Noch 33 Tage und schon 119 Kaffees: Dunja.

Dunja lacht an der Gegensprechanlage. Ist es recht, wenn dieser Mensch hier mit seinem Aufnahmegerät auch mit reinkommt, frag ich, als wir bei ihr an der Tür stehen. Dunja lacht noch mehr. „Soll reinkommen.“

„Eben war ich noch sehr traurig, habe geweint und wollte mich gerade ins Bett verkriechen und ein bisschen die Decke über den Kopf ziehen“, sagt sie und stellt selbstgemachte Plätzchen, (Mmmh, ja, das ist was anderes als trocken Stollen, pärgh), auf den kleinen Küchentisch, „Und jetzt sitzt ihr auf einmal hier in meiner Küche.“

Sag mal… ich rechne die Stockwerke nach oben, lieg ich richtig – hattest du nicht bis vor kurzem dein Fenster so mit… Papier zugeklebt? Dunja lacht. „Wie, das ist dir aufgefallen? Also, ja, es stimmt – schau mal da nach gegenüber, da wo jetzt offensichtlich renoviert wird – da lebte ein alter Knacker, der ist wohl jetzt gestorben, oder sonst irgendwas ist mit ihm, jedenfalls: der hat gespannt. Das war ein Säufer, und wenn er sich dann mal wieder so richtig schön einen angetrunken hatte und mutig genug war – so stell ich es mir vor – dann hat er mir anonyme Briefe geschrieben, die begannen mit: „Mein süßes Früchtchen.“ Iihh. Ich bin bisher in dem Glauben durch die Welt spaziert, Gardinen seien spießig. Aber als mir bewusst wurde, dass der ja alles hier drin sehen kann, mein Bett steht auch noch direkt am Fenster, da hab ich dann doch Gardinen aufgehangen. Und hier in der Küche eben ein paar Zettel als Sichtschutz geklebt. Jetzt ist er weg, jetzt hab ich die Zettel wieder abgemacht.“

Dunja ist Berlinerin, aber wollte lange Zeit auswandern, nach Sibirien. „Ich bin losgezogen mit meinem Rucksack auf dem Rücken und dachte, ich wandere einfach drauf los, klopfe an Türen, erzähle von meinem Leben und finde dann ein Aus- und Unterkommen – ein bisschen also, wie du. Ich war als Geschichtenerzählerin unterwegs. Allerdings kam ich nur bis Tschechien. Mein Papa, der sich sehr früh von meiner Mama und mir getrennt hat, hat in der Mieterberatung gearbeitet. Und der hat mich, noch bevor ich losgezogen bin, angerufen, und gesagt, dass hier eine Wohnung frei ist und ich sollte unbedingt zuschlagen, weil ich nie mehr eine so billige Wohnung finden würde. Und ich dachte nur, naja, wenn er unbedingt will, dass ich die miete, dann miete ich die halt. Ich dachte, ich komme sowieso nicht zurück, aus Sibirien. Und bin los.“

„Aber dann hat mich mein Papa irgendwie ausfindig gemacht, wo ich wohnte, damals, in Tschechien, über eine Postkarte, die ich an ihn geschickt habe, und hat Druck gemacht, ich solle zurück kommen, irgendein Wohngeldantrag würde auslaufen.“

„Da bin ich dann also zurück gekommen. Und hier eingezogen. Und, weil die Wohnung so günstig ist, kann ich sie auch nicht wirklich aufgeben, obwohl ich schon gerne würde, weil es ja die Wohnung ist, die mein Papa mir besorgt hat. Aber die Wohnung ist eben durch die Mietpreisbindung sooo sensationell günstig…“

Dunja ist Yogalehrerin und betreibt ein geheimes, illegales Studio in ihrer Wohnung. „Das ist ein kleiner Raum, den hab ich mit Matten ausgelegt, darin gebe ich Shiatsu.“ (Ich weiß sofort, was ich mir zu Weihnachten schenke.) „Aber ich darf keine Werbung dafür machen, denn eigentlich darf niemand davon wissen. Ich hatte die Hausverwaltung anfangs gefragt, ob ich es machen darf – und die hatten an sich nichts dagegen, aber dann haben sie heraus gefunden, dass man die mietpreisgebundenen Wohnungen nicht teilgewerblich nutzen darf.“ (Ach so. Mietpreisgebunden schon, weil finanziell knapp, aber einen extra Gewerberaum kann man sich leisten. Hä?) „Da hab ich erst hin und her überlegt, lass ich es, oder mach ich es trotzdem, schwarz. Jetzt mach ich es halt schwarz.“

Und warum warst du vorhin traurig, frage ich. „Weil… Moment mal, ich kenn euch doch gar nicht – wollen wir vielleicht einen Schnaps?“ Her mit dem Schnaps, sag ich. Dunja zieht einen Honigschnaps und einen Slivovitz unter der Spüle hervor (ja, da gehört er auch hin: zu den Rohrfreireinigern! Ächz): „die hab ich geschenkt gekriegt, welchen wollt ihr denn?“ Der Slivovitz sieht gut aus, sag ich übermütig. Dunja stürzt das Gläslein, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. (Ich verbrenn mir schon durchs VonFerneAmGläschenSchnuppern die Riechschleimhäute.) „Also, was wollt ich gleich wieder erzählen?“ Warum du traurig warst. „Ja, stimmt. Weil ich schon wieder eine Beziehung in den Sand gesetzt habe. Und dabei doch so gerne ein Kind hätte. Und hier, Prenzlauer Berg, man sieht ja nur ständig Kinder und Familien.“ Ja, aber so heididei, wie das auf der Straße immer aussieht, ist es doch auch nicht. „Ja, das mag schon sein, dass manch eine Beziehung am seidenen Faden hängt – das kann ich mir rational ja auch alles so sagen und erklären. Aber es hilft trotzdem nichts und ändert nichts daran!“

„Familie, ja. Ich will einerseits und andererseits hab ich unglaublich Angst davor. Deswegen suche ich mir wahrscheinlich auch die Männer, mit denen es auf keinen Fall klappen kann. Vielleicht sollte ich mir jetzt Männer suchen, die mir nicht gefallen. Die, die mir gefallen, sind auf ihre Art immer alle eine Katastrophe.“

Über rotkapi

hinterhausbewohnende, kuchenbackende und neugierige prenzlauerbergerin mit süddeutschem migrationshintergrund
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