch heikler – vor allem, wenn Likörgläser und Flauscheteppichs mit im Spiel sind. Das Schnapserl bewegt mich sehr, emotional. Ich gestikuliere das Schnapserl vom Couchtischchen. Wir tupfen und wischen. Das verbindet. (und ich bekomm ein neues Schnapserl.)

Frau B. erzählt, dass die meisten Altmieter im Haus weggezogen sind. „Ich möchte jetzt aber nicht sagen, dass die hier ausgezogen sind, weil die Mieten so teuer wurden, die einen haben sich getrennt, und für einen allein war es zu teuer und so weiter, das hatte stets andere, private Gründe. Das war damals, als die auszogen, noch nicht so.“

Frau B. holt das Fotoalbum aus der Anrichte und zeigt Schwarzweißes. „So sah es hier aus, als wir eingezogen sind. Der Nachbar unter uns hatte in seiner Wohnung Wannen und Eimer aufgestellt, damit er im Trockenen saß, so leck war das Dach über uns. Dann wurde alles renoviert. Hier, in diesem Zimmer war so unglaublich viel Baustellendreck.“ Frau B. zeigt das Zimmer, in dem wir jetzt sitzen, kahl, mondlandschaftlich, man riecht den frischen Putz. „Ja“, sie lacht, „so sah das vorher aus.“

„Und hier ist unser Sohn bei… naja, das werden Sie ja kennen.“ Auf dem Foto blaugeknotetes Halstuch und ernster Blick bei einem feierlichen Handschlag mit der Lehrerin. Aha, Jugendweihe, tippe ich – aber kennen tu ich das nicht, ich komm aus Süddeutschland. (Abgesehen davon, dass ich dafür noch zu jung gewesen wäre. Räusper. Ich bekomme eben einfach wenig Schlaf im Moment, augenringendrumkrebs. Das geht alles wieder weg. Dann.)

„Das war kurz bevor die Mauer geöffnet wurde. Da standen hier, wo die Polizeiwache war, die Leute an um einen Stempel, um damit „nach drüben“ gehen zu können. Wir sind auch „rüber“, wollten die Mutter meines Mannes besuchen. Die war aber gar nicht da. Da sind wir dann einfach so ein bisschen durch die Straßen spaziert. Und unser Sohn sagte: „Die Häuser sind hier ja gar nicht golden!“ Ja, es war eigentlich ziemlich normal. Trotzdem, es war ein Gefühl von Freiheit, dieser Tag. Auch wenn wir mit dem, was danach kam, nicht immer einverstanden waren, nicht wahr?“ richtet sich Frau B. an ihren Mann.

Herr B. nickt. „Ja. Ich hatte in einem Betrieb für Lokmotoren gearbeitet, als Produktionsleiter. Ich war zuständig dafür, dass zur rechten Zeit die richtigen Teile produziert wurden, damit sie rechtzeitig da und dort sein konnten, also: planwirtschaftliche Kooordinierung. Der Betrieb wurde dann über die Treuhand abgewickelt. Da war ein gewisser Müller, der hat, als klar wurde, dass der Betrieb aufgelöst werden wird, seinen Posten gekündigt, eine Schrottfirma gegründet – und alles, aber auch alles aus dem Betrieb rausgeschafft, was irgendwie verwertbar war: riesige Motoren, lastwagenweise Werkzeuge, Rotorblätter von Turbinen, wir hatten auch für den Schiffsbau produziert – Sie können sich wahrscheinlich nicht vorstellen, welches Ausmaß das hatte. Ja, die von der Treuhand, das waren natürlich alles Westler.“

„Und dann wurde auch mir gekündigt. Ich hatte zunächst dagegen geklagt. In der Begründung hieß es, das sei im Zuge der Massenentlassungen – und das stimmte auch, aber zufällig und gerade an dem Tag, als ich entlassen wurde, war ich der einzige. Ich habe dann noch ein Jahr in einer anderen Abteilung gearbeitet – aber dann wurde das Werk ganz geschlossen. Und tausende standen auf der Straße. Dabei hatten wir schließlich zu DDR Zeiten auch für den Westen produziert.“

„Ja“, pflichtet ihm Frau B. bei, „und so ging es vielen Betrieben. Die Kaliwerke im Südharz, beispielsweise, die allesamt sehr erträglich waren, wurden auf DDR Seite geschlossen, und auf BRD Seite weitergeführt. Die Bergleute haben massiv gestreikt damals, in den Stollen übernachtet – es hat nichts genutzt. Die standen dann von einem Tag auf den anderen alle auf der Straße.“

Herr B. war seither arbeitslos, mittlerweile aber ist er berentet. Natürlich mit Abzügen, wegen der Arbeitslosigkeit. „Aber mit über 50 findet man einfach keinen Job. Und ich als Ingenieur war auch nicht am Computer ausgebildet, wie es im Westen verlangt wurde. Ich rutschte dann von einer ABM zur Weiterbildung, dann wieder in eine ABM und wieder Weiterbildung – es war völlig absurd. Und, ja: ich war lange Zeit deswegen… depressiv, weiß ich jetzt nicht, aber ja, es ging mir sehr schlecht.“

„Ja, diese EXISTENZANGST. Den Ostdeutschen wird ja oft vorgehalten, sie würden jammern“, sagt Frau B., „aber das kannten wir einfach nicht, wir waren ja alle versorgt. Wir hatten natürlich auch unsere Sorgen, aber diese Existenzangst, die einen auffrisst, die hatten wir nicht.“

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hinterhausbewohnende, kuchenbackende und neugierige prenzlauerbergerin mit süddeutschem migrationshintergrund
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2 Antworten zu Noch 36 Tage und schon 117 Kaffees: Herr und Frau B.

  1. Pingback: Ihr ward wunderbar. (das offizielle Ende). | hausbesuchwins

  2. avalon schreibt:

    hach, das schnapserl ist wirklich allerliebst…

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