Noch 30 Tage und schon 123 Kaffees: Jacqueline.

„Eigentlich hab ich die Heizungsableser erwartet“, lacht Jacqueline, „ da hab ich mich jetzt schon erstmal gewundert, was das für ein Text ist an der Gegensprechanlage.“ Jacqueline setzt uns im rot gestrichenen Wohnzimmer ab, auf der tiiiefen Couch, auf der ich sofort im Schneidersitz sitzen will (und es auch tu) und macht uns Tee. Auf dem Basteltisch lange Streifen für Fröbelsterne. Und schon eine ganze Schuhschachtel fertiger Fröbelsterne. Ein Krippchen steht auf einem Servierwägelchen. An den Fenstern hängen diese, die hab ich ja schon lang nicht mehr gesehen, gefalteten Sterne aus Transparentpapier.

Jacqueline bringt auch gleich noch selbst gemachte Plätzchen mit, „dann müsst ihr nicht ständig Stollen essen. Und ich, ich werde dieses Jahr so mit Plätzchen überhäuft, ich arbeite in einer Arztpraxis – und alle Patienten wollen dieses Weihnachten besonders viel schenken. Hier stapeln sich Mon Cheri, und Plätzchen, und Sekt, ich hab die ganze Küche voll.“

Jaqueline wurde in Dessau geboren, aber praktisch GLEICH nach der Geburt, sagt sie, hierher in den Prenzlauer Berg getragen. „Ich habe zunächst lange Jahre um den Helmholtzplatz herum gelebt – und ich finde es toll, wie sich alles verändert hat. Zunächst gönne ich es jedem Haus, dass es schön gemacht wird.“

„Und dann sagen viele: früher war alles besser, früher hatte jeder Arbeit. Aber dass da jeder in eine Arbeitsstelle gestopft wurde, in der er kreuzunglücklich war, das sagt keiner. Oder dass viele auf der Arbeit nur rumgesessen sind, weil es an Material fehlte.“

„Oder dass es zum Beispiel schwierig war, als Alleinerziehende mit zwei Kindern. Unterstützung gab es keine, Teilzeit gab es auch nicht. Ich war am Rotieren, Arbeit, Kinder abholen, versorgen, nachts hab ich lange gesessen und genäht und gestrickt und gemacht und getan, weil einfach so wenig Geld da war. Und das wird oft vergessen, dass zwar die einen Lebensmittel billig waren, Brot zum Beispiel – dafür aber die Butter viel teurer, als sie es jetzt ist.“

„Mitte der Achtziger hab ich meinen Ausreiseantrag gestellt. Den hab ich aber 89 dann wieder zurück gezogen. Ich weiß nicht genau, warum, irgendwie spürte ich, dass sich was verändern würde. Und dann, am 7. Oktober, stand ich oben auf meinem Balkon und die Massen zogen vorbei von der Gethsemane, und ich bin immer wieder raus, und wieder rein, und wieder raus, meine beiden Töchter haben geschlafen, Mittagsschlaf. Und unten liefen sie mit Plakaten: „Du da oben, lass das Gaffen sein, komm auf die Straße und reih dich ein“ (ich dichte aus dem Gedächtnis, ich bin nicht sicher im Wortlaut!) – und da wusste ich, ich MUSS da mit runter – und da hab ich bei meiner Nachbarin geklingelt und gesagt: „Deborah, die beiden Mädchen schlafen, entweder du machst ihnen später Abendbrot, oder du machst ihnen morgen Frühstück und bringst sie zu meinen Eltern.“ (Mir laufen plötzlich die Tränen. Das hat so eine Gewalt, als Jaqueline das erzählt.)

„Wir standen so: Nase an Nase, der Polizei gegenüber, die hatten uns eingekreist, von der anderen Seite kam aber auch ein Strom Demonstranten und hat wiederum DIE eingekreist, die hatten auch irgendwie Schiß – der aggressivste Satz meines Lebens war an diesem Tag: (sie schreit – aber in Zimmerlautstärke – einen Polizisten an) „KEINE GEWALT!“ – und ich war auch schon auf einem Lastwagen oben drauf, von dem haben mich in letzter Sekunde zwei junge Kerle noch runtergehoben, und mir war so schlecht, ich bin ins Gebüsch und hab erstmal gekotzt und bin dann auf allen Vieren nach Hause, mein Arm bis hier oben geschmerzt vom Verdrehen.“

„Das war ein Tag – wenn ich jetzt Dokumentationen sehe, Rückschau, dann ist das ein überwältigendes Gefühl, da dabei gewesen zu sein, dabei gewesen zu sein, als Geschichte gemacht wurde.“

„Meine Wohnung in der Schliemann hab ich dann aufgegeben, als hier eine Wohnung frei wurde, ich bin ja sehr in der Gemeinde engagiert – und dann wurde mir die angeboten, du, Jacqueline, wolltest du dich nicht verkleinern. Als ich dann für meine Wohnung Nachmieter gesucht habe, haben die – ohne irgendwas in der Wohnung zu renovieren – den Mietpreis von 500 auf 960 angehoben. Einfach so. Und die Leute haben mir die Bude eingerannt, alle wollen am Helmholtzplatz wohnen, ich hatte schon am ersten Tag, als die Wohnung inseriert war, 40 Anrufer auf meinem AB. Die musste ich dann alle abtelefonieren.“ Jacqueline verdreht die Augen. „Naja, manchmal benimmt man sich wie ein Huhn, das macht man dann einmal, aber dann auch schon nicht mehr.“

„Hier jedenfalls fühl ich mich richtig wohl, ich wohn hier so günstig, und mit dem Riesenbalkon hab ich im Sommer fast schon ein drittes Zimmer – ich will hier erst wieder raus, wenn sie mich, die Füße vorwärts, raustragen. Ach, und hier: habt ihr noch jeder einen Fröbelstern.“

Über rotkapi

hinterhausbewohnende, kuchenbackende und neugierige prenzlauerbergerin mit süddeutschem migrationshintergrund
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