Nils tappt mit einem Finger in die Kaffeetasse. „Argh, heiß! – Nicht, dass ihr euch („ihr“ und „euch“, weil ich noch immer mit Jan unterwegs bin) wundert, ich sehe sehr schlecht, dadurch wirke ich manchmal etwas tollpatschig. Das ist eine Netzhautgeschichte, ich sehe alles stark verschwommen.“
Wir sitzen bei Nils in der orangegeschwammtechnikten Küche auf – ja, was ist das eigentlich? Wenn es aus Leder wäre, wäre es ein Bock, ein Pferd, so ein Sportgerät, nur eben in Draufsitzhöhe, also: ohne Anlauf und hopp. Ist aber nicht aus Leder, ist irgendwie… Frotteebezug? Jedenfalls sehr bequem.
„Ich hab nur… (AufDieKüchenuhrBlick)… zehn Minuten, weil ich Besuch bekomme“, warnt uns Nils vor – und tatsächlich klingelt auch zehn Minuten später schon Andi, der sich zu uns an den Tisch setzt und, weil wir gerade so in Fahrt sind, („Hm, schade“, sagt Nils, „gerade ist es so nett, ich würde mich jetzt gern noch ein bisschen weiter unterhalten…“) sich einfach auch einen Kaffee macht und das Hörspieleinsprechen Hörspieleinsprechen sein lässt. Zumindest vorerst.
„Wir haben erst in Neukölln gewohnt. Dann wurde meine Freundin schwanger – und wir haben entschieden, dass wir unser Kind nicht in Neukölln groß ziehen wollen, warum, das brauche ich dir sicher nicht zu erklären. Als Erwachsener ist es etwas anderes, da kann man dort wunderbar wohnen, und Leute anders einordnen, Menschen, die einem nicht gut tun, kann man den Rücken zukehren, mit denen muss ich keinen Umgang pflegen – ein Kind aber kann das nicht, das identifiziert sich einfach mit seiner Umgebung, das kann da nicht Unterscheidungen treffen. Und deswegen waren wir nicht lange wählerisch, meine Freundin war schon hochschwanger, du wirst ja wissen, wie das so ist, beim ersten Kind, da will man möglichst schnell und rundum das Nest fertig haben. Deswegen sind wir hier eingezogen.“
Mittlerweile lebt Nils von seiner Freundin getrennt („wir verstehen uns aber noch sehr gut, wir haben uns nur irgendwie auseinander gelebt. Und dann ist sie auch eine, die unheimlich viel macht.“) und hat statt Freundin und Kind zwei Mitbewohner. „Das dritte Zimmer ist eigentlich so klein, dass es selbst als Kinderzimmer zu klein gewesen wäre. Aber der wohnt da drin.“
Langsam aber wird die Miete zu teuer. „Weil wir so Hals über Kopf eingezogen sind, war uns auch erstmal die Staffelmiete egal. Wir haben das gar nicht überblickt, was da auf uns zukommt, das potenziert sich ja jährlich. Jemand meinte, das wäre doch gar nicht rechtens, Staffelmiete, aber ich war beim Mieterschutzbund, und die sagten, das ist alles legal.“
Nils ist Musiker, Bassist, hat Musik erst in Amsterdam, und dann, als er seine Freundin kennen gelernt hatte, in Berlin studiert. Er hat, wie es so ist, mehrere Bands. Und hat gerade eben ein Hörspiel fertig geschrieben und abgeschickt, schreibt an einem Buch und schenkt mir, zum Schluß, eine CD – seine natürlich. Andi ist nicht minder vielseitig, wie er erzählt, nur leidet er an Antriebsschwäche. „Aber nicht, wie man vielleicht denken kann, ein bisschen Hängen und Faulsein, nein, das ist richtig massiv, wie eine tiefe Depression, ich hab es sogar schon mit Medikamenten versucht. Aber von denen hab ich zugenommen, und es also wieder sein lassen. Und wenn ich dann eine Phase habe, in der ich etwas schaffen kann, dann bin ich trotzdem immer noch unzufrieden, weil ich das Potential sehe und einfach gerne mehr, viel mehr machen würde.“ –
„Ach“, sagt Nils zu ihm, „ich finde, da stapelst du jetzt aber tief“, und an uns gewandt: „er macht nämlich total viel. Und: er ist ein hervorragender Sprecher.“ „Ja, à propos, wollen wir mal? Du musst doch anschließend noch zur Probe.“

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