Hundegekläff. Frau M. öffnet die Tür. Und lächelt: „Sie waren schon hier im Haus, nicht wahr, Herr Sowieso und auch Familie Soundso haben beide schon von Ihnen erzählt. Und jetzt wollen Sie rein kommen, nicht?“ Ja, sag ich, und ich hab auch noch jemanden vom Radio dabei, auf Jan deut. (Jan: grins.) „Dann kommen Sie – aber ich habe nur ganz wenig Zeit, ich muss noch einen Brief an den Anwalt auf die Post bringen, der muss heute unbedingt raus! Ich lass schon mal den Kaffee durchlaufen. Florian, willst du auch kommen?“
Florian, 12, setzt sich mit an den tischgedeckten Esstisch und isst seine zweite Portion Nudeln mit zerlassener Butter. Die Kerzen an der Weihnachtspyramide werden angezündet, Jan, der kein Stollenesser ist („ich ess Rosinen nur in RumTraubeNussSchokolade, weil ich als Kind nicht verstanden habe, dass getrocknete Trauben Rosinen sind“), bekommt extra Lebkuchen und aus der Schatulle einen Silberlöffel für seinen Kaffee, zum Einrühren der Kaffeesahne. Gardinen. Eckcouch. Und eine beeindruckende massive Bücherregalwand, so ein Regal, in dem jedes Fach eine extra Glasscheibe davor hat, zum HochHebelÖffnen, als Staubschutz.
„Die vorherigen Hauseigentümer“, erzählt Frau M., „haben sich geweigert, die Heizung zu reparieren über lange Zeit, das war eine Reparatur, die mehrere tausend Euro gekostet hätte – und die wussten bereits, dass sie das Haus verkaufen würden, und so haben sie immer nur Notreparaturen durchgeführt. Und die Heizung ist mehrmals ausgefallen. Und so wuchs auch die Mietergemeinschaft hier, wir haben uns natürlich ausgetauscht, ist sie bei euch auch ausgefallen, wie kalt ist es bei euch, sollen wir Mietminderung beantragen. Wir haben so manches Mietertreffen hier in unserem Wohnzimmer abgehalten.“
„Die neuen Vermieter haben aber die Heizung repariert. Die haben zwar auch die Mieten angehoben – aber ich bin in diese Wohnung schon in den 80ern gezogen, mit meinem verstorbenen Mann, ich bin verwitwet, und deswegen ist es immer noch relativ günstig für uns, obwohl die Wohnung nun auch sehr groß ist. Deswegen haben wir die Wohnung auch nicht aufgegeben, als wir wegen meines zweiten Mannes nach Leipzig gezogen sind für sechs Jahre – und jetzt dient sie uns immer noch als Familientreffpunkt, meine drei Töchter, die bereits ausgezogen sind, kommen auch gerne hierher, und jetzt an Weihnachten sind wir zusammen.“
Wir reden viel über WieEsSichVerändertHat, das Thema ist ganz offensichtlich Florians (und auch Frau M.s, natürlich) Steckenpferd. „Mama“, sagt Florian leise vorwurfsvoll und legt seine Hand auf ihre, als sie neben ihm mit dem Lebkuchenzellophan raschelt und er aber gerade in Jans Mikro spricht. „Entschuldige“, Frau M. dreht sich zum Weiterrascheln rücksichtsvoll zur Seite. „Was mich ganz besonders ärgert“, sagt Florian, „ist, dass Familienunternehmen, kleine Läden, die teilweise schon seit Jahrzehnten geführt werden, schließen müssen, weil an ihrer Statt eine große Kette kommt.“
„Und was uns auch noch ärgert, nicht wahr, Florian, ist das Graffiti überall, dass da einfach Jugendliche kommen und sich an Hauswänden verwirklichen müssen, das ist so eine Nichtachtung der Arbeit des Handwerkers und auch der Bausubstanz gegenüber, also, das ärgert mich wirklich kolossal. Das hat es früher auch nicht gegeben. Da gab es einen Gendarm für das Viertel hier, der ist die Straßen auf und ab patroulliert – da gab es NICHTS.“
„Jetzt hingegen das Ordnungsamt, das will nur das schnelle Geld, die bekümmern sich nur, ob ein Auto falsch geparkt ist – dabei, finde ich, sollte der Hundebesitzer, der den Hundehaufen einfach auf dem Gehweg lässt, auch eine Bußstrafe zahlen müssen. Wir haben auch einen Hund, und wir machen die Hundehaufen immer beflissentlich weg, nicht wahr, Florian?“
„Oder“, fügt Florian an, „dass so viele Leute in Cafés sitzen, ohne etwas zu tun. Die müssen doch so viel Geld haben, um dort den ganzen Tag sitzen und konsumieren zu können!“ Und was, frage ich ihn, wenn diese Leute alle arbeitslos sind, und sich seit Stunden an einem heißen Getränk festhalten, weil ihnen sonst zu Hause die Decke auf den Kopf fällt? Zum Beispiel?
„Ja, das ist auch so etwas“, fällt Frau M. ein, „früher gab es keine Arbeitslosen. Da hatten alle einen Job. Und es hatte auch jeder ein Dach über dem Kopf. Das ärgert mich auch, dass jetzt hier so viel gebettelt wird. Ich gebe dann nichts. Denn ich bin der Meinung, dass sich die Politik darum kümmern sollte, die fördern dadurch doch nur weiterhin das System, aber die denken: die Armen untereinander, die werden es schon richten. Aber das sehe ich nicht ein!“
„Jedoch, was ich auch noch hinzufügen muss“, sagt Florian ins Mikro, „ist, dass auf der anderen Seite so viele Steuergelder für Sinnloses ausgegeben werden. Das Stadtschloß, zum Beispiel, da kosten allein die Verzierungen an der Fassade 15 Millionen Euro. Die Verzierungen! Da frage ich mich: dafür haben sie den Palast abgerissen? Dabei war der doch so schön! Darin gab es, das hast du mir doch erzählt, Mama, zum Beispiel eine eigene Bowlingbahn und die größte Bühnenanlage Deutschlands. Jedoch: die Kanzlerwaschmaschine, wie ich es immer nenne – da kommt man nicht so einfach rein, der Palast der Republik hingegen, der war jederzeit zugänglich, der war wirklich FÜR das VOLK.“
„Diese Wegwerfgesellschaft“, sagt Frau M., „die kritisiere ich schon sehr. Deswegen liegt hier auch so viel rum, ich werfe nicht gerne weg, denn das kann man doch noch irgendwie verwenden, wir haben früher eben aus allem etwas gemacht.“
„Nur als Beispiel haben wir uns selbst darum gekümmert, dass der Hausflur und das Treppenhaus reingehalten wurden, anstatt eine Putzfrau dafür zu bezahlen. Da haben auch gerne die Kinder mitgeholfen, dafür gab es eine kleine Aufwandsentschädigung, die haben sich die Kinder nur allzu gerne verdient. Aber das ist heute etwas anderes, welches Kind würde jetzt schon gerne das Treppenhaus putzen.“
„Ja, früher“, erzählt Florian, „also, in den 50ern, da gab es für ein Kind als Belohnung mal einen Pfennig, oder auch ein Bonbon – jedoch: heute, was ist das heute noch wert? Also, wenn ich es mir aussuchen könnte, dann wäre ich lieber in den 50ern geboren, um Kind zu sein, oder in den Zwanzigern.“
„Darf ich noch etwas sagen?“ fragt Florian. Jan hält ihm das Mikro hin. „Liebe Kinder“, setzt Florian an, „wenn ihr das hört, und vielleicht vorhaben solltet, später einmal Unternehmer zu werden und viel Geld zu verdienen: dann gebt etwas ab. Damit alle zusammen besser leben können.“
„Ich finde, Kinder sollten sich informieren über ihre Umgebung“, erklärt Florian, „jedoch: die meisten Kinder sitzen vor ihrem Computer und spielen irgendwelche Spiele – ich hingegen interessiere mich eben für die, ja, etwas unbekannteren Dinge, die da heißen: Geschichte des 20. Jahrhunderts und Programmieren.“
Die Pendeluhr schlägt. Neun Uhr. Herrje. Zu spät für die letzte Leerung. Wir machen uns trotzdem auf den Weg, wird ja auch Zeit. Sogar der Hund hat in der Zwischenzeit in den Flur gepinkelt, obwohl er natürlich und eigentlich stubenrein ist – weil er nicht gebettelt hat, sondern eigentlich raus wollte. „Da gehen wir jetzt aber gleich noch mit ihm runter, Florian!“ bedauert Frau M. den Hund.
Warum sind Sie eigentlich wieder zurück nach Berlin, frage ich noch in dem kleinen Windfang vor der Wohnungstür.
„Ich war mit einem Manager aus Nürnberg zusammen – und irgendwann waren die Sozialisierungsunterschiede einfach zu groß und er ging zurück nach Nürnberg.“ Frau M. erinnert sich mit einem Lächeln: „Er sagte ganz oft: das ist mir zu ostig.“

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FRUEHER da lag meine Mutter nach einer schweren OP im Bett und sabberte beim Essen. Die guten ums Gemeinwohl bekümmerten Nachbarn klingelten aber und sagten, es ginge aber nicht, dass sie die Hausflurreinigung deswegen nicht mache.
Ja, früher da war alles besser, da waren sogar die dummen duemmer.( frei nach Tucholsky)