Noch 29 Tage und schon 124 Kaffees: Larissa, Christoph, Jakob und Eltern.

Larissa sagt: „mein Baby wacht gleich auf, ich weiß nicht, ob das so gut ist, wir haben auch Besuch, meine Eltern sind gerade angekommen, warte, ich frag mal noch meinen Mann“. Christoph kommt an die Tür. Und bittet mich in herzlichem Brandenburgisch ins Wohnzimmer.

Da sitzen auf dem Sofa, wie auf einer Postkarte, Larissas Eltern, der Besuch aus Sibirien. Die Mutter strickt. In der Bilderfreude erstickt mein miserables Russisch. Also, die lächerlichen Restbrocken, die mir aus längst vergangnen Tagen noch in Erinnerung sind. Ich. Will. Wieder. Russisch. Lernen. Genau dafür.

Das Baby wacht auf, Larissas Eltern bespielen den Kleinen auf dem Sofa. Christoph macht schnell ein Teechen. Im Aquarium schwimmen die Schleierflossler, im Käfig zwitschern und krächzen und kreischen die Vogerl – und Christoph wedelt beim Sprechen immer in ihre Richtung, damit sie Ruhe geben. (Was sie auch tun, aufs Wedeln hin. Zumindest für drei Sekunden.)

Larissa und Christoph sind erst vor kurzem hierher gezogen. „Ich hab vorher im Neubau gewohnt und Larissa wollte aber unbedingt in einen Altbau. Wir mussten natürlich Provision bezahlen. Bei Immoscout gibt es ab sofort die Suchfunktion „ohne Provision“, hab ich erfahren, über deren Newsletter.“ Er betont den Newsletter und lacht.

Wir unterhalten uns nur kurz, über Feindbilder natürlich. Prenzlauer Berg Mütter, zum Beispiel. „Ja, da gab es ja diesen Artikel in der taz“, erzählt Larissa, „den hab ich gelesen und fand ihn sehr lustig. Und zutreffend. Obwohl es natürlich zu weit geht, Mütter als Rinder zu bezeichnen. Aber dennoch, denke ich, gibt es hier viele Mütter, die nichts tun, außer Latte Macchiatto zu trinken und einen Ernährer haben, der ihnen das alles ermöglicht.“

Seltsam, sage ich, ich habe jetzt während meiner „Erhebung“ schon wirklich viele Prenzlauer Berg Mutter getroffen – aber keine einzige sitzt däumchendrehend im Café und tut NICHTS. Im Gegenteil. Alle arbeiten – und das nicht zu knapp. Du arbeitest schließlich selbst auch. Larissa zuckt die Schultern. „Aber wenn man weiß, was die Mieten hier kosten, da geht es doch gar nicht anders, da MUSS doch ein männlicher Ernährer dahinter stecken.“

(Ich finde es beängstigend, für die Emanzipation und dit janze, dass alle immer der Annahme sind, hohe Gehälter und dicke Lohntüten könnten nur von männlichen Wesen eingestrichen werden. Das lässt tief blicken, Madame Gleichberechtigung.)

„Ja, der Prenzlauer Berg ist aber natürlich groß“, wirft Christoph ein, „der geht ja bis hoch zur Ostseestraße, da gibt es alles. Und wenn die Mieten hier so teuer werden, dann IST das eben so. Es kann sich ja jeder aussuchen, wo er wohnt. Und wohnen kann. Natürlich ist es hier toll, mit einem Supermarkt um die Ecke, der auch noch bis 24 Uhr auf hat. Aber das kann sich eben nicht jeder leisten. Tja. Ein Freund von mir wohnt da an der Ostseestraße, wo die Neubauten sind, in der Platte, 80 qm für 400 Euro warm, und warm ist da WARM“, sagt Christoph mit einem Blick auf die zugigen Doppelfenster.

Über rotkapi

hinterhausbewohnende, kuchenbackende und neugierige prenzlauerbergerin mit süddeutschem migrationshintergrund
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3 Antworten zu Noch 29 Tage und schon 124 Kaffees: Larissa, Christoph, Jakob und Eltern.

  1. Pingback: Ihr ward wunderbar. (das offizielle Ende). | hausbesuchwins

  2. Katja schreibt:

    So, ich glaube, ich bin tatsächlich durch, mit allen Hausbesuchen – bis jetzt. Status Quo.
    Es hat mir so einen Spaß gemacht, Dich dabei zu begleiten. Wirklich interessante Menschen und Geschichten. Vielen Dank für die ganzen Einblicke bisher. Und ich freue mich auf Weitere.

    Ersteinmal aber schöne Weihnachten, Dir, dem baby und dem Mann.

    Liebe Grüße
    aus dem trüben Hamburg
    Katja

    • rotkapi schreibt:

      Liebe Katja –

      danke fürs Mitlesen/Mitkommen – ich hoffe, du hattest schöne Weihnachten…
      Herzlichste Grüße aus dem wohl ebenso trüben Berlin!

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